von Rainer bohnet

Gestern traf ich zufällig einen alten Kollegen, mit dem ich vor über 30 Jahren bei der Deutschen Bundesbahn zusammengearbeitet habe. Er als Rangierer und ich als Aufsichtsbeamter. Er Arbeiter mit Tarifvertrag und ich damals Beamter des mittleren Dienstes. Soviel zur Nostalgie. Der aktuelle Bezug in die heutige Zeit ist, dass er eine auskömmliche Rente erhält, mit der er seinen gesamten Lebensunterhalt problemlos bestreiben kann. So war das vor 1998, als prekäre Arbeitsverhältnisse weitgehend unbekannt waren.

Nachdem erstmals die Friedrich-Ebert-Stiftung in einer Studie das Prekariat als neue gesellschaftspolitische Bevölkerungsschicht identifizierte, dachte man zunächst an einen Scherz. Hatte sich in Deutschland im Verborgenen eine unbekannte neue Menschenform entwickelt? Nein, keine neue Menschenform, sondern eine Arbeitsform, die heute zur Normalität mutiert ist. Denn ein Großteil der neuen Arbeitsplätze, über die sich die Politik seit Jahren rühmt, sind befristet und/oder schlecht bezahlt. Die Bezahlung liegt oftmals nur auf dem Niveau des gesetzlichen Mindestlohns und dieser reicht bekanntlich nicht für eine auskömmliche Rente. Über einem großen Teil der abhängig Beschäftigten schwebt ein Damoklesschwert, das sich Altersarmut nennt. Ausgenommen sind hiervon nur Beamtinnen und Beamte, deren Pension gesetzlich garantiert und auskömmlich ist.

Es ist schon auffällig, dass z.B. in der Paketbranche fast ausschließlich junge Männer und Frauen tätig sind. Deren Arbeit ist körperlich anstrengend, sie arbeiten oftmals für Subunternehmen globaler Logistiker und sie werden schlecht bezahlt. Körperlich anstregende Jobs gab es früher auch, aber im Gegensatz zu heute, war die Bezahlung besser. Zugegebenermaßen gab es damals keinen globalisierten Wettbewerb. Aber muss dieser zwangsläufig zur Prekarisierung führen?

Deutschland ist ein reiches und teures Land. Wer hier arm ist, gehört zu den Verlierern einer weltweit bewunderten Volkswirtschaft. Insbesondere die großen Konzerne, in deren Umfeld und in deren Branchen sehr viele atypische Arbeitsverhältnisse entstanden sind, verdienen sich durch die Globalisierung eine goldene Nase. Wenn sie zwecks weiterer Gewinnmaximierung für die Prekarisierung und für die Altersarmut mitverantwortlich sind, sollte die Politik die Möglichkeit ihrer Vergesellschaftung gemäß Artikel 15 des Grundgesetzes in Erwägung ziehen. Denn für mich steht das Gemeinwohl auf dem Spiel. Nicht mehr, aber auch nicht weniger!

Über den/die Autor*in: Rainer Bohnet