In früheren Erstligaspielzeiten landete der SC Freiburg in der Hinrunde regelmässig ganz unten und konnte, wenn, dann erst in der Rückrunde seinen Klassenerhalt retten. Jedes Jahr wurde ihm fast die ganze Mannschaft weggekauft. Die neuen Teams brauchten dann Zeit, sich zusammenzufinden. Das war und ist die Kunst dieses Vereins und seines gegenwärtigen Trainers Christian Streich, des menschlich respektabelsten Trainers im deutschen Profifussball.
Heute wurde nun die Frage beantwortet, ob Freiburg gegen den BVB-Jugendwirbel auch so untergehen müsse, wie Legia Warschau oder der VfL VW. Es sah in der ersten Halbzeit noch so aus. Doch was dann geschah, wäre fast auf ein komplettes Gegenteil hinausgelaufen.
Dembele und Mor machten in der ersten Halbzeit den Unterschied. Sie hätten um ein Haar ein Freiburger Desaster besiegelt. Aber von einem halben Dutzend sog. “100%iger” Chancen landete kurz vor dem Pausenpfiff nur eine in dem Eckigen. Das war, wie sich noch herausstellen sollte, für den BVB lebenswichtig. Es gab die Selbstsicherheit, mit der der BVB kurz nach der Pause das 2:0 nachlegen konnte. Doch dann brach der Champions-League-Virus aus: am Dienstag winkt das Gruppenspiel gegen Real Madrid. Der BVB liess den SC Freiburg, der das Spiel nun kurzzeitig verloren zu geben schien, aus dem bis dahin sicheren Schwitzkastengriff entgleiten. Der Anschlusstreffer fiel und Freiburg bekam den Glauben an erreichbare Ziele zurück. Der BVB konnte dagegen die Spielkontrolle aus der ersten Halbzeit nicht mehr zurückerobern. In dieser Phase wurde erkennbar, was dieser jungen und fast komplett neu zusammengestellten Mannschaft noch an Weltklasse fehlt.
Was ihr nicht fehlt, ist eine Weltklasseersatzbank. Von der kamen Pulisic und Guerrero, die an der Feinkostkombination zum entscheidenden 3:1 in der Nachspielzeit beteiligt waren.

Noch eine Bemerkung zu BVB-Kapitän Marcel Schmelzer. Ich kenne BVB-Fans, die seine schärfsten Kritiker sind, Ich sehe auch, dass er individuell kein Weltklassespieler, sondern “nur” ein guter Bundesligaspieler ist. Das Gegentor heute fiel über “seine” Seite, was aber schon eine ungerechte Bewertung ist; für eine Seite ist nie nur ein Einzelspieler verantwortlich, sondern das gesamte Team (nur so konnte der Bonner SC z.B. sein 2:2 gegen BVB II schaffen). Im aktuellen BVB-Mannschaftsgefüge spielt Schmelzer eine wichtige Rolle als gruppendynamische und solidarische Führungskraft. Er kann mit den neuen Jungstars umgehen, er holt sie auf den Boden zurück, wenn sie abzuheben drohen, und macht sie stark, wenn sie Hilfe brauchen. Auch das sind Qualitäten, die im Mannschaftssport unentbehrlich sind.
Nun darf spekuliert werden: werden Dembele und Mor die alten Herren Ramos und Pepe am Dienstag auch so schwindlig spielen? Wie wird die nicht wirklich sattelfeste Abwehr des BVB mit Bale, Benzema und Cristiano Ronaldo klarkommen? Sie wird es nicht, sie wird die Mithilfe von Mittelfeld und Angriff benötigen. So wie Freiburg heute gegen die BVB-Angreifer, werden eher 3 als 2 Spieler den ballführenden Gegner attackieren müssen. Und sie müssen immer obsiegen, weil sonst gefährliche große Freiräume hinter ihrem Rücken entstehen. Für den BVB und Tuchel kommt nun die Standortbestimmmung im globalen Konkurrenzkampf: was bedeutet der 2. Platz in Deutschland ausserhalb unserer engen Grenzen?

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger@extradienst.net