… und in Döseldorf und in Beuel: sie werden es nicht mehr lernen

Zu den Vorteilen meiner Mediendiät gehört, dass ich vieles nicht mehr mitkriege. Es wäre schlecht für meinen Blutdruck und mein gefährdetes Herz. Das spüren auch die in Berlin. Wenn sie noch in ihren Körper hineinhören. Viele lenken sich lieber davon ab – es kann zusätzlich beunruhigen. Am Fall der Bärbel Bas rückte dieser Zusammenhang mal wieder in die Schlagzeilen. Mich hat das nicht mehr intensiv beschäftigt, weil ich das alles schon kenne. Doch die folgende Kolumne enthielt für mich noch bemerkenswerte Neuigkeiten:

Ralf Heimann/MDR-Altpapier: “Unter eins. Unter zwei. Unterirdisch? – Nach dem Rücktritt von Bärbel Bas schieben die Parteien sich gegenseitig die Schuld zu. Ex-Politiker Kevin Kühnert sieht den Skandal in einem Vertrauensbruch von Journalisten. Aber ist das so?”

Mein Qualitätsautor Gilbert Kolonko tadelt mich gelegentlich für mein Berlin-Bashing. Ich muss aus diesem Anlass etwas zugeben: bei Heimann taucht die Figur Liminski auf. Sein Machtzentrum ist Döseldorf, und sein Wahlkreisbüro hier mitten in Beuel, als Mieter eines mittelständischen CDU-Parteispenders, der sich u.a. mit einer Apotheke mit Öko-Image tarnt. Sowas gilt im heutigen Betrieb als schlau. Und nicht wenige in Beuel und Döseldorf fallen drauf rein.

Ich liebe Autor Heimann für seine abwägende Art des Schreibens. Er weiss Dialektik als Kunstform zu nutzen. Das ist selten geworden. Erst seiner Kolumne habe ich gestern spät am Tag entnommen, dass es der Bundeskanzler persönlich war, der seine Koalitionspartnerin abgeschossen hat. Statt sie zu feuern, redet er in “Hintegrundgesprächen” hochgradig kariert über Persönliches daher, und will es dann hinterher nicht gewesen sein, weil die fiesen Journalist*inn*en schuld sein sollen.

Der Bundeskanzler auf dem Niveau von Werner Rambow, mit dem ich in der Grünen-Stadtratsfraktion einst ähnliches erlebte. So weit muss ein Weltpolitiker erstmal sinken.

Heimann zitiert zustimmend den Dokumentarfilmer Torsten Körner (der “Die Unbeugsamen” gemacht hat), der wiederum mit diesen Worten die ZDF-Serie “Inside CDU” rezensiert: “Weil die Dokumentation auf Parameter wie Thrill, Cliffhanger, Personalisierung, Emotionalisierung, Tempo und Erregungssteigerung setzt, schrumpft die Politik als Sphäre zur reinen Aktion, so als sei sie nur eine weitere serielle Spielfläche, erfunden nur, um das Publikum zu unterhalten”.

Yessir, ich habe sie irgendwann genau deswegen abgeschaltet. Das ist das aktuell herrschende Politikverständnis der Aufmerksamkeitsökonomie. “Die Politik” hat jede Autonomie, jeden Steuerungswillen gegenüber dieser neokapitalistischen Ökonomie aufgegeben. Sie ist nur noch Objekt. Und weil das so arm ist, wie es aussieht, wendet sich die Mehrheit des Wähler*innen*publikums so angewidert ab.

Heimann schliesst richtig – aber “finde den Fehler!”: “Aber ein sehr kleiner gemeinsamer Nenner ist: Es braucht möglichst schnell Regeln, die dafür sorgen, dass uns der ganze Laden nicht um die Ohren fliegt.”

Der Fehler: das “uns”. Es unterschlägt die Klassenfrage. Sie dürfte Heimann ein Begriff sein, ist er doch vor Jahren selbst als qualifizierter Lokaljournalist vom Verlegeroligarchen-Clan Lensing-Wolff schmerzfrei auf die Strasse gesetzt worden.

Hinter der Rechtsentwicklung steht ein Klasseninteresse, hinter der AfD Milliardär*inn*e*n. Beim Einstürzen und Niederreissen der vorgeblichen vom o.g. Bundeskanzler ausgerufenen “Brandmauer” stehen sie in den vorderen Reihen. Massen von Dummköpfen und billigen Lumpenprolls tanzen nach ihrer Pfeife. Sie propagieren Lust an der Apokalypse, weil sie sich einbilden, sie hätten sich gut darauf vorbereitet.

Aber es ist weder Film, noch Entertainment, noch (digitale) Simulation. Es ist wahres Leben.

Über Martin Böttger:

Avatar-FotoMartin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
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