Ab 1963 kam ich nach Frankfurt als Provinzdödel, Soziologiestudent. Dann der Adorno, der wird schwer sein, hieß es. Einer der großen Abwehrversuche gegen Adorno ist: Der ist so schwierig! Der ist überhaupt nicht schwierig, der ist gegen alles! Gegen Gott und die Welt! Und jeder, der mit Adorno, der seine Texte oder seine Vorlesungen mit kriegt, merkt sofort: Der ist gegen alles! Gegen Gott und die Welt!
Während des Soziologiestudiums war ich im Bildungsteam drin, in der politischen Bildung hieß das damals. Wir machten Aufklärung jenseits der Schule: Außerschulische Bildung – und machten sehr spannende Sachen für Schüler und Studenten. Besonders war das die Naturfreundejugend, der Verein wo ich angestellt wurde, die zwar als Sozialdemokraten ihre Schwierigkeiten mit so einem antiautoritären Sponti wie mich hatten. Aber wir hatten hier im Frankfurter Milieu sämtliche Anregungen auch der 70er Jahre. Und ich konnte nicht so furchtbar ranzig und fett und bürokratisiert werden, wie andere meiner Zeitgenossen. Weil das lebendige Frankfurter Milieu auch mich unter Druck setzte, indirekt, durch viele Anregungen.
Dann kam die Krise, Aufbruch in eine Weltreise. Englisch konnte ich ein bisschen. 77, 78 waren es viele Leute, die Krise hatten, auch das Sponti-Milieu. Drei Jahre um die halbe Welt, als Rucksacktourist. Als ich zurückkam, hab ich gedacht, nie wieder in die Pädagogik. Als ich zurück bin dachte ich, jetzt mach ich was ganz anderes und wollte in die Goethe-Institute. Da hätte ich auch Deutschunterricht gemacht, hatte gute englische Literatur, aber die waren alle überbelegt. Ich kam nicht in die Goethe-Institute, in der dritten Welt.
Und dann wurde ich angesprochen – wie die Jungfrau zum Kind, ob ich nicht in einem Sportprojekt mitmache. Die Fußballfans waren außer Rand und Band, anfangs der 80er Jahre, rechtsradikal, Randale. Und ich sollte, als Theoretiker eher, ein Fanprojekt aufbauen: also Sozialarbeit mit Fußballfans, was jenseits der Polizei arbeitet. Ich hätte lieber höhere Töchter missioniert, aber ich kriegte nur da ein Angebot bei der hessischen Sportjugend, Fußballfans zu untersuchen und Projekte zu initiieren. Das habe ich 30 Jahre dann gemacht; Stationen in Düsseldorf und Würzburg, Sozialarbeit mit Fußballfans: Sozialarbeiter ausgebildet aus kümmerlich bezahlten Lehraufträgen.
20 Jahre lese ich schon die BILDzeitung,
täglich. Weil ich meine, was der Enzensberger, als er noch einigermaßen kritisch und gut war, um 1980 herum geschrieben hatte: Die BILDzeitung ist die Avantgarde für die gesamte Presse, auch für die Edle. Reduktion auf Bilder, Reduktion auf das Private, Geschichten von heute. Man muss Geschichten erzählen, und ihre Strategie für 12 Millionen Leser täglich ist entscheidend, ob wir eines Tages an die Wand gestellt werden oder ob wir noch davonkommen. Klassische Sündenbock-Strategien der BilDzeitung. Heute, nach dem Verlust des letzten Lehrauftrages – man kommt in Rente dann, obwohl ich mit Studenten weitermachen würde. Die kritische Theorie ist so gut wie abgemeldet, früher konnte man Karriere damit machen. Ich hadere ein gutes Stück damit, dass ich an die Jugend nicht mehr rankomme. Freiwillig kommt die nicht zu mir. Über einen Schein bei der Uni hätten sie kommen müssen, da habe ich die lebendigsten Vorträge, die ich überhaupt je gemacht habe. Keine Wunder und so bin ich dabei, im Moment dabei, meine Memoiren zu verfassen.
Meine Mutter hatte nie ein Buch gelesen
in dem Sinne, Soziologie schon gar nicht, aber die hat mir das beigebracht, was ich im ersten Semester am Anfang in den Vorlesungen auch meinen Studierenden gesagt habe: Soziologie ist ganz einfach, ich sag euch mal ein Beispiel für realistisches Bewusstsein – so heißt das in der Fachsprache: Geld regiert die Welt -, eine Hand wäscht die andere -, es kommt nur auf Beziehungen an und – die da oben machen doch nur, was sie wollen. Das habe ich von meiner Mutter, das ist das Kleine-Leute-Bewusstsein. Und je treffender das realistische Bewusstsein ist, je genauer die Ohnmacht der Einzelnen verzeichnet ist, umso eher wirkt es auch als Entschuldigung dafür, dass man eigentlich garnichts tun kann. Absurd eigentlich, nicht? Die schärfsten gesellschaftlichen Einsichten – sie mögen noch so dichotom oder roh und ungefiltert sein, zutreffend schon – tragen dazu bei, dass man seine eigene Ohnmacht rechtfertigen kann. Und damit schlage ich mich heute herum.
Ich komme aus einem Arbeiterhaushalt aus Nordhessen. Brave, angefasste (?) Sozialdemokraten, die bei Willy Brand aufstanden und tosend applaudiert haben. So nordhessische Sozialdemokratie, eben. Das ist nicht das Proletariat im Marxschem Sinne, auch nicht die Klasse an sich und schon gar nicht für sich – mit dem Klassenbewusstsein. Aber ich hatte nie die Sehnsucht nach Opel, nach einem Betrieb, nach Arbeiterbildung, weil ich mich erstens davon fortentwickelte von der kleinbürgerlichen Fassung, die ich selber erlebt habe und zweitens: besser agieren konnte und aufklären konnte mit den Oberschülern und Studenten. Da war ich erfolgreicher, das machte mir mehr Spaß. Ich hab da Arbeit gemacht, politische Aufklärung, wo ich sie am besten konnte, das war in der Mittelschicht und als meine Sponti-Genossenschaftler hier aus Frankfurt, aus dem RK, auch die, nach Opel Rüsselsheim an die Betriebsbänder gingen, da habe ich gehofft, ihr Betriebspraktikum würde nur ein halbes Jahr dauern vielleicht, und sie würden zurückkehren an die Uni und an die Schulen, dann hätten wir nämlich nicht den verhängnisvollen KBW-Einfluss gehabt. Also diese Form des Parteikommunismus, die sich zurück bezog auf klassische Formen der Arbeiterorganisation in den 20er Jahren, die hatten natürlich bei uns Spontis keine Schnitte ab und auch umgekehrt. Ich bin eher ein ängstlicher Mensch, und habe die Dinge auch schon existenziell für mich diskutiert. Ich habe nicht etwas gepredigt, was man selber nicht machen kann. Ich hab nicht etwas vorgeschlagen, was ich selber nicht realisiere, und ein Revolutionär und revolutionäre Umwälzung, das ist – um die Maoisten zu zitieren – kein Deckchenstricken.
Che Guevara habe ich aus der Ferne sehr bewundert
Ich konnte mir das immer vorstellen. Che Guevara habe ich aus der Ferne sehr bewundert. Der war Arzt, der hatte Asthma, ging in Schulen. Meine Güte, was für ein Einsatz, der war Wirtschaftsminister in Kuba gewesen. Das traute ich mir einfach nicht zu.
Die Sportkritik, das ist das relevante und ich möchte den Begriff der Sportifizierung der Welt: Höher, weiter schneller! . . . Das ist ja heute so mit den Händen zu greifen, wie die Sportifizierung alle Segmente der Gesellschaft ergreift. Bei uns besonders der Fußball. Und die verblödeten Charaktermasken, die oben dran sind, die werden von Jugendlichen heute, wenn man sie befragt – 16jährige Nordrhein-Westfalen: Was sind eure Vorbilder? – Erstens: die eigenen Eltern! Wir 68er fallen in Ohnmacht, wenn wir das hören, die igenen Eltern als Vorbilder anzugeben. Und zweitens: die ganzen Sportgrößen. Also, wenn man vielleicht früher die Heiligen oder Albert Schweizer oder Gandhi als Vorbild hatte, so haben die heute tatsächlich die Sportgrößen mit ihren Spatzengehirnen; aber die portifizierung der Gesellschaft, wo die Muster, die Orientierungsmuster, wir haben kein Vakuum. Höher, weiter, schneller! Gib 120 Prozent! Das letzte aus dir herausholen! Diese ganzen Muster, die kapitalkonform sind, stabilisieren für das System, mehr noch als früher die Religion das gemacht hat und da ist die Front, an der ich kämpfe. Also gegen Beckenbauer, Hoeneß und Konsorten. Das ist mir ein Vergnügen.
Die Welt zu verändern, das ist ein resignatives Konzept
Im Einzelnen ist dann später übriggeblieben, ich muss bei mir selber anfangen: Also, die Welt zu verändern, das ist ein resignatives Konzept; aber bewundernswert, wenn einer die Tiere schützt und richtig gut isst und biologisch wertvoll sich ernährt; dann sind das alles Sachen, die gut sind, gegen die man nicht argumentieren kann. Heute müsste man die Frage stellen: Warum sind wir alle so resigniert, obwohl doch die gesellschaftliche Struktur völlig transparent ist, also quasi: Die machen gar keinen Hehl daraus, die Banken zum Beispiel zu retten und nicht die Menschen. Mit unseren Steuermitteln. Das wird ja offen gesagt. Der Aufklärer muss ja nichts entlarven. Die sagen es ja selber.
Jetzt könnte man ja vermuten – da das auf der Hand liegt, was da passiert, dass auch die reichen Leute nicht besteuert werden und bestenfalls noch davon geredet wird, um im Wahlkampf noch ein paar Punkte zu machen, dass diese Offenheit unsere Ohnmacht verstärkt. Seltsamerweise führt das zur Lähmung. Der Marx hat noch geschrieben in den Frühschriften: Der desillusionierte Mensch, der keine religiösen Ablenkungen – ich würde sagen, sportliche Ablenkungen – mehr so duldet, der aufgeklärte Mensch, der ist bereit für die Revolution. Der sieht in dieser Gesellschaft Entfremdung, Ausbeutung, Verdinglichung, also: der Kapitalismus ist eine Gesellschaftsform, die des Menschen unwürdig ist. Jetzt sind wir so desillusioniert, die meisten, man kann keinen aufklären über den Zustand unserer Gesellschaft, die Leute wissen das. Und gleichzeitig gelähmt, bis auf die sogenannten Wutbürger und einzelne Gruppen, wie Occupy.
Schluss mit dem Stress!
Wir könnten jederzeit die Arbeitszeit weltweit auf die Hälfte reduzieren, wenn wir nicht soviel nutzlose, unsinnige Produktionen machen, die den Menschen nur schaden. Die Parole müsste heute heißen: Schluss mit dem Stress! Dann könnte man sagen, wir verteilen die Arbeiten um. Die ganzen Arbeitslosen formulieren ihre Wünsche, was sie gerne mal arbeiten möchten, das Arbeitsamt wird sich kümmern, dass man solche Jobs findet und dann kann man die Arbeitszeit um die Hälfte reduzieren und sehr viele Leute in Arbeit bringen, die heute draußen sind. Nur ist das naiv, so zu denken, denn der gegenwärtige Zustand, der zum Himmel schreit, erstens vor Ungerechtigkeit und zweitens vor Ineffektivität. Der Kapitalismus ist nicht mal effektiv.
Und die Sehnsucht nach einer Welt die, wie Adorno so schön sagte: Wo man ohne Angst verschieden sein kann. Ich wüsste keine Formulierung, die kürzer, knapper und präziser ist. Ohne Angst verschieden zu sein! Und Adorno, den ich sechs Jahre im Seminar erlebt habe, sagte auch, der Hunger könnte weltweit abgeschafft werden und Erfrieren könnte weltweit abgeschafft werden, und alle könnten wir ohne Fußball leben – im Zweifelsfall noch, indem wir selber kicken mit einem Ball. Ich bin sehr für Bewegungs-Lust, was etwas völlig anderes ist. Solche Bewegungen sind ganz.
Also, ich ordne die nicht in ein Klassenschema irgendwie ein, dass die sich rechtfertigen müssten für eine Relevanz. Jede Form von symbolischer oder realer Kritik an diesen hundswidrigen kapitalistischen Verhältnissen ist berechtigt und wenn man die unterstützen kann, dann soll man das tun, in seinen Kräften, soweit es geht.
Von den Klassikern haben wir gelernt, es gibt eine am meisten unterdrückte Klasse, das Proletariat genannt, was der objektiven Notwendigkeit, nach Lukacs, die Revolution zu tun gezwungen wäre, der Möglichkeit nach sie aber nicht unbedingt macht. Deswegen heißt sie ja Klasse an sich. Als Klasse an sich ist sie im Stande, nur gewerkschaftliches Bewusstsein zu entwickeln. Bisschen mehr poppen, bisschen mehr essen, bisschen mehr fegen – ich will das nicht ironisieren, jetzt habe ich es gemacht, tut mir leid. Also, das ist das sogenannte gewerkschaftliche Bewusstsein. Damit gibt sich der Proletarier auch zufrieden.
Lenin, der Realist, gegen Luxemburg, die anders war, der sagt: Ich brauche eine Elite, die das Feuer der Revolution in der Partei konserviert, denn ein normaler Mensch, der – was soll der für die Revolution durchs Feuer gehen? – das ist eine harte Arbeit. Ich brauche, um die kostbare Flamme der Revolution zu konservieren, eine Partei, eine Avantgarde, denn die gewerkschaftlichen Vasallen werden immer nur kleine Reformen oder ein bisschen mehr Lohn, ein bisschen mehr Ferien und so weiter, durchbringen. Das haben wir so gelernt.
Herr Bott Sie sind so einseitig
In meinem letzten Seminar habe ich geschimpft über die Studenten. Herr Bott Sie sind so einseitig. – Ich sage, warum bist du zweiseitig? Guckst du nur Talkshows, eines Teils, anderen Teils, du bist doch jung, du musst doch einseitig sein. – Da sagt der: Herr Bott, Sie sind so einseitig! – Ja, das sagt mir ein 20jähriger. Ist das nicht grauenhaft: Du musst doch radikal sein! – Ja, sie haben gut reden. – Ja, wir haben damals ja auch relativ gut reden gekonnt. Es ging voran, wir hatten Erfolge, das war ganz wichtig, also wir brachten einige Reaktionäre zu Fall. Wir wussten auch nicht, dass wir die Jeans durchsetzten, die du heute von der Stange mit Löchern kaufen kannst.
Unser Autor Dieter Bott starb am 26.4. dieses Jahres. Dieser Text ist aus einem Interview anlässlich der Inszenierung von 2012 Marx&Engels. Hennes&Mauritz. Im Theater Willy Praml, Frankfurt am Main, (Regisseur Otmar Hitzelberger). Mit herzlichem Dank an Gisela Schauer und Jürgen Lamprecht für die Übermittlung.

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