Das Binäre Denken bedroht uns immer schärfer und aggressiver
Die Visionär*inn*e*n des Silicon Valleys, Chinas und deutscher Medienhäuser sollten zum Arzt gehen. Sie praktizieren nicht nur selbst Binäres Denken, sondern träumen auch davon, unser ganzes Leben, uns selbst, mit Einsen und Nullen erfassen zu können. Gewiss ist damit mehr möglich, als die meisten von uns sich heute noch vorstellen können. Die Weltformel aber, oder auch nur unsere Lebensform Mensch, werden sie nie komplett erfassen. Das ist es, was menschliches Leben so schön und lebenswert macht. Diejenigen aber, die ich gerne zum Arzt schicken würde, geben nicht auf. Und schaffen es mithilfe der herrschenden digital-kapitalistischen Mechanismen zumindest, unseren gesellschaftlichen Diskurs und bisher erkämpfte demokratische Errungenschaften akut in Gefahr zu bringen.
Kleine Symptome fand ich schon in diesem grundsätzlich lobenswerten Interview meines Leitmediums telepolis mit unserer Bonner-Grünen-MdB Katja Dörner. Lobenswert ist nicht nur das gewählte Thema Kinderarmut, sondern auch die Form. Es wirkt zumindest so, als gebe es ein tatsächliches Gespräch wieder. Während Dörner auf praktische Probleme der Betroffenen und differenzierte Darstellung von Sachverhalten abhebt, will der Interviewer immer wissen, ob sie nun für oder gegen etwas (von Giffeys Gesetzentwürfen) ist, und warum. Da ist es schon das Binäre.
Stefan Niggemeier/uebermedien zeichnet nach, wie es sich in der Berichterstattung über den Angriff auf einen Bremer AfD-MdB in deutschen Medien epidemisch – und journalistische Arbeit einsparend – ausbreitete. Und ist etwa durch das Abschreiben bei der AfD-nahen sogenannten Zeitung das “Lügenpresse”-Gezeter leiser geworden?
In Frankreich droht diese Arbeits- und Sichtweise anhand der Berichterstattung und Debatte über die Gelbwesten das komplette politische System, soweit es demokratische Elemente enthält, zum Einsturz zu bringen. Die Regierung Macron erweist sich als komplett lebensfremd und uninformiert, und in ihrem politischen Existenzkampf so wild um sich schlagend, dass sie die Gefahr, in der sie schwebt, verschlimmert statt bekämpft. Eine “vierte Gewalt” in Gestalt funktionierender Medien, die in der Lage ist, sie zu kritisieren und zu korrigieren, gibt es kaum noch. Bernhard Schmid/Jungle World und Thomas Pany/telepolis können das. Solche Beispiele sind so selten geworden, dass es schon nötig ist: Danke! Danke! Danke! zu sagen.