Erfolgreiches Theaterprojekt von Alex Mello im Kunstmuseum in Bonn

„Wie sind Sie denn darauf gekommen, ausgerechnet aus dem Loreleymythos ein Multikulti­stück zu machen?“, fragte ein Zuschauer im Publikumsgespräch nach der Ausstellung verdutzt. Die Verwirrung ist gewollt. Und wirkt. Die Theaterperformance, die der deutsch-brasilianische Regisseur und Dramaturg Alex Mello im Rahmen der sehenswerten Ausstellung #ifeelyou (es geht um Empathie) zusammen mit dem Bonner Verein für Gefährdetenhilfe (VFG) insgesamt drei Mal (am 21. Juni, 26. Juni und 5. Juli) im Kunstmuseum zeigte, ist Tanz, ist Kostüm (meist aus Plastiksäcken und Packpapier), ist Bewegung, ist Performance, mit berührenden Monologen und jeder Menge Gelegenheit, die Gedanken und Gefühle auf eine unbekannte Bahn zu schicken.

Mitglieder des Kölner Chors Vokalensemble unter der Leitung von Jennifer Gast sangen mehrstimmig und gewaltig Lieder wie: „Es waren zwei Königskinder“, „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten“ und „Sag mir, wo die Blumen sind“. Wirklich! Dazu deklamierten ehemalige Obdachlose, Suchtkranke, Transfrauen und professionelle Schauspieler*innen (frau erkennt nicht immer, wer wer ist), klar und überzeugend ihre Texte. In denen geht es um die eigene Geschichte, aber auch darum, unsichtbar gemacht zu werden, darum, eine eigene Stimme zu finden, gesehen und gehört zu werden – so wie frau ist, nicht wie sie sein soll. Es sind viele Stimmen und sie sind alle unterschiedlich. So rezitierte Mirka Lichtblick einen Brief an Marsha P. Johnson zur posthumen Würdigung und Lily the Pict trug das Lied der Loreley vor und bekannte, Loreley zu sein.

Es ist ein theaterpädagogisches Experiment, das Alex Mello zusammen mit der Theaterpädagogin Kathrin Junge-Gross, den Darsteller*innen und vielen Unterstützer*innen seit September 2025 entwickelt hat. Es gab zahlreiche Treffen, bei denen ganz langsam und mit ständigen Änderungen die Texte entstanden und das Stück seine Form fand, neue Menschen dazu kamen, immer wieder welche absprangen, Bühnenbild und Kostüme entworfen wurden, Tänzerinnen und der Chor dazu kamen. Alex Mello ist ungeheuer zugewandt, er nimmt sein Gegenüber ernst und so stellt er immer wieder um, nimmt Anregungen auf und die Performance ändert sich ständig. Zu sehen war aber kein theaterpädagogisches Experiment, sondern eine Vorführung, die die Zuschauer*innen packte und mitnahm.

Zuerst standen wir vor der großen Treppe im Eingangsraum, wo der Chor sein erstes Lied sang und Sara Rodriguez als Wassernixe die Königskinder in den Rhein lockte, dann liefen wir alle zusammen in rasender Schnelle durch die Ausstellung, bis an eine Stelle, an der drei Kostüme aus Plastik an Haken hingen und acht Plakate mit dem Aufdruck „Loreley gesucht“ zu sehen waren. Was sollten wir hier? Darsteller Ralf Scharrer sprang auf die Bank und sagte es uns: „Wir suchen Loreley! Sie sitzt nicht mehr auf ihrem Felsen! Wenn Sie mit suchen wollen, folgen Sie uns!“ Und so folgten wir ihm durch enge Gänge in den Vorführraum. Dort gab es ein Schiff, Rettungswesten, jede Menge Kämme und Handspiegel, viel Musik (Komposition und Livemusik: Stuart Kisitu) und ganz große Gefühle. Loreley, so lernten wir, ist überall. Vielleicht ist sie eine Obdachlose mit ihrem Einkaufswagen, vielleicht heißt sie auch Judith oder Vanessa. Aber auch wenn wir sie nicht sehen, sie ist da, sie lebt, sie spricht, sie singt. Und wenn wir wollen, können wir sie sehen und hören. Aber nur, wenn wir sie anblicken.

Poetisch, wuchtig und … sehr unterhaltsam ist diese Loreley. Das Publikum war begeistert, wenn auch nicht alle alles verstanden (siehe die Frage am Anfang). Viele Lateinamerikanerinnen spielten mit, teilweise wurde auch auf Spanisch deklamiert: „Cada día hay guerras“ und der Monolog auf Deutsch übersetzt. Und wenn Elisabete Merziger von der Bühne herabkommt und laut die Namen Sofia, Claudia, María ruft und viele Paar Schuhe verloren auf der Bühne stehen, dann denke vermutlich nicht nur ich an die vielen Verschwundenen in Mexiko, Argentinien, Chile und Brasilien. Auch Loreley ist verschwunden. Aber solange wir sie suchen, können wir sie noch finden.

Loreley wird gesucht! Ein Theaterprojekt des Vereins für Gefährdetenhilfe im Rahmen der Ausstellung #IFEELYOU. Dimensionen der Empathie. Regie und Dramaturgie: Alex Mello. Dieser Beitrag ist eine Übernahme aus ila 497 Juli/Aug. 2026, hrsg, und mit freundlicher Genehmigung der Informationsstelle Lateinamerika in Bonn. Links wurden nachträglich eingefügt.

Über Laura Held - Informationsstelle Lateinamerika:

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