Beueler-Extradienst

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Diskursirrsinn und Absentismus

Es gab eine Zeit, eine gute alte, in der die Journalist*inn*enausbildung zu unterscheiden wusste zwischen öffentlicher und veröffentlichter Meinung. Der Unterschied zwischen beiden hiess: Macht. Jahrzehnte sind vergangen, der “real existierende Sozialismus” stabilisierte eher den real existierenden Kapitalismus, als dass er ihn ernsthaft gefährdete. Darum definiert sich die Macht bis heute nicht ausschließlich, aber wesentlich über Klassenzugehörigkeit. Heute vielleicht noch mehr, als damals, als ich jung war, und der Kapitalismus (erfolgreich) bemüht war, attraktiver zu erscheinen, als das, was vom realen Sozialismus zu sehen war.

Was beim “Sieg” über den realen Sozialismus leider fast gänzlich verschwunden ist, mindestens hierzulande, ist das Instrumentarium materialistischer Analyse. Die Rheinländer Marx und Engels hatten es im 19. Jahrhundert zu entwickeln begonnen, ihre späteren Epigon*inn*en hatten es nicht immer verstanden, aber weiterzuentwickeln versucht. Es ist irgendwann mit ihnen verschwunden. Es wird hierzulande, besonders hier, weil es so deutsch ist, durch wirkungsloses Gut-und-Böse-Moralisieren ersetzt. Wobei: nein, so wirkungslos ist es gar nicht. Es ist supergeeignet, Überreste der gesellschaftlichen Linken in der veröffentlichten Meinung zu spalten und zu marginalisieren.

Zahlreiche aufgestellte Fallen

Die Themenkonjunkturen wechseln. Und orientierungslose Linke tappen in zahlreiche der aufgestellten Fallen. Wenn sie sich um die Grundrechte sorgten, und dabei ins Coronaschwurbeln verfielen. Wenn sie im Ukrainekrieg autokratische Herrschaftssysteme allen Ernstes als Alternative zum US- und Nato-Imperialismus definierten. Oder heute beim Eintreten für Grund- und Menschenrechte von Paläsinenser*inne*n kenntnis- und besinnungslos auf dem ideologischen Glatteis des Antisemitimus ausrutschen und einbrechen.

Übermütig erfand die herrschaftsausübende politische Klasse die “Staatsräson”. Die gibt es im Grundgesetz nicht, aber die veröffentlichte Meinungsmacht reicht noch aus, sie zu setzen. Noch.

Unbemerkt von der breiten sich abwendenden Öffentlichkeit verliert die traditionell veröffentlichte Meinung an Macht. Durch ebendiese Abwendung. Presse- und TV-Nutzung geht in den Keller. Beide senden nur noch für Ihresgleichen. Die Macht zur Verbreitung von Meinungen und Weltsichten geht auf Konzernnetzwerke über. Hierzulande überwiegend kalifornische, aber auch chinesische, russische, arabische. Die Altmedien Zeitung und Glotze bekämpfen sich gegenseitig, und werden darum zwangsläufig beide untergehen. Es wird spätestens so weit sein, wenn ich tot bin.

Konzernnetzwerke regieren

In den nicht mehr so neuen Konzernnetzwerken regieren aufmerksamkeitsökonomisch programmierte Algorithmen. Für die zählt Traffic, Datenverkehr und -akkumulation (Daten=Kapital). Argumentation, Differenzierung u.ähnl. sind systemwidrig. Materialistische Analyse gar? Die müsste dieses System am Ende umstürzen, sprengen, ersetzen durch öffentlich regulierte diskriminierungsfreie Marktplätze. Oh Graus. Am Ende würden gar Milliardenvermögen verboten.

Das wird ganz sicher so nicht kommen. Aber wenn die darüber zu Greinen anfangen, wissen Sie: die ersten richtigen Schritte sind getan (oder angedroht). Das wäre dann Fortschritt. Und Demokratie hätte noch eine Chance.

Über Martin Böttger:

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger@extradienst.net

Ein Kommentar

  1. Roland Appel

    Wird Trump wieder Präsident und kommt die AfD 2025 mit nahezu 30% in den Bundestag, werden vielleicht – wenn dann noch eine demokratische Regierung den Mut hat, die asozialen Medien eingehegt und ÖR und freie Presse gefördert. Schaumermal.

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