– also sperr deinen Kopf auf! Ich bin ja im Gegensatz zu dir nicht mehr wehrpflichtig. Und wenn ich’s wäre, würde ich sagen: Ich verteidige mein Land nicht, weil es nicht mein Land ist. Das Land gehört anderen, und ein Land, in dem Arbeit besteuert wird, aber nicht das Vermögen, ist nicht mein Land, und es ist auch nicht wert, verteidigt zu werden.

Gut, ich erzähle dir jetzt mal, wie das nach dem Ende des 2. Weltkriegs gelaufen ist. 1956 wurde in der Bundesrepublik Deutschland die Wehrpflicht eingeführt, und das sogenannte Kreiswehrersatzamt war der bürokratische Arm der Landesverteidigung. Die Hauptaufgabe der Wehrkreisersatzämter war die Musterung der Wehrpflichtigen und freiwilligen Bewerber zur Feststellung der Wehrtauglichkeit und Verwendungsfähigkeit, und man kümmerte sich dort um die Ergänzung des Personalbedarfs der Streitkräfte nach Ausscheiden oder Fallen.

Als ich 1957, zwei Tage nach dem Abitur, einen Brief vom Ersatzkreiswehramt erhielt, schrieb ich auf den Umschlag „Empfänger unbekannt verzogen“ und steckte ihn ungelesen in einen Briefkasten. Dann löste ich eine Bahnfahrkarte nach Berlin, wo ich mich polizeilich anmeldete und einen Berliner Personalausweis erhielt. Als Berliner war ich vom Wehrdienst befreit. Die erste Mahnung meines Wehramtkreisersatzes, jetzt endlich mal zur Musterung zu erscheinen, beantwortete ich hochnäsig, man möge sich doch an geltende Gesetze halten und mich, einen Berliner Bürger, nicht belästigen. Weitere dringliche Schreiben der Ersatzkreisamtswehr ignorierte ich.

Zehn Jahre später zog ich von Berlin nach Hamburg. Den Musterungszirkus hatte ich längst vergessen. Doch eines Vormittags, 1967, ich wollte gerade zur Arbeit fahren, stand die Polizei vor unserer Tür. Vier Polizeibeamte in zwei Streifenwagen. Sie nötigten mich einzusteigen und eskortierten mich zur Musterung nach Elmshorn. Die Musterung war lustig: Ich leugnete standhaft, jemals Post vom Amtsersatzkreisverkehr bekommen zu haben, ich weigerte mich, Kniebeugen zu machen, und nach den ersten beiden Liegestützen brach ich total zusammen. Ich bot an, rauszugehen und erstmal einen Joint zu rauchen, dann wäre ich mit Sicherheit leistungsfähiger. Das wurde abgelehnt. Stattdessen sollte ich hinter einem Paravent in ein viel zu kleines Bierglas pinkeln. Ich tat, wie mir befohlen, konnte aber nicht verhindern, dass das Glas überlief und jemand zum Fußbodenwischen abkommandiert wurde. Natürlich traf es einen tapferen jungen Rekruten. Das hatte der sich auch nicht träumen lassen, als er sich entschloss, dem Vaterland zu dienen…

Den Offizier, der den Wehrpflichtigen Fragen beantworten sollte, fragte ich, ob er die vergessene fünfte Strophe der Internationale, die 1935 von Stalin verbannt und nie rehabilitiert wurde, kenne. Leichtfertig verneinte er. Als ich sie ihm aufsagte –
„Wenn sie darauf bestehen, diese Menschenfresser,
aus uns Helden zu machen,
werden sie bald erfahren, dass unsere Kugeln
für unsere eigenen Generäle gemacht sind“
– guckte er mich verdutzt an und wandte sich kopfschüttelnd einem anderen Gesprächspartner zu.
Ich fragte den Jungen von der Reinigungstruppe „Wo kann man denn hier verweigern?“ Aber das wusste er nicht. „Keine Ahnung“ war seine Antwort. Die Stimmung auf dem Wehrkreisersatzamt war eisig.

Fakt war: Meine Wehrtüchtigkeit ließ eigentlich keine Wünsche offen. Deswegen war ich erstaunt, als ich meinen Wehrpass erhielt. Darin wurde beurkundet, ich sei „Ersatzreserve 2“. Ins Deutsche übersetzt hieß das: Wenn Hamburg in die Hände der Russen gefallen war, sollte ich in Pinneberg Gräben ausheben.

Das ist jetzt fast 60 Jahre her, und Pistorius der Große sagt, der Russe überfällt uns 2029, also in drei Jahren. Woher weiß er das? Das ist doch durch nix bewiesen! Dieser peinlichste und stümperhafteste Provinzfeldherr aller Zeiten, der selbst eine Floskel wie „guten Abend, meine Damen und Herren“ vom Manuskript ablesen muss, schildert die „Bedrohungslage“ so bedrohlich, dass man sich wundert, dass die Russen nicht längst in Portugal ihren Sherry trinken… Diese Knalltüte wirkt auf mich, als hätte Heinrich Mann sie in seiner depressivsten Stunde erfunden, und ich denke, alles, was Pistorius von sich gibt, kann ersatz- und folgenlos gestrichen werden…

Die Polizisten, die mich vor meiner Wohnungstür gekidnappt hatten, weigerten sich, mich nun auch wieder nach Hause zu fahren. Also nahm ich die S-Bahn und hatte Muße, Zeitung zu lesen. Der evangelische Bischof Martin Niemöller wurde darin zitiert: „Und darum ist heute die Ausbildung zum Soldaten die hohe Schule für Berufsverbrecher: Mütter und Väter sollen wissen, was sie tun, wenn sie ihren Sohn Soldat werden lassen. Sie lassen ihn zum Verbrecher ausbilden.“ Für diesen Satz hatte der Bischof bestimmt viel weltlichen Ärger bekommen. Ich allerdings pflichtete ihm bei, denn ich konnte mir eine Remilitarisierung überhaupt nicht vorstellen. Ich kannte auch niemanden, der diesen militanten Unsinn mitmachen wollte.
Aber es gab auch damals schon viele Idioten: Am 9. Mai 1955 ließ sich die Bundesrepublik Deutschland in die NATO aufnehmen. Dazu fällt mir, was Leonhard Cohen gesungen hat:

Es herrscht Krieg zwischen Arm und Reich,
ein Krieg zwischen Mann und Frau,
Es herrscht Krieg zwischen Links und Rechts,
ein Krieg zwischen Schwarz und Weiß.
Warum kommst du nicht zurück zum Krieg?
Bist du ein Außenseiter oder bist du angepasst?
Lasst uns alle nervös werden…

Was Leonhard Cohen dabei nicht bedacht hat: Es ist immer der Kampf für das angeblich Gute, der die Soldaten antreibt. Und um das Gute zum Sieg zu führen, muss man Krisenherde schaffen, man muss Waffen liefern und damit Bürgerkriege vom Zaun brechen, man muss ethnische und religiöse Gruppen aufhetzen und ganze Länder teilen. Nichts garantiert höhere Gewinne als Rüstung und Krieg. Da kommen Erdbeben und Überschwemmungen nicht mit…

Rund 55 Jahre nach ihrer Einführung, 2011, setzte der Bundestag die allgemeine Wehrpflicht wieder aus. Diese Aussetzung war Teil der Streitkräftereform – man wollte die Bundeswehr von 255.000 Soldaten auf bis zu 185.000 verkleinern. Das war mal ein Schritt in die richtige Richtung! Von nun an gab’s nur noch freiwillig „Dienende.“ Ich erinnere mich gut daran, was man mir damals über die Truppe erzählte: Zuerst lernte der Rekrut zu schießen, zu trinken, Sitze in der Eisenbahn aufzuschlitzen und dann bei Hochwasser Sandsäcke aufzustapeln.

In den folgenden 10 Jahren waren deutsche Soldaten ein echter Exportschlager: In Kabul nahmen sie Volkstanzkurse bei den Eingeborenen, erklärten denen auch den Sinn von Feinstaubplaketten und die Notwendigkeit, an jeder Straßenecke Tüten für Hundekot aufzuhängen, sie kontrollierten den schwarzen Afghanen und spielten mit gefundenen Knochen Völkerball. Im Kosovo setzten sie die deutsche Straßenverkehrsordnung durch, dann hielten sie Wacht am Horn von Afrika und passten auf, dass Piraten ihnen nicht ihre schönen Fregatten unterm Arsch wegkaperten, deutsche Soldaten betrieben die Aktion Sorgenkind auf dem Balkan, das Müttergenesungswerk in Somalia, Essen auf Rädern in Kambodja. Sie kümmerten sich in Peru um die SOS-Kinderdörfer, sie halfen in Mali mit ihren Sturmgewehren bei der Kokosnussernte und retteten als Froschmänner die heiligen Affen in Bangladesh. Die Küste des Libanon bewachten sie von See aus, damit der Waffennachschub für die Hisbollah über Land reibungslos abgewickelt werden konnte. Und sie waren begnadete Latrinenbaumeister. Überall, wo sie hinkamen, bauten die deutschen Soldaten erstklassige Scheißhäuser, das brachte ihnen weltweite Anerkennung ein. Wären sie nur dabei geblieben…

Du hast recht, mein Junge, das klingt so weit alles ganz nett, aber 2008 machte das Bundesverfassungsgericht klar, dass die deutsche Bundeswehr ein „Parlamentsheer“ sei. Dadurch erfuhren nicht nur viele Menschen, sondern auch zahlreiche Abgeordnete erstmalig, dass deutsche Soldaten sogar gezwungen sind, hin und wieder auch Frauen und Kinder umzubringen, weil es darum geht, deutsche Interessen zu verteidigen, und zwar allüberall.

Mit dem »Gesetz zur Modernisierung des Wehrdienstes« vom Dezember 2025 wurde eine verpflichtende allgemeine Musterung und Erfassung aller Männer ab dem Jahrgang 2008 installiert. Nein, mein Junge, die Forderung, der Soldat möge doch bitte eine Eigenbeteiligung an seiner Munition bezahlen, fand bislang noch keine Mehrheit. Aber das kann noch kommen, wenn der Staat die teuren Tomahawk kaufen muss. Nein, Tomahawk sind keine Wurfbeile, sondern Marschflugkörper. Mordraketen.

Grundlage der neuen Wehrerfassung sind die Fragebögen, die seit Anfang des Jahres an alle 18jährigen verschickt werden und mit denen „Erreichbarkeiten und Verfügbarkeiten“ der jungen Leute abgefragt werden sollen. Hauptzweck der Fragebogenaktion ist die Erfassung der kriegsdienstverwendungsfähigen Jugend, und das Verteidigungsministerium droht jenen, die nicht antworten, Bußgelder bis zu 250 Euro an. Logisch – ich übernehme das, da mach dir mal keine Sorgen…

Um deine Verfügbarkeit zu erreichen, dafür haut das Militär in großem Stil auf die Propagandapauke: Das Budget für Rekrutenwerbung und Imagepflege beträgt rund 70,5 Millionen €. Soldaten oder auch Professoren der Bundeswehr-Universitäten machen sich als Welterklärer an den Volkshochschulen breit. Es gibt „70 Gründe für die Bundeswehr“ , heißt es, und man behauptet: „Weil wir die stärkste Friedensbewegung Deutschlands sind.“ Sogar eine „Kinderuni“ gibt es, mit „kindgerechten“ Vorlesungen für acht- bis zwölfjährige, dazu erteilt man den Kids eine Spielerlaubnis für das Herumkrabbeln auf Kanonen und Panzern. Und wahnsinnig werbeträchtig ist das Bild, auf dem der Minister Pistorius in Bomberjacke und mit dem Fahrtwind im schütteren Haar aus dem Geschützturm eines Kampfpanzers die Lüneburger Heide inspiziert – da kann man sich gut vorstellen, wie er sich persönlich an die deutsch-russische Grenze stellt und Russen abschreckt…

Die Bereitschaft der deutschen Jugend, die Waffe in die Hand zu nehmen, lässt zum Glück aber noch zu wünschen übrig. Es bleibt eben ein Widerspruch, die Bundeswehr vor Schulkindern und Jugendlichen als „ganz normalen Arbeitgeber“ darzustellen und gleichzeitig die Angst zu verbreiten, wir befänden uns in einer Vorkriegszeit und der Kampf gegen die Atommacht Russland würde demnächst losgehen. Du kannst mir glauben: Was vor 85 Jahren mit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion begann, fand mit der NATO-Osterweiterung seine Fortsetzung, und jetzt geht es darum, Russland einzukesseln, um es endgültig platt zu machen. Vielleicht will man sich aber auch nur von den Russen die Fresse polieren lassen, weil das damals so einzigartig schön war…Wer weiß schon, was in den Köpfen der Aufrüstungsbejubler vorgeht…Die lügen uns ja auch ins Gesicht „Niemand hat die Absicht, einen Krieg zu beginnen“. Glaubst du das? Tiefes Misstrauen, sehr gut. Im Oberkommando der Wehrmacht ist man felsenfest davon überzeugt: Es ist ganz und gar ungehörig von Russland, Sicherheitsinteressen zu haben – die haben nämlich nur „wir“.

Ich weiß nicht, ob du das auch gesehen hast: Vor einigen Jahren wurde im Fernsehen mal die Aufbahrung von zwei toten deutschen Soldaten auf dem Kölner Flughafen gezeigt. Dazu erklang „Ich hatt` einen Kameraden,” und per Laufschrift wurden am unteren Bildrand die aktuellen Aktienkurse eingeblendet. Stimmt – das kam einer wahrheitsgemäßen Berichterstattung schon ziemlich nahe. Und als man einen Oberfeldwebel zu Grabe trug, sagte der zuständige Minister bei der Beerdigung, „Ruhe in Frieden, Soldat, und sei in Gottes Segen geborgen,“ und er sagte das mit einem Betroffenheitstremolo in der Stimme, als sei er überrascht zu erfahren, dass Krieg gefährlich ist und auch zum Tod von Soldaten führen kann. „Ruhe in Frieden, Soldat!“ Sterben müssen, um Frieden zu finden – erstaunlich, wie diese Militärpersonen immer wieder ihre Absurdität vorführen.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass du Wert darauf legst, eines Tages an einem Krieger-Ehrenmal verewigt zu werden. Dein Name – vielleicht sogar vergoldet, nach deinem Heldentod auf einer Gedenktafel eingraviert – ein scheußlicher Gedanke. Ich war immer der Meinung, wenn schon Heldendenkmäler, dann bitteschön auch mit den Namen aller von der Bundeswehr Getöteten mit genügend Platz für die Namen der noch zu erwartenden Opfer… Na schön, ich denke, du weißt jetzt, was du zu tun hast, wenn man Polizisten schickt, um dich zur Musterung zu zwingen…

Dieser Beitrag ist eine Übernahme aus dem Blog des Autors, mit seiner freundlichen Genehmigung.

Über Henning Venske:

Avatar-FotoUnter der Kennung "Gastautor:innen" fassen wir die unterschiedlichsten Beiträge externer Quellen zusammen, die wir dankbar im Beueler-Extradienst (wieder-)veröffentlichen dürfen. Die Autor*innen, Quellen und ggf. Lizenzen sind, soweit bekannt, jeweils im Beitrag vermerkt und/oder verlinkt.