Soziale Ungleichheit und Kinderarmut

Von , am Sonntag, 10. Dezember 2017, in Beuel & Umland, Politik.

von Rainer Bohnet

Was läuft schief bei uns? Deutschland ist reich und Bonn eine der wohlhabensten Städte. Trotzdem gelten über 20 Prozent der Kinder in der Bundesstadt als arm. Aber nicht nur die Kinder, sondern Kinderarmut ist gleichzeitig auch Familienarmut. Die Armut scheint sich regelrecht festzusetzen und als dauerhaftes Problem zu etablieren. Es gibt Hinweise darauf, dass arme Kinder als Erwachsene gleichfalls arm sein werden. Kinderarmut steht quasi am Anfang des Lebens und Altersarmut am Ende des Daseins. Das Szenario ist also systemisch. Befördert wird die Misere durch die Prekarisierung der Arbeitswelt, durch Arbeitslosigkeit, durch Hartz IV, durch viele Alleinerziehende und durch die Ghettoisierung diverser Wohnviertel und Stadtteile.

Eigentlich gibt es trotz jahrelanger Diskussion nur einen Fortschritt: Kinder- und Familienarbeit wird nicht mehr geleugnet. Man hat allerdings das untrügliche Gefühl, dass sie verwaltet und nicht bekämpft wird, obwohl es Bonn einen Runden Tisch gegen Kinder- und Familienarmut gibt, der regelmäßig tagt und von vielen gesellschaftlichen Gruppen und engagierten Einzelpersonen getragen wird.

Die Lösung oder Abschwächung von Kinder- und Familienarmut betrifft alle politischen Ebenen unserer Demokratie. So könnte z.B. ein Kindergrundfreibetrag nur durch die Bundesregierung bzw. den Deutschen Bundestag eingeführt werden. Auf der Bundes- und Landesebene gibt es Mittel für Projekte wie die Soziale Stadt und die Kommunen steuern und planen das Quartiersmanagement, finanzieren Schulen, Kindergärten und Jugendzentren. Daneben sind die Kirchen sehr aktiv und selbst Bürgerinnen und Bürger nehmen das Heft des Handelns in die Hand, wie z.B. beim Stadtteilprojekt Mini-Tabu.

Wollen wir Menschen dauerhaft abschreiben oder stigmatisieren? Wenn ja, nehmen wir in Kauf, ein gutes Drittel unserer Bevölkerung auszugrenzen und sie unter Umständen für die Demokratie zu verlieren. Wenn wir dazu Nein sagen, ist ein kraftvolles Umsteuern notwendig. Dazu müssen die unterschiedlichen Handlungsebenen zusammengeführt werden. Denn die Armutsstrukturen sind sehr komplex. Ich erinnere nur an große Politikfelder wie Bildung, Gesundheit, bezahlbare Wohnungen, Mietpreisbremse, gute Arbeit, Mindestlohn, Rente, Mitbestimmung und Demokratie.

Leider hat die Sozialpolitik im zurückliegenden Bundestagswahlkampf so gut wie keine Rolle gespielt. Ich höre auch immer wieder, dass ein verstärktes Engagement für das abgehängte Drittel der Gesellschaft nicht wahlentscheidend und deshalb verzichtbar sei. Diese Haltung ist nicht nur arrogant sondern unverantwortlich. Denn die sozialen Kosten der Kinder- und Familienarmut belasten indirekt alle Steuerzahler, die Verfügbarkeit und Funktionsfähigkeit der öffentlichen Infrastrukturen sind für alle Gesellschaftsschichten wichtig und es kann den Reichen nicht egal sein, dass sich unsere Gesellschaft weiter spaltet.

Abschließend appelliere ich an alle armen Familien, sich in die Gestaltung ihrer Zukunft aktiv einzubringen und bei Wahlen ihre Stimme abzugeben. Denn Wahlverweigerung ist keine Lösung und verschärft eher die Problemlage, denn dann werden ihre Interessen überhaupt nicht mehr repräsentiert.

Link: www.kinderarmut-bonn.de

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