Wochenlang haben asoziale und konventionell-analoge Medien einen kranken Wal gestalkt. Meeresforscher:innen beobachten seit langem, dass Wale, die sich freiwillig ins Flachwasser begeben, zumeist ein massives gesundheitliches Problem haben. Auch dieser Wal, ein Bartenwal, der normalerweise in den einkalten Fluten des Polarmeers von Krill, also winzigem Plankton lebt, den er mit Wasser in den Mund saugt und dieses durch die Barten nach draußen drückt und der Krill hängenbleibt. Wenn sich so einer ins pisswarme, schmutzige Ostseewasser verirrt, wissen Biologiestudent:innen im zweiten Semester, dass mit ihm was nicht stimmt.

Eine miese und schludrige Berichterstattung über ein banales Ereignis, das jährlich in den Weltmeeren dank “Geisternetzen” hundertfach passiert und von den Fischessern und selbsternannten Tierschützern achselzuckend nicht zur Kenntnis genommen wird, leistete einem perversen Hype um ein krankes Tier noch Vorschub. Hunderttausende, die sich nicht um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern, die sie direkt betreffen und etwas angehen, wie etwa den geplanten Sozialabbau im Gesundheitssystem, die geplante Zerstörung der Energiewende durch Ministerin Reiche und der Krieg des Despoten Trumps in Nahost – alles Entwicklungen, die in der Umweltauswirkung der Gesundheit der Wale schaden – kümmerten sie sich lieber um ein dilettantisch kommentiertes Schicksal eines kranken und mit hoher Sicherheit von Anfang an verlorenen Tieres.

Ein Desaster von Aufklärung, der Wissenschaft und des Journalismus

Aber das durfte nicht sein und nur wenige Expert:innen und Forscher wagten es, der in Spinnereien und Ablenkung vom Golfkrieg Donald Trumps ebenso verhafteten Gesellschaft wie dem Sensationstourismus und der unwissenschaftlichen Spinnereien fröhnenden Subkultur der asozialen Netzwerke konsequent entgegenzutreten. Selbst der in den ersten Wochen besonnene und sich auf die Wissenschaften berufende Grüne Umweltminister Meck-Pomms knickte vor der Vox Populi (= Vox Rindvieh” – Franz Josef Strauß – und da hatte er mal ausnahmsweise recht) ein und ließ sich auf den Quatsch mit der privat finanzierten “Walrettung” ein. Wie in der Corona-Krise hatte es Haßbotschaften und Morddrohungen gegen ihn gegeben, Aluhüte, AfD-Jünger und Spinner jeder Art, Esoteriker, Verschwörungsanhänger und selbsternannte “Experten und Influencer” beteiligten sich, machten in den asozialen Netzen jede Menge Kohle und halfen, ein Thema, das in die Wissenschaftsredaktionen gehört, bis in die “Tagesthemen” und “Heute” zu banalisieren.

Projektion der eigenen Lethargie auf Stellvertreter – den Wal

Warum entwickelt eine Gesellschaft, in der die Faschisten von der AfD sich anschicken, von unzufriedenen, aber auch böswilligen Menschen gewählt zu werden, solche offensichtlich vergeblichen Ersatzhandlungen? Von Menschen, die sich nicht für ihre eigenen Interessen einsetzen, sondern sich Projektionsflächen ihrer Rat- und Mutlosigkeit zu suchen, weil sie von der Politik enttäuscht sind, obwohl sie nie wirklich versucht haben, sich selbst für ihre eigenen Belange einzusetzen und Verantwortung zu übernehmen. Stattdessen nur auf die Regierung starren und sie mit einem Dienstleister wie “Burger King” oder “McDonalds” verwechseln, weil sie im Kapitalismus nicht gelernt haben, selbst aktiv zu werden und selbst für ihre Belange einzutreten.  Weil das in den Schulen unter den Tisch gefallen ist und in der DDR nicht möglich war. Weil Emanzipation im Sinne des Eintretens für die eigenen Rechte von rechts schon immer gehasst wird. Was war das also wochenlang? Nichts als Verblödung und Ablenkung von den Dingen, die uns alle eigentlich ureigens angehen. Die internationalen Friedensgefährsungen durch Trump, Sein Verrat an der Demokratie, die Agressionen Vladimir Putins und der Klassenkampf von oben durch die CDU/CSU in der Bundesregierung sowie die konzeptions- und Machtlosigkeit der SPD. Statt den Arsch hochzukriegen gegen Rentenklau, Sozialabbau und Karbonwirtschaft sowie dem Kuschen vor Trump – Beschwichtigung.

Und dann dieses Ende

Das Ende der Geschichte entwickelte sich zum öffentlichen Desaster: Die Voyeur:innen der asozialen und konventionellen Medien wurden um ihren Orgasmus gebracht, der darin bestanden hätte, dass entweder die Wunschprojektion der Spinner – der Wal ist plötzlich gesund, trotz verschluckter Scheppnetze, oder er cruised cool wie ein latte Macchiato “Unter den Linden” durch die Nordsee – obwohl die wirklich nicht das Meer ist, wo er hingehört. Er findet dort weder seine Nahrung, noch ist es dort für ihn kalt genug. Außerdem soll er durch Ziehen an der Schwanzflosse freigesetzt worden sein – das ist so, wie eine Eidechse am Schwanz zu packen. Während die ihn einmal im Leben abwerfen kann, geht bei Wal dabei eine Menge kaputt, kann er sie unter Umständen danach nicht mehr gebrauchen. Nicht das wird zum Problem aufgebauscht, sondern, dass es nach der – viel zu frühen  – Expelliation aus dem Transportschiff keine Bilder mehr gegeben hat.

Ein medialer Interruptus ist das Hauptproblem

Die konventionellen wie die asozialen Medien haben jetzt wieder etwas zu schreiben und das macht in unbestechlicher Klarheit deutlich, dass es niemals wirklich um den Wal ging:  “Es gibt keine Bilder von ihm” (Heul!) und der Freisetzung, Shame, shame, shame! Es gibt nix mehr zu berichten, es gibt kein “Happy End”, und weil man das sowieso nicht brauchte, es gibt auch kein “Unhappy End”. Es gibt einfach nix. Der Wal kam aus dem Nix, er war krank und nicht therapierbar, wahrscheinlich so hilflos und von den Menschen ignoriert, wie die anderen ca.  900 Wale, die jedes Jahr an den besagten Schleppnetzteilen, die sie verschlucken,  krepieren und er verschwand im Nix. . Heimlich, in der Tiefsee in Atemnot, im Seichtwasser, um zu verhungern, mit Schmerzen im Verdauungstrakt, schnell oder langsam siechend, von Entzündungen und Geschwüren gequält. Verhungernd, weil einfach nicht mehr genug Krill wächst, weil die arktische See immer wärmer wird, wegen der Erderwärmung. Und weil das den ganzen Medien, Influencern und asozialen Netzwerkbetreibern alles völlig scheißegal ist.

Lucky Luke hat in irgendeinem Heft mal formuliert; “Politik ist die Kunst, die Leute davon abzuhalten, sich mit den Dingen zu beschäftigen, die sie wirklich etwas angehen.”

Über Roland Appel:

Avatar-FotoRoland Appel ist Publizist und Unternehmensberater, Datenschutzbeauftragter für mittelständische Unternehmen und tätig in Forschungsprojekten. Er war stv. Bundesvorsitzender der Jungdemokraten und Bundesvorsitzender des Liberalen Hochschulverbandes, Mitglied des Bundesvorstandes der FDP bis 1982. Ab 1983 innen- und rechtspolitscher Mitarbeiter der Grünen im Bundestag. Von 1990-2000 Landtagsabgeordneter der Grünen NRW, ab 1995 deren Fraktionsvorsitzender. Seit 2019 ist er Vorsitzender der Radikaldemokratischen Stiftung, dem Netzwerk ehemaliger Jungdemokrat*innen/Junge Linke. Er arbeitet und lebt im Rheinland. Mehr über den Autor.... Sie können dem Autor auch im #Fediverse folgen unter: @rolandappel@extradienst.net