Gestern starb Carlo Petrini (76) in seinem Geburtsort Bra/Piemont
Bei allzu wenigen Gelegenheiten begegnete ich ihm persönlich, ein kommunikativer Kerl und strategischer Kopf. Inhaltlich und charakterlich in allem ein Anti-Berlusconi, ein mächtiger Mann in Italien, aber ganz anders gestrickt als die Deppenmassen, die “die Politik” bevölkerten und bis heute herunterziehen. Ein schwerer Verlust, ein hochpolitischer Geniesser.
Petrini war ein Gründer wertvoller und überwiegend über ihn hinauswirkender politischer und kommunikativer Strukturen. Zuallererst die Slowfood-Bewegung, die sich von Italien ausgehend weltweit ausbreitete. In Deutschland startete sie als elitäre Gourmet-Vereinigung, was dem politischen Petrini nicht gefallen konnte, aber auch nicht unnötig verärgerte. Subtil half er dabei mit, diesen Zustand zusammen mit vielen Anderen zu einer politisierten Fachorganisation von Geniesser*inne*n weiterzuentwickeln.
Seine Mediengründungen “Gambero Rosso” und “Osterie d’Italia” sind noch heute in Italien eine Macht. Der Osterie-Führer ist eine Garantie für gelingende Italienreisen, in jeder Stadt und jedem Dorf.
Das von Petrini inspirierte Terra-Madre-Netzwerk hat das Potenzial zu einer globalen Gegenmacht gegen die Omnipotenz der Saatgutmonopole, von denen ein relevanter Hauptsitz hier bei uns um die Ecke in Leverkusen hausiert. Die versuchen die Welternährung unter ihre gentechnische Kontrolle zu bekommen – die mutmasslich grösste Gefährdung der weltweiten Artenvielfalt und Biodiversität. Petrini erkannte diese Gefahren früher als Andere, ohne in Panik und Hysterie auszubrechen. Er antwortete mit Kommunikation und strategischer Intelligenz.
Wäre Petrini repräsentativ gewesen, wäre diese Welt ein schöner, friedlicher und genussvoller Ort für uns alle. Darauf erhebe ich heute beim Mittagessen mit Freund*inne*n mein Glas. So hätte er es gewollt.
Ergänzend: dpa/taz

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