Wer macht Hoffnung und wer nicht?

Die Beantwortung ist entscheidend dafür, welche politische Kraft mobilisieren und also mglw. demokratische Wahlen gewinnen kann. Vereinfacht geantwortet: so wie die Bundesregierung es macht, geht es nicht. Nicht wenige CDU-Mitglieder sehen das auch so 😉 Viel schwieriger wird es, wenn gesellschaftliche Tiefenströmungen und Langfristtrends beachtet werden. Viele, auch teure Medien, sind dazu nicht mehr in der Lage.

Die Online-Präsenz der einstmmals ruhmreichen Frankfurter Rundschau empfinde ich als täglicher Reingucker unerträglich. Trennung von redaktionellem Teil und kommerzieller Werbung ist nicht erkennbar. Von allen Seiten strömen Popup-Störer ins Bild. Der Einsatz von sog. KI ist überall spürbar (oder ist es nur schlechter Journalismus?). Strengster Tagesbefehl der Ippen-Gruppe: Clickbaiting mit jeder Überschrift. Widerlich – ich sehe immer zu, dass ich schnell das Weite gewinne.

Warum gehe ich da jeden Tag trotzdem hin? Weil ich in dem ganzen Trash – gelegentlich – noch Perlen entdecke. Z.B.:

Peter Riesbeck: Schlechte Infrastruktur gleich rechte Wahlerfolge? – Der Rückgang der ländlichen Infrastruktur fördert rechte Wahlerfolge – in den Niederlanden und anderswo auf dem Kontinent. Es gibt aber Lösungsansätze.”

Dazu sind Ergänzungen erforderlich. Was Riesbeck beschreibt gibt es nicht nur in niederländischen (oder ostdeutschen) Käffern, sondern längst genauso im grössten deutschen Ballungsraum, dem Ruhrgebiet. Die Infrastruktur der meisten Stadtteile, in Köln würde es “Vedel” genannt, ist zusammengebrochen, vom Einzelhandel über Kirchengemeinden, einstige SPD-Ortsvereine bis zu Kneipen und anderen zivilgesellschaftlichen Elementen. Hätte es in den vergangenen Jahrzehnten nicht die Migration gegeben, die die Rechten heute bis in die Bundesregierung hinein bekämpfen, wäre nicht nur ich nach meinem Herzinfarkt schon tot, sondern auch die grösste “Metropole” unseres Zwergstaates.

Das führt zu dem, was Riesbeck richtig beschreibt. Es symbolisiert Niedergang, depressiven Pessimismus, Hoffnungslosigkeit – Gift für eine Demokratie, Demobilisierung. In der Emscherzone – städtischer geht es nicht – nimmt nur noch ein Drittel an Wahlen teil. Entsprechend sind die Ergebnisse.

Wenn die Mehrheit der Menschen aus Leuten meines Alters und älter besteht, wie soll dann Optimismus und Hoffnung entstehen? Davon gibt es sogar in Indien mehr. Und in Afrika sowieso.

Es gäbe eine “einfache” Lösung, nur theoretisch einfach: EU-Europa öffnet sich für eine emanzipatorisch geregelte Migration für die abnehmende Zahl jener Menschen, die auf diesen Kontinent (und unser Land) noch Hoffnungen setzen. Sie werden weniger. Und “wir” haben es nicht anders verdient. Aus der Geschichte lernen ist halt zu anstrengend und überfordert den Intellekt jener, deren Beruf es wäre, einen zu haben.

Es gibt einen systemischen Aspekt des Niedergangs ökonomischer und sozialer Infrastrukturen, den zu erkennen und zu verstehen offenbar eine Mehrheit in unserer Gegenwart überfordert. Nach der Kapitulation des sozial, ökonomisch und politisch desavouierten “realen Sozialismus” sind fast alle Schranken für den “realen Kapitalismus” gefallen. Seit 1990 findet er zu sich selbst. Und was da zu sehen ist, sieht nicht gut aus, sondern führt geradewegs in das Desaster, das oben beschrieben wird – und hier ist die Klimakastrophe noch gar nicht erwähnt. Diese Skrupellosigkeit und Schmerzfreiheit des Systems ist seit gut 200 Jahren bekannt und durchanalysiert. Der “reale Sozialismus” hat diese Erkenntnisse mit sich in den diskursiven Abgrund gezogen. Dumm gelaufen.

Ein spielerisch veranlagter aber intellektuell satisfaktionsfähiger Prophet ist der Kollege Thomas Knüwer. Er meint zur KI-industriellen Entwicklung: “2026 wird eine Krise beginnen, die so heftige makroökonomische Folgen haben wird, dass jene Zeit der New Economy wie einen Kindergeburtstag wirken wird.” Ob “es” in diesem Jahr schon passiert, halte ich nicht für sicher. Dass es – in welchem Jahr auch immer – passiert dagegen sehr wohl. Der Apple-Konzern offenbar auch. Die real existierenden Regierungen werden dann die Dauemnschrauben bei “uns” anziehen, um den Schaden zu finanzieren. Und die Oligarch*inn*en verpissen sich in militarisierte Gated Communities, um sich gegen Diebe und andere Umverteiler*innen zu wehren. Dann sollen sie sich doch lieber auf eine ihrer Yachten im Pazifik verziehen, und möglichst unbemerkt von der Aufmerksamkeitsökonomie untergehen, wie es Robert Maxwell getan hat. Oder vielleicht vermietet ihnen Peter Thiel ein Apartement in seinem Bunker auf Neuseeland.

Wie wird die Menschheit global betrachtet auf diese Desaster reagieren? Faschismus oder Sozialismus? Ich fürchte – ich neige aktuell dazu, es zu hoffen – die Antwort auf diese Frage nicht mehr zu erleben. Ich werde in Kürze 69.

Über Martin Böttger:

Avatar-FotoMartin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
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