Warum Masern und nicht multiresistente Keime?

Von , am Dienstag, 7. Mai 2019, in Medien, Politik.

Die Masern sind ohne Zweifel eine unterschätzte Kinderkrankheit. Ich selber habe sie gehabt, sie waren richtig besch…en, Fieber, Schmerzen, rote Flecken und die Gefahr von Hirnhautentzündung – ich hab Glück gehabt in den 60er Jahren. Das Virus ist hoch ansteckend, auch als ich sie hatte, wurde meine Schule eine Woche geschlossen, bestimmte Klassen länger beurlaubt. Damals gab es keine Impfung. Heute sind 92,6% der Menschen in Deutschland gegen Masern geimpft. Worüber reden wir eigentlich? Wieso gebärdet sich Jens Spahn wie Kim Jong Un und reagiert mit Zwangsmaßnahmen – 2.500 € Bußgeld werden renitenten Eltern angedroht, Kita-Ausschluss und mehr oder weniger gesellschaftliche Ächtung der Impfgegner als asoziale Elemente oder moderne Volksschädlinge – so jedenfalls die derzeitige Kampagne – und auch die Sozis stimmen ein. Doch worum geht es eigentlich?

Ideologische Impfschlacht mit unterschiedlichen Akteuren

Beginnen wir mit Ärztepräsident Montgomery: Sein geradezu flehentlicher Appell an die Impfpflicht und die Notwendigkeit, hier einzugreifen, steht in einem krassen Missverhältnis zu einem anderen, viel gefährlicheren Problem im Krankenhausbereich: Dem Infektionsrisiko für Patienten durch multiresistente Keime aufgrund des Missbrauchs von Antibiotika in Medizin und vor allem in der Massentierhaltung. Schließlich gab es 2018 bundesweit gerade mal etwa 600 Masernfälle, in Berlin ist 2015 ein Kind an Masern gestorben. Es gibt einige wenige Todesfälle, die auf langfristige Folgen einer früheren Masernerkrankung mit Komplikationen (z.B. durch Hirnhautentzündung) zurückgehen. Auch diese bewegen sich zahlenmäßig jährlich im einstelligen Bereich, werden aber derzeit sensationell in der Öffentlichkeit aufgebauscht. Eine solche Erkrankung ist zweifellos schrecklich, weil sie vermeidbar gewesen wäre. Aber wo bleibt die Verhältnismäßigkeit der Argumente und eingesetzten Mittel?

Multiresistente Keime – das wirkliche Risiko!

Im gleichen Zeitraum jeweils eines Jahres erlitten etwa 40.000 bis 55.000 Patienten in deutschen Krankenhäusern Infektionen durch multiresistente Krankenhauskeime, von denen 2.400 starben. Und die Zahl dieser Infektionen und Todesopfer steigt in den letzten Jahren an. Diese Keime gibt es, weil eine skrupellose Pharmaindustrie sogar die für den Gebrauch am Menschen nur in Notfällen zugelassenen Reserveantibiotika lange vor ihrem Einsatz in der Medizin bereits in der Massentierhaltung einsetzt und damit dafür sorgt, dass sich dort resistente Keime entwickeln können, die Medikamente praktisch wertlos werden. Wie glaubwürdig und vor allem verhältnismäßig ist im Angesicht dieser Fakten die Impfkampagne von Jens Spahn und seines Unterstützers Montgomery?

Ablenkung im Interesse der Pharmaindustrie?

Gegen Masern wird zumeist in Kombination mit Röteln und Mumps geimpft. Es mag ja sinnvoll sein, diese durchaus auch – ähnlich wie die Masern in Einzelfällen bösartig werdenden Krankheiten in “Paket” zu bekämpfen, keine Frage. Aber angesichts des aktuellen verbalen und politischen Aufwands ist die Differenz zwischen 92,6% und 95% Geimpfter doch wohl lächerlich und ökonomisch und gesundheitspolitisch weder wichtig noch entscheidend. Interessanter wäre eine Kampagne, die sich an diejenigen 30% richtet, die zwar einstmals einmal geimpft wurden, aber die Zweitimpfung als Jugendliche versäumt haben. Aber eigenartigerweise bleiben diese Menschen derzeit außen vor. Und das ist nicht die einzige Unstimmigkeit. Sind die derzeitigen Impfzwangkampagnen wirklich verhältnismäßig, um bei einer in Deutschland in Wirklichkeit sinkenden Zahl von Masernfällen – 2018 waren es weniger als 700, 2017 waren es laut “Deutschem Ärzteblatt” noch 927 – die Keule der Bußgeldandrohung herauszuholen?

Hysterie in Mitteleuropa wegen eines Problems der Entwicklungsländer?

Zwar wandelt sich das Bild, richtet mensch den Blick von Deutschland auf die weltweiten Zahlen – allerdings überwiegt auch da Beruhigung. So berichtete 2017 die “Apothekerzeitung” unter der Überschrift “Weltweiter Rückgang der Maserntoten”, dass es 2016 etwa 90.000 Tote weltweit durch Masern gegeben habe. Das seien 84 Prozent weniger als im Jahr 2000 mit mehr als 550.000 Todesfällen. Erstmals seit Beginn der Aufzeichnungen liege die Zahl der Masern-Toten damit unter der Marke von 100.000 pro Jahr, erklärte die WHO unter Berufung auf einen Bericht der 2001 gegründeten Initiative gegen Masern und Röteln (MRI).

Seit 2000 seien geschätzt etwa 5,5 Milliarden Masern-Impfdosen an Kinder verabreicht worden, sagte der MRI-Vorsitzende Robert Linkins. Dadurch hätten rund 20,4 Millionen Menschenleben gerettet werden können. „Durchschnittlich 1,3 Millionen Menschenleben pro Jahr durch Masern-Impfungen zu retten ist ein unglaublicher Erfolg und lässt eine Welt ohne Masern noch zu unseren Lebenszeiten möglich, ja sogar wahrscheinlich erscheinen.“ Nach wie vor erhalten nach Angaben der WHO aber rund 20,8 Millionen Kinder weltweit noch nicht einmal die erste von zwei empfohlenen Masernimpfungen. Rund die Hälfte davon lebt in Nigeria, Indien, Pakistan, Indonesien, Äthiopien und dem Kongo. Ein Ende der Masern-Epidemie sei nur möglich, wenn jedes Kind auf der Erde geimpft würde, sagte der Leiter des WHO-Impfprogramms, Jean-Marie Okwo-Bele.”  Eine differenzierte Betrachtung zeigt also, dass Masern zum einen ein Problem sind, das vor allem Entwicklungsländer betrifft und zum anderen, dass die WHO-Kampagne ein Erfolg zu sein scheint. Was aber treibt Spahn und Montgomery an, eine derart alarmistische Zwangskampagne vom Zaum zu brechen?

Gelegenheit zur Abrechnung mit esoterischen Spinnern?

Ein Motiv der Kampagne gegen die Masern könnte die in den letzten 20 Jahren immer weiter ausgebreitete Industrie der sogenannten “Alternativmedizin” sein. Obwohl der Autor die Homöopathie keinesfalls ablehnt – man mag ja vieles, was da versprochen wird, den psychischen Selbstheilungskräften von Menschen anstelle von Globuli zuschreiben, nicht ohne Grund sind Versuche mit Placebos erfolgreich: Das erklärt noch nicht, dass dieselben Substanzen bei Pferden oder Hunden wirken, bei denen derlei psychologisch – autokurative Effekte ausgeschlossen werden können – der Autor hat das selbst erlebt.

Gleichwohl treibt der esoterische “Gesundheitsmarkt” zum Teil unerträgliche Blüten. Von Scharlatanen im Gewand von “Schamanen”, die zur Begegnung mit den germanischen Ahnen in der Unterwelt einladen, über Wunderheiler bis zu Bhagwan-Jüngern, die Seminare am laufenden Band verkaufen, “Gestalttherapeuten”, die ohne jede klinische Erfahrung schwer psychisch kranke Personen “therapieren” sowie Tarot-Kartenlegerinnen, die suizidgefährdeten das vorherbestimmte Schicksal beschwören, ist da so einiges am Markt. Und aufgrund der – durchaus sinnvollen – Anerkennung mancher Heilpraktikerleistung durch private und gesetzliche Kassen, kommen in Einzelfällen eben auch solche “Schamanen” in den Genuss von Kassenleistungen.

Eine grüne Gesundheitsministerin erklärte dem Autor dazu vor wenigen Jahren, dass es nahezu unmöglich sei, diese Art Missbrauch alternativmedizinischer Leistungen einzudämmen und zwischen seriösen und weniger seriösen Angeboten sicher und klar zu unterscheiden, weil eine inzwischen ebenso starke “Alternativlobby” diese Unterscheidung verhindere. Es ist deshalb nicht auszuschließen, dass die aktuelle Impfkampagne auch von Motiven einer Revanche an den Märchen der organisierten Impfgegner dieser Provinienz geführt wird. Aber es darf bezweifelt werden, dass gutgläubige Anhänger der “Impfkritiker” durch eine Kampagne mit Zwang und Repression überzeugt werden können, ihre Positionen zu überdenken.

Spahn – lieber billige Erfolge statt Lösung eines lebensbedrohlichen Problems?

Vielleicht ist die Ursache der aktuellen Kampagne ja viel einfacher zu erklären: Als Ablenkungsmanöver von einem wesentlich relevanteren, aber auch schwerer lösbaren Problem. Eine Masernkampagne ist leicht zu führen, der Erfolg ist leicht messbar, wenn es gelingt, von 92,6 auf 95% zu bringen. Sie kostet vergleichsweise wenig. Und den Widerstand von Minderheiten zu brechen, ist etwas ganz anderes, als sich mit der Pharmaindustrie und Massentierhaltung in Sachen Antibiotika anzulegen. Ein billiger Erfolg im wahrsten Sinne des Wortes, denn auch die Kosten sind überschaubar.

Ganz anders sieht die Sache bei den multiresistenten Krankenhauskeimen aus: Hier müsste Spahn nicht nur klare Entscheidungen zur Reduzierung des Antibiotika-Missbrauchs treffen, wie sie seit Jahren in den Niederlanden Gang und Gäbe sind: Es müssten zudem kostspielige und nachhaltige Änderungen bei den Hygienestandards der Krankenhäusern flächendeckend durchgesetzt und kontrolliert werden. Es müssten Gewohnheiten der Ärzteschaft, bei jedem Pups ein Antibiotikum zu verschreiben und Erwartungen von Patienten, dies in jedem Fall auch zu bekommen, verändert werden. Und es müsste vor allem gesetzlich verboten, kontrolliert und auch faktisch durchgesetzt werden, dass Antibiotika und vor allem Reserveantibiotika in der Tiermast bzw. Massentierhaltung nichts zu suchen haben. Der einzige, der das vor einigen Jahren versucht hat, war NRW-Umweltminister Remmel. Und der musste jede Menge Prügel der Pharmalobby und der Bauernfunktionäre einstecken.

Jens Spahn erweist sich bei diesem echten Problem bisher als kompletter Versager und als Flop im Amt. Auch die 2.400 Toten pro Jahr durch Antibiotikaresistenzen wären vermeidbar. Wie wäre es mit 25.000 € Bußgeld für Bauern, die Antibiotika in der Tiermast einsetzen?

 

 

 

 

 

 

 

 

2 Kommentare zu “Warum Masern und nicht multiresistente Keime?

  1. Heiner Jüttner

    Pro Zwangsimpfung ! 1. Kinder kölnnen sich nicht gegen impfverweigernde Eltern wehren. 2. Toleranz hat dort ihre Grenze, wo andere gefährdet werden.

  2. Jürgen Roth

    Roland, Deine Auffassung ist eine Homage an die Verantwortungslosigkeit einer Vernunft – resistenten Minderheit unter den Eltern. 92 Prozent Impfungen sind einfach zu wenig, um eine Ansteckung zu verhindern. Die Gesundheit der Kinder kann doch nicht an der Uneinsichtigkeit irgendwelcher Steiner-Eltern enden. Diese vor-aufklärerische Denke ist mir so fremd wie die evangelikalen Hauslehrer, die ihren Kindern den Kreationismus beibringen und sie vor der Sexualaufklärung in der Schule “schützen” wollen. Daher hat Spahn an dieser Stelle bei der Impfung Recht. Gut, dass die grüne Bundestagsfraktion ihre ablehnende Position revidiert hat.

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