Beueler-Extradienst

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Die “unverzichtbare” Nation und die EU-Krabbelgruppe

Zu Unverzichtbarkeiten, Führungsanspruch, auch in Sachen Ukraine, und EU-Gehorsam

Am 13. November erschien ein hochinteressanter Meinungsartikel von Max Hastings bei Bloomberg (Europaausgabe). Hastings ist ein einflussreicher britischer Schriftsteller und Journalist.

Sein Artikel trug die Überschrift “Nur die US können den Ukrainekrieg beenden und Europa schützen“

(eigene Übersetzung)

Im Untertitel hieß es „Amerikanische Anstrengungen hätten eine bessere Aussicht, wenn die EU-Staaten endlich ihren gerechten Anteil zahlten“.

Das fasste die Botschaft prägnant zusammen: Wir, USA, machen die Politik und Ihr Europäer bezahlt mal endlich Euren Teil der Zeche.

Aber man würde dem Anliegen des Autors nicht vollends Genüge tun, sich darauf zu beschränken. Sein Artikel bietet faszinierende Einblicke in die Philosophie des aktuellen US-Establishments, die sich im vorliegenden Fall als europäisches Nachdenken maskiert. Wenn Hastings „wir Europäer“ schreibt, ist tatsächlich „Ihr Europäer“ gemeint.

Der Artikel beginnt mit einem „Danke Amerika“, und so endet er auch. Hastings stellt fest, dass die EU-Staaten nur sehr wenig tun könnten, um die USA zu beeinflussen, aber „wir“ könnten wenigstens ein bisschen dankbarer sein. Dankbarkeit nach Max Hastings würde sich darin zeigen, wenn die EU-Staaten jetzt wachsende Rüstungsausgaben tätigten., (Anmerkung: Unausgesprochen geht es auch um die Erwartung, den Rüstungsmehrbedarf möglichst durch Importe aus den USA zu befriedigen.)

An dieser Stelle bedient sich Hastings eines Tricks: Da es in der EU mehr Sympathie für die US-Demokraten als für die Republikaner gibt, schlägt Hastings vor, durch mehr Rüstung den Vorwurf des damaligen Präsidenten Trump zu widerlegen, Europa täte nicht genug. Als Reizobjekt für „gute Europäer“ ist der immer brauchbar.

Aber auch Hastings sieht, dass sich der politische Wind in den USA dreht. Die republikanische Mehrheit im nächsten Kongress wird wahrscheinlich nicht mehr ganz so freizügig Mittel für die Ukraine beschließen, weshalb jetzt noch einmal 37 Mrd. Ukraine-Hilfe beschlossen werden sollen. In der US-Bevölkerung wächst der Widerstand, obwohl nach den Zahlen, die Hastings präsentiert, die US-Öffentlichkeit mehrheitlich weiter zur Alimentierung der Ukraine bereit scheint. Längerfristig rechnet Hastings damit, dass 2025 das Weiße Haus wieder republikanisch regiert werden könnte.

Der unverhüllte imperiale Anspruch: allein unverzichtbar

Hastings hatte auch sehr Grundsätzliches zu sagen. Es geht um den imperialen Anspruch der USA, den er voll unterstützt. Er erinnerte an die Antrittsrede von Bill Clinton, nachdem dieser 1997 als US-Präsident wiedergewählt worden war und zitiert daraus:

“At the dawn of the 21st century … America stands alone as the world’s indispensable nation.”

Übersetzung:

„Zu Beginn des 21. Jahrhunderts … steht Amerika allein da als die unverzichtbare Nation der Welt.“

Das ist die komprimierte Form des globalen US-Führungsanspruches: Die USA sind unverzichtbar. Kein anderes Land ist so unverzichtbar. Ohne die USA geriete die Welt in allergrößte Unordnung und muss daher von ihr geführt werden. Alle US-Präsidenten nach 1990 waren davon überzeugt, zumal nach dem Ende des Kalten Krieges die USA die unbestrittene Nummer Eins auf der Welt waren.

Die heutige US-Interpretation ihrer „Unverzichtbarkeit“ impliziert, wenn auch zugespitzt, dass alle anderen Nationen auf dieser Welt verzichtbar sind. Wer auch nur ein bisschen Heimatliebe hat, von Nationalstolz ganz zu schweigen, der die eine oder andere Nation durchaus beseelt, müsste an dieser Stelle besorgt fragen, was aus dem eigenen Land würde, wenn die USA auf die Idee kämen, es für verzichtbar zu halten?

Aber so weit sind die USA nie gegangen. Verzichtbarkeit betraf bisher nie die Existenz eines Landes, sondern nur die seiner politischen Verfassung (regime change). Verzichtbarkeit führte zum Drohnenkrieg, oder zur politisch gebilligten Ermordung einzelner Menschen. Verzichtbarkeit auf Bevölkerungsteile eines Landes wohnt jedem Stellvertreterkrieg inne. Als „Siegfrieden“ für die Ukraine zum politischen Ziel wurde, wurden Bevölkerungsteile der Ukraine zu praktisch Verzichtbaren, auch wenn das Gegenteil postuliert wird.

Verzichtbarkeit von Menschen liegt dem Konzept amerikanischer Wirtschaftssanktionen zugrunde, die -zuletzt gegen Russland- von der EU mitgetragen werden. Sie sollen den Leidensdruck im bestraften Land auf die Spitze treiben und so Politikveränderungen auslösen. Der menschliche Preis dieser Art von „Verzichtbarkeit“ lässt die Handelnden völlig kalt. Die Ideologie, zur Führungs- und Ordnungsmacht berufen zu sein, macht blind für das Schändliche, regelrecht Sadistische:

Zum Preis der „Unverzichtbarkeit“

Als Folge der US-Sanktionen gegen den Irak starben rund 500.000 irakische Kinder. War es das wert, fragte eine Journalistin die damalige US-Außenministerin Albright in einem Interview. Das sind ja mehr Opfer als in Hiroshima. Hat sich das gelohnt? Albright erwiderte: „Es war eine sehr harte Entscheidung, aber der Preis denken wir, aber der Preis war es wert.“ (Albright wechselte ins „wir“, um sich dahinter zu verstecken.)

Rudy Giuliani, ehemaliger Bürgermeister von New York City, äußerte sich 2022 zu den US-Sanktionen gegen den Iran wie folgt: „Die Sanktionen wirken … wir sahen einen Mann im Iran, der versuchte, für 500 Dollar seine Organe zu verkaufen, das ist wirklich traurig, aber das ist die Art von Bedingungen, die zu erfolgreichen Revolutionen führen…“

Es ist eine geschichtliche Tatsache, dass sich zwischen den hehren Ambitionen des „Krieges gegen den Terror“ und den tatsächlich verheerenden Wirkungen auf die Bevölkerung der so beglückten Länder ein sehr großer Widerspruch auftut. Das Watson Institute an der Brown University verfolgt ein Projekt, das den erschreckend hohen, zig millionenfachen menschlichen „Preis des Krieges“ (ab 2001) erfasst. Es ist noch nicht einmal vollständig. Je nach Kalkulation zählen dazu auch zwischen 37 bis 59 Millionen vertriebene Menschen. Wobei diese Zahlen nichts aussagen über das individuelle Leid der so Geschundenen.

So wie auch Zahlen direkter Kriegsopfer nicht das vollständige Bild des Horrors abbilden, der sich im Krieg entfaltet. Über das tatsächliche Ausmaß des Drohnenkrieges gibt es auch nur Schätzungen.

Seit 2001 sind die USA in andauerndem Kriegszustand. Das wird gerne vergessen, wenn über Russland gerichtet wird.

Die wenigen Male, in denen sich Präsident Trump auf den ungeteilten Beifall der gesamten Presse verlassen konnte, betrafen dessen angeordneten Bombardierungen von Syrien und Afghanistan. Endlich handele er „präsidial“, jubelte der Mainstream.

„Krieg ist ein schmutziges Geschäft“, schrieb Butler vor 90 Jahren. Das ist es geblieben. Es ist ein Eldorado für wenige, ein Fluch für die meisten und ein Anlass der Verfolgung und Kriminalisierung derer, die Kriegsverbrechen aufdeckten, so wie Manning, wie Kirjakou, wie Hale, wie Assange. Die hochgezüchtete Bereitschaft zu Krieg und Feindbildern verhinderte bisher in allen genannten Fällen, dass diese Menschen die öffentliche Unterstützung bekamen, die sie verdienen.

Mit derart Problematischem befasst sich Hastings nicht. Die USA sind ja „unser Beschützer“, wie es an anderer Stelle heißt.

China-Politik als Zuverlässigkeitstest im Imperium

Stellvertretend für diesen Beschützer schickte Hastings lieber eine Warnung an Frankreich und Deutschland, sich nicht bei den Chinesen lieb Kind zu machen. Das würde Europa „keine Freunde in Washington“ einbringen. Wörtlich heißt es weiter:

„Arguably, the best hope for sustaining US support in a Republican-dominated era is for the EU to be seen to make a common front with the US on China. But this is today conspicuously absent: Germany’s chancellor, Olaf Scholz, just symbolically bowed the knee in Beijing to President Xi Jinping.“

Eigene Übersetzung:

Wahrscheinlich besteht die beste Hoffnung, die Unterstützung der USA in einer von den Republikanern dominierten Ära aufrechtzuerhalten, darin, dass die EU eine gemeinsame Front mit den USA in Bezug auf China bildet. Doch das fehlt heute auffallend: Gerade erst hat Bundeskanzler Olaf Scholz in Peking symbolisch das Knie vor Präsident Xi Jinping gebeugt.

Zu den EU-China-Beziehungen und zur China-Reise des Olaf Scholz wäre viel zu sagen, was hier den Rahmen sprengen würde. Aber kaum hatte der US-Außenminister Blinken in der Pressekonferenz zum G 7 Treffen in Münster freundlich vermerkt, dass sich ja schon „sehr viel Konvergenz“ zwischen den USA und der EU in Bezug auf China eingestellt habe, und dass die USA mit den Zielen der China-Reise des deutschen Bundeskanzlers, die er in seinem Artikel formulierte hätte, übereinstimmen, wird die Daumenschraube weiter angezogen und offen gedroht.

Damit sich noch mehr Konvergenz zwischen den USA und der EU in Bezug auf China einstellt. So funktioniert das Spiel. Denn der Autor ist kein Dummer und kennt selbstverständlich die entsprechenden Äußerungen von Blinken.

Ukraine: Verhandeln werden nur die USA

Im Artikel wechselt Hastings durch geschicktes Zitieren auch unmittelbar auf die US-amerikanische Seite. Es geht um ein Kriegsende in der Ukraine. Der Krieg könne zwar noch Monate oder Jahre dauern, meint Hastings, aber irgendwann muss er zu Ende gebracht werden, mit Verhandlungen, durch die USA:

“Sooner or later, perhaps after the fall of Vladimir Putin, there will need to be a conversation with Russia about stopping the shooting in Ukraine. It is not credible that this should merely be a bilateral negotiation between Moscow and Kyiv, or that the EU and Britain should take the diplomatic strain. Only the US can parley with Russia backed by the power to enforce security guarantees for Ukraine.”

Eigene Übersetzung

“Früher oder später, vielleicht nach dem Sturz von Putin, wird ein Gespräch mit Russland über die Beendigung der Kämpfe in der Ukraine notwendig sein. Es ist nicht glaubwürdig, dass dies nur bilaterale Verhandlungen zwischen Moskau und Kiew sein sollten oder dass die EU und Großbritannien die diplomatische Anstrengung übernehmen sollten. Nur die USA können mit Russland verhandeln, gestützt von der Macht, Sicherheitsgarantien für die Ukraine durchzusetzen.

Diese Aussagen enthalten auch eine vorsorgliche Warnung an die EU. Mischt Euch nicht ein. Die Verhandlungen können nur von den USA geführt werden. Warum das so ist, erklärt der Autor in der zweiten Hälfte des darauffolgenden Absatzes:

„…Sooner or later, the US, as Ukraine’s mentor, oxygen-provider and giant protector, must do the talking to Moscow. As Haass writes: “At the end of the day, the United States cannot sub-contract out its foreign policy to Ukraine or anybody else. We never do that.”“

Eigene Übersetzung

„…Früher oder später müssen die USA als Mentor, Sauerstofflieferant und riesiger Beschützer der Ukraine mit Moskau reden. Wie Haass schreibt: „Letztendlich können die Vereinigten Staaten ihre Außenpolitik nicht an die Ukraine oder sonst jemanden vergeben. Wir machen das nie.”

Genau: die heutige Ukraine ist das Ziehkind der USA, und die überlässt niemandem ihre Außenpolitik. Sie hat den dominanten Platz in der Futterkette.

Die Ukraine ist allerdings mit der EU assoziiert. Sie hat inzwischen sogar eine EU-Mitgliedschaftsoption. Demzufolge geht es die EU etwas an, wann, wie und unter welchen Bedingungen die Ukraine in den Stand des Friedens gelangt und sollte deshalb auch ein Wörtchen mitreden. Aber so läuft der Hase nicht, und das weiß Hastings genau.

Die EU schickt demnächst wieder Milliarden in das Schwarze Loch Ukraine, das ist brav. Aber die Amerikaner reklamieren die Ukraine politisch für sich – sie sind der Bestimmer.

Es wird erwartet, dass die EU dazu Männchen macht. Und natürlich macht sie das.

Sie wird es weiter so machen, wenn sich in der EU-Politik und in der veröffentlichten Meinung in der EU nichts ändert.

Es muss sich etwas ändern. Es kann nicht so weitergehen, dass die USA vortanzen, wir alles imitieren, und dann plötzlich fällt dem Vortänzer ein neuer Tanz ein, den keiner eingeübt hatte und alle (Politik und Medien und Experten) stehen da, wie die letzten Trottel. Ich erinnere nur an die Art des Abzugs der USA aus Afghanistan. In Hasenmanier, ohne ihre Bündnispartner auch nur zu informieren.

Zu Beginn des Ukraine-Krieges hieß es: Zügige Verhandlungen um seine Beendigung. Kiew und Moskau verhandelten. Dann kam die Rückwärtsrolle: Nein, keine Kompromisse mit Russland, sondern Siegfrieden. Alles müsse Kiew entscheiden

Zur Erinnerung: die USA überlassen niemals ihre Außenpolitik Dritten, es sei denn, sie behalten die Fäden in der Hand.

Kiew verfügte also: Mit Russland unter Putin wird auf keinen Fall verhandelt.

Der US-Generalstabschef hat in einem politisch durchaus spektakulären Akt „Pressearbeit“ betrieben und Verhandlungen im Herbst ins Spiel gebracht. Sofort wurde auch das im Keim erstickt. Dass er trotzdem den Job behielt, ist bemerkenswert.

Krieg in der Ukraine: Solange es eben braucht?

In Wiesbaden wird ein neues Hauptquartier unter einem 3-Sterne-General geschaffen, was nach Angaben einer Sprecherin des Pentagon „verdeutliche, dass die USA ein langfristigeres Hilfsprogramm für die Ukraine im Kampf gegen Russland verfolgen.“

Nach Ansicht eines US-Wissenschaftlers und Russland-Experten deute der 3-Sterne-General darauf hin, dass es beim neuen Kommandoposten nicht um Versorgung, sondern um Kriegsführung ginge. Die USA würden sich auf einen langen Krieg gegen Russland einrichten.

Auch Hastings glaubt an einen langen Krieg. „As long as it takes“ ist die vorherrschende Leitlinie.

Solange es eben braucht? Wie geht das denn zusammen mit dem seit Monaten propagierten jämmerlichen Bild einer russischen Armee, die nichts taugt, während sich die Ukraine wiederum heldenhaft zu Tode siegt?

Wie lange soll es so weitergehen, dass wir die Hände ringen, den bösen Putin verfluchen und mit geheucheltem Entsetzen ukrainisches Leid in einen Krieg kommentieren, den wir fleißig befeuern?

Was ist die deutsche oder europäische Vorstellung von den Bedingungen, die Verhandlungen ermöglichen würden?

Selenskyi hat genau ausbuchstabiert, was „Siegfrieden“ heißt: die Rückkehr der Krim in die Ukraine, der Rückkehr des Donbass. Gemeint damit sind nur die Territorien, nicht die dort immer noch lebenden „Pro-Russen“, die einst Ukrainer waren.

Die kann die aktuelle Ukraine nicht brauchen, die konnte sie schon 2014 nicht brauchen. Aber inzwischen kämpfen die vielen aus ukrainischer Sicht ebenfalls „verzichtbaren“ Menschen mit Russland gegen sie.

„Siegfrieden“ bedeutet, dass die russische Armee + der Donbass + die Krim militärisch geschlagen werden, dass Russland, das beides geschluckt hat, unter der Last des Krieges zusammenbricht. Man kann das hoffen. Eine nüchterne Interessenkalkulation führt zum Ergebnis, dass der Konflikt mit Russland nicht militärisch lösbar ist. Je länger aber die Kämpfe dauern, um so näher kommen wir einem Dritten Weltkrieg.

Ist das so schwer zu verstehen?

EU-Politik oder EU-Schattenspiele

Dass wir überhaupt in einer solchen verzwickten Lage sind, hat sehr viel mit dem amerikanischen Selbstverständnis der „Unverzichtbarkeit“ zu. Aber die EU hat sich nun seit vielen Jahren auch zum Schatten der USA gemacht.

Dem Angebot nach Assoziierung der Ukraine stand lange eine Partnerschaft mit Russland gegenüber. In der freundlichen Version der Geschichte, handelte die EU zumindest fahrlässig, als sie ab 2011 den Dialog mit Russland aufgab und gleichzeitig in Sachen Ukraine taktierte.

Möglicherweise hat sie wirklich nicht verstanden, dass dieses Land schon seit Jahren im Konflikt um seine außenpolitische Orientierung lag. Dazu hätte man sich für Ukraine interessieren müssen und nicht für geopolitische Spielchen mit Moskau.

Es kann auch noch sein, dass die EU vom Maidan geblendet war und den Anti-Maidan übersah und ebenfalls übersah, dass die USA die besseren Beziehungen zum Maidan hatten.

Es war definitiv kurzsichtig, dass die EU überstürzt und ohne politische Bedingungen, mit einer nicht parlamentarisch legitimierten Übergangsregierung im März 2014 den politischen Teil der Assoziierung der Ukraine festmachte.

Verheerend war, dass sie den USA erlaubte, den Ton in der Ukraine-Politik anzugeben.

Aber das ist hochvermintes Territorium, denn der damals Zuständige für die Ukraine in der Obama-Administration hieß Biden, und der ist heute US-Präsident. Man landet mitten im Krieg zwischen US-Demokraten und Republikanern, mitten im Konflikt mit Russland, mitten in ukrainischen Schlammschlachten und ukrainischer Korruption. Das muss man sich nicht antun. Also haben sich das die Wenigsten angetan.

Deutschland und Frankreich traten 2014/Anfang 2015 tatsächlich erfolgreich einer sofortigen Explosion des damaligen Bürgerkrieges in der Ukraine (Anti-Terroroperation gegen die Separatisten im Donbass) entgegen und haben so einen offenen Krieg mit Russland verhindert.

Um so unverzeihlicher ist, dass sie und mit ihnen die EU dann sehenden Auges dem Auseinanderbrechen der Ukraine und der Torpedierung der Umsetzung des Minsker Abkommens, soweit es die ukrainische Seite anging, Vorschub leisteten.

Dass die Ukraine unter Poroschenko nie die Absicht hatte, Minsk umzusetzen, hat er 2022 selbst erklärt.

Zu Interessenunterschieden

Unabhängig vom NATO-Bündnis und der damit verbundenen militärischen Sicherheitsgarantie der USA für alle Teilnehmer, gibt es Interessenunterschiede zwischen der EU und den USA, darunter ganz prominent im Handel. Der Spiegel schrieb jüngst zur wachsenden Furcht vor einem Wirtschaftskrieg.

Die USA und die EU trennen unterschiedliche Lebensvorstellungen, Demokratieausformungen und aufgrund der geographischen Lage auch konkrete Sicherheitsinteressen. Beispielsweise hätten die EU-Mitgliedstaaten gerne den Mittelstreckenwaffenvertrag behalten, die NATO-Mitgliedstaaten unter ihnen fügten sich.

Wie gehen wir also mit einem Land um, dass laut Hastings seinen Lebensatem aus den USA bezieht? Das führt zwingend zu Loyalitätskonflikten. Damit bleibt die Ukraine für die EU ein äußerst kompliziertes Pflaster.

Eine gewisse Selbstachtung der EU und ihrer Mitglieder ist im Verhältnis zu den USA durchaus vorhanden. So wie die USA erklären, dass sie führen (und das auch dokumentieren), erklärt sich auch die EU gerne zum Anführer, allerdings nur verbal.

Ab und an wähnen sich alle sogar den USA überlegen (Chlorhühnchen).

Deshalb gestatten wir es, wenn wir freundlich, mit einem strahlenden Lächeln (Obama), mit der Versicherung „partnerschaftlichster Partnerschaft“ (Biden) auf den uns zugewiesenen Platz geführt werden, dort wo wir hingehören aus Sicht der „unverzichtbaren“ Nation, die den Vorsitz der Tafel führt.

Deshalb werden wir auch so bockig und störrisch, wenn die Platzierung ganz gemein und direkt daherkommt, in der Ellenbogen-Manier eines Donald Trump.

Der Platz ist immer der gleiche, nie neben den USA. Wir sind „nur“ Alliierte.

Obwohl, wegen des Wirtschaftskrieges mit Russland, eines gewissen Terroranschlags und des neu entdeckten niedrigeren Energiepreisniveaus in den USA und aller sonstigen Verlockungen von „Amerika first“, die Unternehmen nach Übersee ziehen, wird die Tafelplatzierung demnächst wahrscheinlich sehr viel schlechter ausfallen.

Aber wie schrieb Hastings so schön: „Danke Amerika“.

Partnerschaft auf Augenhöhe?

Jeder, der die Hoffnung in sich trägt, dass Partnerschaft auf Augenhöhe richtig wäre und überzeugt ist, dass die europäische Lebensweise verteidigt werden sollte (sie strahlt nicht nur auf die andere Seite des Atlantiks aus), der sollte anfangen, den willfährigen Nachplapperern und Helfershelfern der „Unverzichtbarkeit“ auf dieser Seite des Atlantiks ins Handwerk zu pfuschen.

Dabei kann helfen, über das äußerst engstirnige Verständnis von Sicherheit nachzudenken, das noch nicht einmal militärisch Sinn macht. Was leistet ein Nuklearschirm gegen den Klimawandel? Was bedeutet ein langer Krieg in Europa für uns alle?

Eine Beschäftigung mit den harten Finanzdaten der USA kann ebenfalls nicht schaden. Der republikanische Abgeordnete Schweikert stößt mit seinen Berechnungen und Modellierungen regelmäßig auf taube Ohren seiner Kollegen auf beiden Seiten des Hauses. Die Reihen sind immer leer, wenn er spricht. Aber er legt nackte Tatsachen auf den Tisch: Die USA leben auf Pump, immer in der Annahme, sie bleiben kreditwürdig und dominieren alles. Aber die Zeiten ändern sich gerade.

Schweikert versteht, in welch kritische Verschuldungslage sich die USA längst gebracht haben. Wenigsten die Entscheider in Deutschland/der EU sollten mal reinhören.

In der hoffentlich leserfreundlichen Zusammenfassung:

Die USA haben nur eine Chance, ihre wachsende Staatsverschuldung in irgendeiner Weise für die nächsten 30 Jahre abzusichern: Sie brauchen einen neuen Gesellschaftsvertrag. Sie müssen Wachstum antreiben, ihre Finanzen unter Kontrolle bringen und das Handelsdefizit abbauen. Ohne Reindustrialisierung und Zuwanderung geht das nicht. Die Frage ist, wo kommt die Industrie her? Neben China (und China wird das zu verhindern wissen) steht als großer Brocken nur die EU zur Verfügung. Der Prozess ihres Ausblutens hat schon eingesetzt. Wir fallen global zurück.

Sich an die USA „anlehnen“ zu wollen (AKK) ist daher völlig falsch. Es geht darum, Laufen zu lernen, statt die EU-Krabbelgruppe hochzurüsten.

Mag sein, dass das zu Irritationen und auch zu Widerständen in den USA führt, aber der heutige Zustand führt nicht einmal zu Respekt. Nicht von den USA. Nord Stream hat das offengelegt.

Und alle wissen es, das ganze globale Dorf. Vielleicht haben manche auch Mitleid, aber Mitleid ist nicht Respekt.

China hat jüngst den deutschen Bundeskanzler belehrt, nicht umgekehrt.

Wir müssen Zuhören lernen

Respekt verdient man sich in der internationalen Diplomatie nicht durch Schweigen, nicht durch Andienerei und schon gar nicht durch globale Dorftrampelei.

Ein klares Bild von der Welt und den eigenen Interessen darin sind die Mindestvoraussetzung. Wenn man dann noch sein Gegenüber nicht wie einem Alien gegenübertritt, sondern bereit ist, zuzuhören, um zu verstehen, warum der andere (so scheinbar absonderlich/abartig/verachtenswert …) denkt und handelt, entstehen Verständigungsmöglichkeiten.

Schier unlösbare Probleme werden auf das reduziert, was sie sind: Von Menschen gemachte Probleme, die durch Menschen lösbar sind. Das führt nicht in einen Idealzustand, aber es führt zu mehr Gemeinsamkeit.

Das ist es, was die Apologeten von Krieg und Konflikt am meisten fürchten: Dass wir im Gegenüber den Menschen erkennen, dem wir gleich sind.

Deshalb wird auch alles unternommen, proklamierte „Feinde“ zu dehumanisieren. Sie versuchen Gehirnwäsche. Nicht mehr und nicht weniger.

Dieser Beitrag ist eine Übernahme aus dem Blog der Autorin, mit ihrer freundlichen Genehmigung.

Über den/die Autor*in: Petra Erler / Gastautorin

Unter der Kennung "Gastautor*inn*en" fassen wir die unterschiedlichsten Beiträge unterschiedlicher Quellen zusammen, die wir dankbar im Beueler-Extradienst (wieder-)veröffentlichen dürfen. Die Autor*innen und Quellen sind, soweit vorhanden, jeweils im Beitrag vermerkt und/oder verlinkt.

Ein Kommentar

  1. w.nissing

    Dazu als Ergänzung einen Text aus Frankreich:
    Emmanuel Todd: “Im amerikanischen System stehen wir Europäer am unteren Ende der Skala.
    CHRONIK Veröffentlicht am 16/11/2022 in MARIANNE.
    Bei den amerikanischen Wahlen betrifft uns etwas, stellt Emmanuel Todd fest: Die wahren Verteidiger des “Imperiums” sind die Demokraten. Sie sind es, die wollen, dass Europa so lange wie möglich im russischen Krieg verbleibt, und die die Zerstörung unserer Volkswirtschaften planen – während sie behaupten, uns zu schützen.
    Sind die Wahlen in den USA für uns von Belang? In einem zivilisatorischen Sinne: nein. Amerika ist etwas anderes geworden als wir. Die Todesstrafe wurde dort schon vor langer Zeit wieder eingeführt. Die Lebenserwartung sinkt dort. Die wirtschaftlichen Ungleichheiten haben dort ein unvorstellbares Ausmaß erreicht. Oligarchen finanzieren die Wahlkämpfe von Senatoren und Abgeordneten. Sie füttern die Lobbys, die sie dann manipulieren. Ihre Think Tanks verwalten intellektuelle Waren, deren Gedanken käuflich sind, neue Maschinen zur Produktion von Ideologie: Kritik an Steuern, Armen, schwarzen Frauen, der iranischen Theokratie oder der russischen Autokratie … Im Anschluss an Michael Lind (The Next American Nation, 1995), Vladimir Shlapentokh (Feudal America, 2011) David Graeber (Bullshit Jobs, 2018) oder Joel Kotkin (The Coming of Neo-Feudalism, 2020) sehen wir endlich die Realität der sogenannten Trickle-down-Ökonomie: Das von oben abgesaugte Geld fließt wieder nach unten, um nicht mehr Dinge, sondern Menschen zu kaufen, wie in jedem Feudalsystem, heute wie im Mittelalter.
    In der amerikanischen Debatte existieren nun zwei Wörter nebeneinander: “Meritokratie” und “Feudalismus”. Sie sind nicht wirklich gegensätzlich, da das Geld letztendlich das meritokratische Prinzip pervertiert hat. Die SATs (scholastic aptitude tests) scores, die den Besten den Zugang zu den Universitäten ermöglichten, werden präpariert oder umgangen (Nicholas Lemann, The Big Test: The Secret History of the American Meritocracy, 1999). Außerdem wird heute studiert, um Geld zu verdienen, und nicht, um dem Volk zu dienen. Zu denken “Ich bin ein Meritokrat” bedeutet nur “Ich verdiene mein Geld”.
    Dieses System stützt sich auf ein außergewöhnlich hohes Maß an Repression, mit der höchsten Inhaftierungsrate der Welt. In den Gefängnissen sind Schwarze massiv überrepräsentiert, schwarzer Präsident oder nicht, schwarzer Verteidigungsminister oder nicht. Weiße, auch wenn sie arm sind, behalten ein Privileg: Sie müssen sich nicht allzu sehr vor der Polizei fürchten. Die Infragestellung des Rechts auf Abtreibung hat den zivilisatorischen Bruch mit Europa finalisiert. Rund 15 Staaten verbieten es bereits. Die Koinzidenz mit einem niedrigen Bildungsniveau ist auffällig. Die Korrelation zwischen dem Fehlen einer höheren Bildung und der Ablehnung von Abtreibung beträgt 0,77, ein sehr hoher Wert, der die Hypothese einer starken Beziehung zwischen den beiden Variablen bestätigt. Die föderale Struktur hat letztendlich weiße Volksstaaten geschaffen, die eine regressive Politik betreiben.
    Aber machen wir uns nichts vor: Die Staaten, die den Schwangerschaftsabbruch schützen, haben eine noch ungleichere interne Struktur. Die Vorherrschaft der Demokraten beruht dort auf einer multirassischen Hierarchie: An der Spitze stehen die Absolventen der höchsten Universitäten, die Reichen aus dem Silicon Valley und der Finanzbranche, dann eine Masse von Weißen mit mittlerem Bildungsniveau und Latinos, schließlich ein schwarzes Wählersöldnertum. Schwarze, ob reich oder arm, wählen zu über 85 Prozent die Demokraten und sind in ihrer Rassenidentität wie in einem Gefängnis eingesperrt. Die Ost- und Westküste sind die Hochburgen dieser oligarchischen Ordnung, dieses Neofeudalismus. Der relative Widerstand der Pro-Biden-Stimmen rührt von einer Fossilisierung der beiden Gesellschaften her, die sich gegenüberstehen – weißer Republikanismus, multirassischer Feudalismus.
    Inwiefern betrifft uns das alles? In keiner Weise. Diese Werte sind nicht unsere. Sagen wir es offen: Es ist eine ekelhafte Welt. Unsere Eliten identifizieren sich jedoch mit den Demokraten. Jede Niederlage der Republikaner scheint für unsere Medien ein Sieg der bedrohten Demokratie zu sein. Lassen Sie uns also nachdenken. Ja, etwas geht uns etwas an. Die wahren Verteidiger des “Imperiums” sind die Demokraten. Sie sind es, die wollen, dass Europa so lange wie möglich im russischen Krieg verbleibt, und die die Zerstörung unserer Volkswirtschaften planen – während sie behaupten, uns zu schützen.
    Mir kommt ein schrecklicher Gedanke. Die schwarzen Eliten, die von der Affirmative Action (“positive Diskriminierung”) profitieren, sorgen dafür, dass die normalen Schwarzen in einer demokratischen Stimmabgabe gefangen sind (Michelle Alexander, The New Jim Crow 2010), obwohl ihnen eine wirtschaftliche und soziale Renationalisierung des amerikanischen Lebens gut tun würde.

    Übersetzt mit http://www.DeepL.com/Translator (kostenlose Version)
    oder auch das hier: https://www.german-foreign-policy.com/news/detail/9093

    Textauszug: Demnach ging es der Bundesregierung bei ihrer Entscheidung zur Intervention gar nicht um Afghanistan an sich, sondern darum, „Beistand“ für die Vereinigten Staaten zu demonstrieren. Die US-Regierung sei damals „extrem selbstfokussiert“ gewesen – „gespenstisch“, berichtete Michael Steiner, damals außenpolitischer Berater im Kanzleramt; man habe befürchtet, bei Nichtteilnahme am Afghanistan-Krieg transatlantische Rückendeckung zu verlieren.[5]

    Und zuletzt noch etwas Hörstoff für die des französisch mächtigen (so ab 30.00 wer die Einführung überspringen will:
    https://melenchon.fr/2021/12/10/pour-une-france-independante-souveraine-et-non-alignee-conference-sur-la-geopolitique/

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