Gegen die Sportifizierung

Von , am Dienstag, 20. Februar 2018, in Fußball, Medien.

Adorno-Schüler und Extradienst-Gastautor Dieter Bott wandte sich schon in den 80er/90er-Jahren gegen die “Sportifizierung der Gesellschaft“. Die hörte nicht auf ihn, sondern machte weiter. Dahin, wo wir heute sind. Das sieht jetzt so aus:

Die Frankfurter Fussballfans, auch das ein spätes Erbe von Dieters Arbeit, inszenierten gestern einen sympathischen und erfreulich medienwirksamen Protest gegen das erste Montagsspiel der Ersten Bundesliga. Nur ein Symptom für einen schon lange hassenswerten Trend der Ökonomisierung des Fussballs bis zum letzten Tropfen Kapital.
Selbst der FAZ schwant schon, dass da gerade ein bisschen übertrieben werde – die Zuschauerzahlen der DFL sind in der letzten Saison erstmals um 1,5% gesunken. Die Zuschauerzahlen der Pay-TV-Sender, der eigentlichen Triebkraft der ganzen Entwicklung, werden bis heute geheim gehalten.

Gerhard Henschel, Erbe der “Frankfurter Schule” phantasiert schon mal für die taz-Wahrheit, wohin das alles führen wird. Und siehe da, noch am gleichen Tag toppt die Wirklichkeit diese Satire.

Nicht nur das Kapital ist Triebkraft, auch die Ideologie der individuellen Selbstoptimierung im Neoliberalismus steckt in der Sportifizierung der Gesellschaft. Wie bei den – noch männerdominierten – Fussballfans gibt es auch bei den Frauen und Mädchen einen wachsenden Widerstand gegen ihre Zurichtung durch das Medienkapital.

Ein Ahnherr dieser Widerstände lebt noch, er ist erst 73 Jahre alt und erhielt jetzt den “Dresdner Friedenspreis” mit einer Laudatio von Günter Wallraff: Tommie Smith, Olympiasieger und Weltrekordler über 200m, 1968 in Mexiko. Für seinen antirassistischen Protest wurde der damals 24-jährige Spitzensportler, gemeinsam mit dem Drittplatzierten und nicht minder verdienstvollen John Carlos, lebenslang gesperrt, schlimmer als ein ein betrügender Dopingsünder. Er hat es nicht bereut. Ich war damals 11, es lief live im TV, erstmals, weltweit. Große Menschen.

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