Die Arbeit Angela Merkels besteht derzeit, folgt man den einfühlsamen Porträts in Spiegel und Stern, hauptsächlich aus dem Verfassen eines Buches über ihr Leben in der Politik. Ein Verlag sei gefunden. Das Honorar sei ordentlich. Ende 2023 würden Merkel und Beate Baumann, ihre langjährige Büroleiterin und Vertraute, das gemeinsame Schreiben beendet haben.

Erscheinungsdatum: 2024. Zu organisieren ist dann die Vorstellung des Werkes in Berlin. Der Maßstab wurde 2015 gesetzt, als die damals umfassende (heutzutage ergänzungsbedürftige) Biografie des Historikers Gregor Schöllgen über Gerhard Schröder erschienen war. Großer Auftrieb im Haus der Bundespressekonferenz. Laudatorin: Angela Merkel, Bundeskanzlerin. Schröder habe sich um das Land verdient gemacht. Und recht habe er: Wer nicht nach Macht strebe, habe in der Politik nichts verloren, so auch die Nachfolgerin.

Drei Arten politischer Neuerscheinungen gibt es, sofern sie sich auf den Kern deutscher Innenpolitik beschränken. Journalisten schreiben über Akteure, denen sie eine große Karriere zutrauen, was einer Wette auf die Zukunft nahekommt. Oft wird sie verloren – siehe Jens Spahn oder Annegret Kramp-Karrenbauer. Historiker nehmen sich – weniger risikofreudig – die besonders Wichtigen vor. Politiker schließlich schreiben auch – über sich und ihre Vorstellungen von Deutschland und der Welt. Die Titel klingen nach „Die Zukunft kommt noch!“.

Zum Brauch gehört es, potentielle Rezensenten und sonstige Interessenten bei Erscheinen des Werkes zu einer Buchvorstellung einzuladen. Dann trifft sich der politisch-mediale Komplex der Hauptstadt zum Empfang. Meist gibt es Getränke und Knabberzeug, immer ein Exemplar zum Mitnehmen. Jüngst etwa, natürlich in einer Sitzungswoche des Bundestages, ein Buch über Friedrich Merz, geschrieben von den Journalisten Jutta Falke-Ischinger und Daniel Goffart, klassisch mitten im Regierungsviertel, mit Sigmar Gabriel (früher SPD-Chef) als Laudator, und zwei Stunden später eines über die neue Generation im Bundestag von der Journalistin Livia Gerster mit Ricarda Lang (Grünen-Ko-Vorsitzende), passenderweise in der Szene des Prenzlauer Berges.

Die Laudatoren sind oft des Lobes voll. Meist gehören sie, um den Verkauf schlagzeilenträchtig zu fördern, einer konkurrierenden Partei an. Denkwürdig einst, als Horst Seehofer 2005 ein Werk Oskar Lafontaines („Politik für alle“) vorstellte. Wie Brüder im Geiste gegen die „neoliberale Irrlehre“ traten der CSU-Politiker und das Noch-SPD-Mitglied auf. „Ausgesprochen wohltuend“, sagte Seehofer über Lafontaines Ansichten. Nicht ganz so weit ging jetzt Gabriel über Friedrich Merz. „Ich glaube, dass ein guter Oppositionsführer gut für die Regierung ist.“ Lob für Merz, verkappter Tadel für Olaf Scholz?

Eigentümlicherweise pflegen die Laudatoren zu versichern, das gewürdigte Buch tatsächlich gelesen zu haben. Weil manches Werk von Politikern in Wahrheit aus anderer Leute Feder stammt, gab es das Bonmot: „So wie Sie jede Zeile selbst geschrieben haben, habe ich jede Zeile gelesen.“ Merkel und Baumann ließen wissen: Ghostwriter gebe es bei ihnen nicht.

Über den/die Autor*in: Günter Bannas (Gastautor)

Günter Bannas ist Kolumnist des Hauptstadtbriefs. Bis März 2018 war er Leiter der Berliner Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Seine Beiträge sind Übernahmen aus "Der Hauptstadtbrief", mit freundlicher Genehmigung.