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Xi, Putin und die Ukraine

Die russische Militärführung (plus die Wagner-Söldner) haben sich nun zum zweiten Mal nach dem letzten Spätsommer in eine Situation der Erschöpfung manövriert. Zehntausende Soldaten und sehr viel Material wurden in einer weithin erfolglosen Winteroffensive sinnlos aufgeopfert. Die Ukraine hat dagegen klug die Position der Verteidigung gewählt und dem Angreifer massive Verluste zugefügt. Man kann nun fast die Stoppuhr stellen, wann der ukrainische Gegenangriff erfolgen wird. Das ist die militärische Logik der Situation, und sie ist wohl allen Beteiligten klar – auch der russischen Seite.

Unklar ist, wo der Gegenangriff oder die Gegenangriffe erfolgen werden. Strategisch wichtig wäre es für die Ukraine, den russischen Landweg zur Krim abzuschneiden und zum Asowschen Meer durchzustoßen. Die Russen wissen das ebenfalls und haben über den Winter an den neuralgischen Stellen starke Verteidigungsstellungen aufgebaut. Es ist unklar, ob die Ukraine die so leicht überwinden kann. Und es wäre auch nicht die Methode der ukrainischen Führung, die eigenen Leute dafür massenhaft in den Tod zu schicken, so wie die Russen das in ihrer Militärtaktik jetzt – und eigentlich schon seit 100 Jahren – praktizieren. Sekundäre ukrainische Angriffe könnten auf Bachmut und andere Schauplätze der russischen Selbstzermetzelung aus diesem Winter erfolgen. Wagner-Chef Prigogine winselt jetzt schon in offenen Briefen nach Verstärkung, damit er in den nächsten Wochen mit seinem ausgelaugten Trupp nicht einfach überrannt wird. Das wäre für ihn auch politisch das Ende.

Ein Seitenblick der Ukrainer liegt übrigens auch auf dem russischen Logistikzentrum Belgorod, 37 km östlich von der eigenen Ostgrenze. Russland hat in diesem Krieg sein Territorium wie ein Scheunentor geöffnet und fast das ganze kampffähige Militär in die Ukraine geschickt. Exilrussen, die sich der ukrainischen Armee angeschlossen haben, könnten in dieser Situation wohl mit dem Jeep nach Belgorod fahren und den russischen Nachschub dort abschneiden. Das wäre militärisch nicht schwer und gäbe der Ukraine ein Unterpfand für Verhandlungen in der Folge. Wie auch immer man zu solchen Spekulationen über Ort und Zeitpunkt des ukrainischen Gegenangriffs stehen mag, sie zeigen mit Blick auf Russland vor allem eines:

Erfolg sieht anders aus.

Auch Freund Xi dürfte Putin da nicht ohne weiteres raushelfen. Er spielt ein Doppel- oder sogar Dreifachspiel:

1) Zuerst einmal hat Putins Krieg Russland zu einer chinesischen Kolonie gemacht. Und wie es sich für eine Kolonie gehört, liefert Russland brav billige Rohstoffe an den Kolonialherrn und kauft dafür dessen Fertigprodukte, womit China seine Wirtschaft weiter pusht. Insofern ist Xi bis jetzt der Kriegsgewinnler.

2) China will aber darüber hinaus die von ihm angestrebte Supermachtrolle in das Mäntelchen des „gutmütigen Hegemonen“ kleiden – als Friedensbringer in der Welt. Deswegen wird es zu geeignetem Zeitpunkt als Vermittler im Russland/Ukraine-Krieg auftreten wollen. Das wird allerdings nur funktionieren, wenn China wirklich etwas zu vermitteln hat und mehr darstellt als nur den „Großen Bruder“ von Putin, dessen demütiger Blick gegenüber dem gut gelaunten Xi gegenwärtig ja schon auffällt.

3) Doch das wichtigste Ziel für Xi dürfte sein, das wirtschaftliche „Decoupling“ des Westens von China abzumildern und den eigenen globalen Wirtschaftserfolg, der ja die Basis für alle weiteren Ambitionen ist, nicht zu stark zu gefährden. Deswegen ist mit Blick auf die chinesische Unterstützung für Russland eine gewisse Zurückhaltung nötig. Anders würde Xi sich ins eigene Fleisch schneiden.

Wie auch immer der Ausweg aus dem grausamen Krieg in der Ukraine aussehen wird, klar ist dabei nun allemal: „Putin is in deep shit!“

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Über Reinhard Olschanski / Gastautor:

Geboren 1960, Studium der Philosophie, Musik, Politik und Germanistik in Berlin, Frankfurt und Urbino (Italien). Promotion zum Dr. phil. bei Axel Honneth. Diverse Lehrtätigkeiten. Langjährige Tätigkeit als Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Referent im Bundestag, im Landtag NRW und im Staatsministerium Baden-Württemberg. Zahlreiche Veröffentlichungen zu Politik, Philosophie, Musik und Kultur. Mehr über und von Reinhard Olschanski finden sie auf seiner Homepage.

3 Kommentare

  1. Martin Böttger

    Ich fasse zusammen: auch Du siehst in Xi Jinping den Einzigen, der zur Beendigung des Krieges beitragen kann. Wir sind uns wohl einig, dass wir den Herrn nicht sympathisch finden. Warum nur kann keiner von den “Guten” diese Rolle spielen? Das wäre Politik.

    • Helmut Lorscheid

      Aber Politik ist zu schwierig für unsere sehr mäßig begabte und unzureichend gebildete AußenministerIn. So was kann sie nicht, steht nicht auf ihren Zetteln, die sie in schlechter Übersetzung offenbar vorliest. Vielleicht versteht sie selbst diese Handreichungen nicht immer.

  2. Roland Appel

    Lieber Reinhard,
    mich würde interessieren, woher denn Waffen und Munition für die ukrainische Gegenoffensive kommen sollen, berichteten doch ARD und ZDF am vergangenen Sonntag übereinstimmend, dass Russland ballert wie blöde und auf alles schießt, was sich bewegt oder nicht bewegt, die Ukraine aber knapp an Munition ist und die EU und andere zuwenig oder zu spät liefern (können). Das passt doch nicht zusammen. Bist Du sicher, dass Deine Quellen keine russische Täuschungspropaganda verbreiten?

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