Konfrontation USA-Türkei: profitiert “der Russe“? Oder “der Deutsche”?

Ich weiss, ich habe Ihnen selbst schon vorgeschlagen sich bei Presseschauen im Radio die Ohren zuzuhalten. Und dann höre ich sie mir doch wieder an. Heute z.B. fällt auf, dass noch die piefigsten deutschen Provinzblätter psychiatrische Expertisen zum Geisteszustand der Herren Trump und Erdogan ausbreiten. Sie müssen es ja wissen, in Passau, Trier, Emden oder Osnabrück. Es breitet sich ein Spin aus. Und der ist aus Berlin.
Ich hatte selbst schon darauf hingewiesen, dass die Bundesregierung stickum in die Opportunitätslücke springt, die die Polarisierung zwischen den USA und der Türkei um die Geiselnahme eines US-amerikanischen Priesters und das US-Exil des Ex-Erdogan-Spezis Gülen bietet. Der Stratege Gerhard Schröder hatte diese Lücke früher als andere erspäht, und die Bundesregierung, der er schon lange nicht mehr angehört, auf diese lukrative Schiene gesetzt. Erdogan reitet die türkische Ökonomie mit seinem beratungsresistenten Konfrontationskurs gegen den Rest der Welt so dermassen in die Grütze, dass es für ein Land wie unseres, das millionenfache soziale Verbindungen mit ihm hat, ein Fest der Bereicherung wird, sich an kommenden Konkursmassen gütlich zu tun. Griech*inn*en wissen, was ich meine.
Das deutsche Grosskapital wird das als gerechte Rache dafür empfinden, dass es im Falle des Iran zurücksteckt. Auch hier gäbe es unermessliche Geschäfte zu machen, mit einer hochgebildeten – leider bisher nur potenziell – massiv konsumfreudigen, jugendlichen Bevölkerung. Doch vor der Allianz von USA, Saudi-Arabien, Golfemiraten (ausser Katar) und Israel geben Deutschland und Europa lieber klein bei. Russland und China können das zwar partiell kompensieren – Rohstoffe abkaufen, militärstrategisch stabilisieren – aber die kulturelle und ökonomische Nachfrage – noch – nicht im gleichen Masse befriedigen. Diese Lage veranlasst viele Iraner*innen, das Land lieber heute als morgen zu verlassen. Überall woanders winkt mehr Freiheit. Eine DLF-Reportage von Sabine Adler weist heute darauf hin, dass viele es über Serbien versuchen. Für diese Reise gibt es Visafreiheit, es liegt unmittelbar an der Grenze zur EU. Es gibt dort bereits eine funktionierende Infrastruktur zur Durchreise. Und wer will von einem islamistischen Mullahregime unterdrückten Menschen ernsthaft politisches Asyl verweigern? Noch haben nicht alle EU-Regierungen Faschist*inn*en in der Regierung.
Die Iraner*innen, die sich ein Flugticket nach Belgrad leisten können, “haben es noch gut”. Jemenit*inn*en müssen es erst mal nach Somalia schaffen ….
Die Fluchtursachen haben “wir” geschaffen; “unsere” Regierungen.

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
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