Zwischen „Flüchtlingskrise“ und „Migrationspakt“

Von , am Dienstag, 21. Mai 2019, in Medien.

Mediale Lernprozesse auf dem Prüfstand
von Michael Haller / Otto-Brenner-Stiftung

„Die ‚Flüchtlingskrise‘ in den Medien“: das war 2017 Titel einer OBS-Studie, die auf große Resonanz stieß, über deren Ergebnisse heftig gestritten wurde und die zeitweise politisch instrumentalisiert wurde. Studienautor Michael Haller war zu dem Ergebnis gekommen, dass der tagesaktuelle Informationsjournalismus seiner Aufgabe bei der Berichterstattung über die „Flüchtlingskrise 2015/16“ nicht gerecht wurde: Indem er einseitig, meist aus Sicht der politischen Eliten und meinungsbetont berichtete, wirkte er nicht diskursiv, sondern polarisierend.

Im Arbeitspapier 37 geht die OBS der Frage nach, wie tagesaktuelle Informationsmedien im Herbst 2018 über den „UN-Migrationspakt“ berichtet haben und ob sich relevante Unterschiede oder positive Entwicklungen nach der Berichterstattung über die „Flüchtlingskrise 2015/16“ zeigen lassen. Im Folgenden Auszüge:

Zusammenfassung und Interpretation (Leitmedien)
Kommen wir zurück zu den Eingangsfragen, ob die überregionalen Informationsmedien den an sie gestellten Anforderungen – Inhaltsklärung, Implementierungsdebatte, Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger, Legitimationsfrage – nachgekommen sind.
Einerseits: Im Schlepptau der Politik
Zunächst ist festzuhalten, dass die Erfüllung aller vier Leistungserwartungen wiederum durch ein Manko beeinträchtigt wurde: Auch diesmal „verschliefen“ die Medien das Konfliktthema. Sie orientierten sich an den überkommenen Nachrichtenwerten „Nähe“, „(politische) Prominenz“ und „Konflikt“ und erkannten die Bedeutung erst, als es direkt vor der Haustüre krachte: mit dem Rückzug Österreichs aus der „Staatengemeinschaft“. In der Zwischenzeit bemächtigte sich die rechtspopulistische Opposition dieses Themas und konnte über zahlreiche Onlinemedien ihre Desinformationskampagne unwidersprochen ausbreiten. Bis hierher sind die Parallelen zum zweiten Halbjahr 2015 augenfällig.
Der oben rekonstruierte Umgang mit der Oppositionspartei Die Linke bestätigt zudem, dass die Leitmedien der von den Regierungsparteien inszenierten Polarität folgten: Hier die liberal eingestellten Vertreter der Koalitionsparteien, dort die rechtsnationalen Schreihälse der AfD. Zu den differenten Positionen und globalpolitischen Einwänden aus dem Kreis der linken Opposition wollte sich die Regierung nicht äußern. Entsprechend verfuhren die hier untersuchten fünf Zeitungen und ihre Websites: Sie schwiegen.
Die Deutung ist naheliegend, dass die Leitmedien weiterhin der Agenda der institutionellen Politik und ihrer Elite folgen und Konfliktstoff erst bearbeiten, wenn er von den Politik-Akteuren öffentlich thematisiert und zur Kontroverse zugespitzt wird. Dies entspricht derüberkommenen Rolle des politischen Journalismus in hierarchisch strukturierten Systemen: Man hält sein Ohr an die Türe der Mächtigen und erzählt dem Publikum, was man erlauscht oder vermittels der Politik-PR erfahren und welche Meinung man dazu hat. Doch seit den 1990er-Jahren vollzieht sich der soziokulturelle Wandel hin zur partizipatorischen, sich „zivil“ nennenden Gesellschaft, in der große Teile an der politischen Meinungsbildung beteiligt sein und gesellschaftsrelevante Ziele deliberativ aushandeln wollen.
Diese Veränderungen hat der Informationsjournalismus sehr wohl wahrgenommen und kommentiert, doch für das eigene Handeln – wie oben gezeigt – kaum umgesetzt. Man kann hier von kognitiver Dissonanz sprechen: Die Medienmacher, zumal die Onlineredaktionen, wissen inzwischen viel über das veränderte Medienverhalten und den in Gang zu setzenden Dialog mit Lesern, Hörern und Usern; sie eröffnen Kommentarspalten, richten Forumsgespräche ein und gründen Plattformen. Doch die aus der keineswegs rosigen Alltagswelt vieler Bürgerinnen und Bürger kommenden Fragen und Einwände werden kaum je aufgegriffen (betrifft vor allem die Süddeutsche Zeitung, nicht aber die Welt). So bleiben die Bedenken der von der „GroKo“-Politik Übergangenen weitgehend ausgeblendet, das heißt, sie blitzen nur kurz auf, wenn es (wie in Belgien) zur Radikalisierung kommt. Dies deckt sich mit unserer Studie über die „Flüchtlingskrise“ in den Medien 2015/16: Wenn die meinungsprägenden Leitmedien gesellschaftspolitisch brisante Vorgänge thematisieren, sind sie, allen voran die Tagesschau, auf die Machtelite fixiert; sie informieren nach Maßgabe klassischer Nachrichtenfaktoren, die keine kritischen Rückfragen an die Quellen und opponierende Akteure vorsehen.
Als die Kontroverse um den Migrationspakt ihren Höhepunkt erreichte, kommentierte der leitende Redakteur Rainer Haubrich am 20. November 2018 in der Welt: „Wie konnte es eigentlich passieren, dass ein brisantes Thema wie der UN-Migrationspakt erst so spät die große Bühne der öffentlichen Debatte betrat? Warum wird erst jetzt, kurz vor der geplanten Annahme des Papiers beim UN-Gipfel im Dezember in Marokko[,] über die Vor- und Nachteile dieses internationalen Abkommens diskutiert? Vieles deutet darauf hin, dass Fachleute wie Politiker die Sprengkraft der Vereinbarung unterschätzt haben. Aber es erscheint auch nicht ausgeschlossen, dass manche hofften, den Pakt schön diplomatisch und ohne großes Aufsehen verabschieden zu können.“ Dem möchte man aufgrund unserer Befunde voll zustimmen – und anfügen, dass die meisten Medienmacher dieser Direktive umstandslos folgten. Offenbar erkennen sie mangels Introspektion ihre Ausrichtung auf die politische Arena und deren Akteure nicht. Dabei wäre die selbstkritische Reflexion der Journalistenrolle eine wichtige Voraussetzung, um die Thematisierungsroutinen zu ändern.
Andererseits: Gelungene Orientierungsleistung
Unterhalb dieser durchgängigen Kritik an den meinungsführenden Informationsmedien zeigten sich in unserer Analyse indessen stark differierende Profile und Leistungen.
1. Informationsleistung: Was die Inhaltsbeschreibung und die Klärung wichtiger Verständnisfragen betrifft, so boten die Frankfurter Allgemeine Zeitung und Die Welt – mit großer Verzögerung und eingeschränkt auch die taz – informative Übersichten und Analysen. Hier wie dort konnten Experten im Laufe des Novembers einige der Falschannahmen und Vorurteile aufgreifen, erörtern und richtigstellen. Demgegenüber fällt auf, dass jene zwei Zeitungsredaktionen, die sich werbend für den Migrationspakt starkgemacht haben, die Sachaufklärung ihrer Leserschaft lange vernachlässigten. Viele meinungsgesättigte Formulierungen in der Süddeutschen Zeitung, aber auch in der taz lassen erkennen, dass die Verfasser die Zustimmung zum Pakt als moralisch geboten ansahen, jedenfalls für weltoffen denkende Zeitgenossen (zu denen sich die Verfasser rechnen). Die mit dieser Haltung verbundene besserwisserische Prophetie (beispielsweise: „Sollte der Parteitag den Migrationspakt ablehnen, wäre Merkel als Kanzlerin am Ende“, SZ, 20.11.2018) färbte deutlich auf den Nachrichtenteil ab; die Trennwand zwischen Sachbericht und Kommentierung war durchlässig. Im Unterschied dazu blieben die von der Frankfurter Allgemeinen publizierten Berichte und Analysen sachbezogen; ihre für die Zustimmung zum Pakt argumentierenden Kommentare waren abwägend oder disputierend verfasst.
Im Vergleich mit der undifferenzierten, mitunter polemisch geführten Migrationsberichterstattung der Jahre 2015/16, als die Medien jeden zum „Flüchtling“ erklärten, der ohne Erlaubnis in den EU-Raum beziehungsweise nach Deutschland eingewandert war, wurde jetzt die im Migrationspakt vorgenommene Unterscheidung zwischen Flüchtlingen (Genfer Konvention) und Migranten (ungeachtet der individuellen Motive) von den Journalisten nachvollzogen – dies auch im Hinblick auf den im Dezember 2018 in der UNO fertiggestellten „Flüchtlingspakt“. Diese begriffliche Klarstellung trug aus meiner Sicht zur Versachlichung der Diskussion wesentlich bei.
2. Implementierungsfragen: Die sich an der Rechtsform des Pakts entzündende Kontroverse über seinen völkerrechtlichen Status und den Grad seiner Verbindlichkeit haben die Abo-Zeitungen (im Unterschied zur Bild-Zeitung) vor allem mithilfe von Fachleuten erörtert: die Süddeutsche und die taz sehr knapp und sehr spät, die Frankfurter Allgemeine Zeitung ausgiebig und vergleichsweise früh. Der Bild-Zeitung diente dieser Aspekt als Aufhänger, um über Konflikte zu erzählen. Auffallend war, dass die Redaktion der Welt zu dieser Frage einen mehrstimmigen Diskurs in Gang setzte und verschiedenen, auch kontroversen Einschätzungen Raum gab. Es ist anzunehmen, dass diese Vielfalt auf Binnenpluralität zurück-geht: Von der Chefredaktion wurde keine „herrschende Haltung“ exekutiert, vielmehr wurde kontroversen Auffassungen in der Redaktion Raum gegeben. Die taz indessen folgte ihrer gesinnungsethischen Haltung und bediente das Freund-Feind-Schema; die in der öffentlichen Debatte erhobenen Bedenken hat sie nicht diskutiert, sondern konterkariert (oder auch lächerlich gemacht). In der Süddeutschen Zeitung werteten Kommentatoren und entsprechend ausgewählte Gastautoren bis zwei Tage vor Marrakesch die Einwände der Kritiker unisono als Irrungen. Die Bild-Zeitung dagegen fand daran Gefallen, just nach der Zustimmung im Bundestag zwei Völkerrechtler anzuführen, die das „weiche Recht“ des Abkommens problematisierten.
3. Partizipation: Kurz nach der Veröffentlichung des Pakt-Entwurfs im Juli 2018 begann die Anti-Kampagne der Rechtsnationalen, verstärkt durch Rechtspopulisten – was für die Leitmedien ein wichtiger Anlass hätte sein können, dieser Stimmungsmache einen sachaufklärenden Diskurs entgegenzusetzen. Diese Chance wurde jedoch nicht wahrgenommen, obwohl die Onlineredaktionen über das Thema frühzeitig berichteten. Die vor der Sommerpause in der FAZ (14.07.2018: „Erstmals in der Geschichte der Vereinten Nationen haben sich …“ usw.) und der Welt (23.07.2018: „Pakt für Migrantenrechte“) publizierten Beiträge blieben solitär.
Als dann aber Ende Oktober die Konflikthaltigkeit offensichtlich wurde und das Auswärtige Amt am 2. November 2018 öffentlich bekannte: „Falschmeldungen muss man entgegentreten“, griffen die Leitmedien das Problem hastig auf. Die FAZ und die Welt publizierten periodisch auch kritische Stimmen, und manches Leserargument wurde in nachfolgenden Beiträgen diskutiert. Diese beiden Redaktionen äußerten unterschiedliche Meinungen über Sinn und Zweck des Paktes; gleichwohl gelang beiden im Verlauf der sechs Wochen (bis Mitte Dezember) eine diskursiv orchestrierte Debatte. Entsprechend haltlos wirkten Ende November die Behauptungen einiger AfD-Politiker, heikle Kernaussagen des Paktes würden geheimgehalten.
In der Süddeutschen Zeitung konnten wir keine partizipatorisch angelegte Debattenkultur entdecken. Wie schon erwähnt, wurden die Leser an die Rubrik „Leserdiskussion“ bei sueddeutsche.de verwiesen („Was halten Sie vom UN-Migrationspakt?“, 29.11.2018). Die dort von verschiedenen Teilnehmern geäußerten Einwände und Ängste wurden von der Redaktion nicht aufgegriffen. Von daher konnte man den Eindruck gewinnen, die Rubrik diene eher dem sozialhygienischen Zweck des „Dampfablassens“ und weniger dem Dialog mit jenem Teil der Leserschaft, der mit der redaktionellen Linie haderte.
4. Legitimationsdebatte: Dass der Pakt vors Parlament gehöre, wurde zuerst aus den Reihen der AfD und ihnen nahestehender Populisten eingefordert, dann von der CSU (Markus Söder, Alexander Dobrindt) sowie von CDU-Politikern, darunter jenen, die für den Parteivorsitz kandidierten und im Rampenlicht standen. So gesehen, bewegten sich viele Akteure in einem politisch verminten Terrain.
Keines der Leitmedien widersprach dieser Forderung; in praktisch allen Kommentaren wurde die Zustimmung durch das Parlament als demokratisches Verfahren befürwortet. Allerdings standen die Journalisten vor dem Trojaner-Problem, diese Forderung von den Motiven (Generierung von Aufmerksamkeit für die eigene Sache) zu trennen und demokratietheoretisch zu würdigen. In der Süddeutschen Zeitung („Frage der Kommunikation“, 07.11.2018) und auf sueddeutsche.de (SZ-Podcast „Auf den Punkt“, 08.11.2018) wurde dieser Unterschied aufgezeigt und diskutiert. Die anderen Zeitungen fokussierten anstelle des deliberativen Themas vor allem den Streit (FAZ, 14. und 21.11.2018). Auch die Bild-Zeitung übernahm diese Forderung und unterstellte der „GroKo“ noch bis Ende November, Diskussionsverhinderer zu sein.
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die untersuchten Tageszeitungen – unter Berücksichtigung der oben beschriebenen Unzulänglichkeiten – das Konfliktthema „UN-Migrationspakt“ zwar sehr spät, aber dann kraftvoll in den öffentlichen Diskurs eingebracht und aus verschiedenen Blickwinkeln erörtert und bewertet haben. Dabei gelang zwei Zeitungen – FAZ und Welt – eine partizipatorisch funktionierende Thematisierung auch heikler Aspekte.

Folgerungen aus den Diskussionen (Lokal- und Regionalpresse)
Die Journalisten der von uns besuchten Lokalredaktionen kennen das strukturelle Problem der Bürgerferne sehr wohl. Sie verweisen darauf, dass viele Seiten des Lokalteils mittels relativ starrer Produktionsroutinen gefüllt werden. Die halbautomatischen Inputs der lokalen Behörden und Veranstalter, die immer gleichen Termine, dazu die paar Berichterstattungswünsche lokaler Unternehmen und Eventagenturen: Dies alles gehöre zur Chronistenpflicht der Lokalzeitung.
Für dieses Textmanagement sind unserem Eindruck nach die berufserfahrenen Lokalredakteurinnen und -redakteure überqualifiziert. Sie könnten entlastet werden durch redaktionelle Hilfskräfte und Textroboter, die den Pflichtstoff für die verschiedenen Kanäle digital aufbereiten. Tatsächlich verbrauchen viele Redaktionen ihr journalistisches Know-how für solche Produktionsabläufe, während zugleich Zeit und Energie fehlen für Themenfindung und Recherche. Begründet wird dies u. a. mit Sparmaßnahmen des Verlags (verschärft durch Kürzung des Budgets für feste Freie), verbunden mit schleichendem Stellenabbau.
Die naheliegende Frage lautet: Würde sich das Informationsangebot im Sinne verbesserter Bürgernähe markant verändern, wenn die Lokalredakteurinnen und -redakteure vom Routinejob entlastet würden? Unserem Eindruck nach wäre dies zwar hilfreich, doch genügen würde dies nicht. Denn auch die Zusammensetzung der Redaktion spielt eine Rolle. Wie würde die Zeitung Migrationsthemen behandeln, wenn sie (mehr) Journalisten mit Migrationshintergrund ausbilden und beschäftigen würde? Keine der von uns besuchten Redaktionen verfügte über genügend Erfahrung, um hierzu ein fundiertes Urteil abzugeben.
Dieselbe Frage stellt sich in Bezug auf das soziokulturelle Milieu der Journalisten: Vermutlich fühlt sich der überwiegende Teil der Redaktionsmitglieder der formal gut gebildeten, weltoffen denkenden Mittelschicht zugehörig und lebt privat – Stadtteil, Freundeskreis, Freizeitinteressen – in diesem Milieu. Wir hatten jedenfalls den Eindruck, dass so mancher Lokaljournalist auf die Frage, ob er die Flüchtlingsunterkunft am Stadtrand aufsuchen und dort recherchieren wolle, recht verunsichert reagierte. Die Aversion, an fremden Orten genau hinzuschauen und zuzuhören, so schien uns, gilt auch hinsichtlich anderer sozialer Milieus.
Nun geht es nicht darum, dass die Lokalzeitung die soziale Struktur der Bevölkerung abzubilden hätte. Aber sie sollte wissen, was und wen sie vielleicht zu oft und wen selten oder gar nicht thematisiert, um zu prüfen, ob in der Zeitung – vor allem auf ihrer Newssite – das Stadtgespräch stattfindet oder ob sich hier der gehobene Mittelstand mit Magistraten, Entscheidern und der Lokalprominenz trifft. Der Lokalchef einer Zeitung mit achtseitigem Lokalteil hat sich jetzt vorgenommen, mit einer entsprechend programmierten Retrieval-Software die Struktur seines Lokalteils am Ende jedes Monats auszuzählen: Wie oft kamen welche Mandats- und Funktionsträger, Behördensprecher, lokalen Unternehmer und Dienstleister sowie Akteure sozialer und künstlerischer Initiativen zur Sprache – und welche nicht? Wie viele weibliche, wie viele männliche Personen aus welchen Altersgruppen, Berufsfeldern und (soweit erkennbar) sozialen Milieus? Anhand dieses Diagnoseinstruments, meinte er, werde seine Redaktion erkennen, was zu tun ist, um mit der lokalen Bevölkerung ins Gespräch zu kommen. Über deren Themeninteresse wäre dann noch zu reden.
Man möchte mit den Zeitungsmachern hoffen, dass es für solche Innovationen nicht schon zu spät ist.

Resümee: “Lernen” in Medienredaktionen

Beide Teile dieses Berichts verbindet die Frage nach Lernprozessen.
Im ersten Teil geht es darum, ob die Blattmacher der Leitmedien das Problemthema „Migrationspakt“ im zweiten Halbjahr 2018 – im Vergleich zum Problemthema „Flüchtlingskrise“ drei Jahre zuvor – adäquat und diskursiv vermittelt haben.
Den zweiten Teil bestimmt die Frage, ob die Lokaljournalisten die in unserer Studie von 2017 ermittelten Dysfunktionen nachvollziehen und gegebenenfalls ihren Umgang mit lokalen Konfliktthemen verändern konnten beziehungsweise wollten.
Abschließend soll erläutert werden, was ich unter „Lernprozessen“ verstehe und wie solche Prozesse in Medienredaktionen in Gang gesetzt beziehungsweise in Gang gehalten werden können. Die von Betriebswirten erdachten Theorien des „organisationalen Lernens“ operieren wie das simple Konzept der Fehlerbeseitigung: Sie modellieren „kollektives Lernen in einer Organisation“ (für uns: in Redaktionen) analog zum personalen Lernen in vier Schritten (Liewrow u. a. 2006: 130 ff.):
(1) Definition des Lernziels,
(2) Training und Internalisierung der zu erwerbenden Fertigkeiten (Kompetenzen),
(3) periodische Lernerfolgskontrollen (wie Tests),
(4) Anpassung der erworbenen Kompetenzen an die Produktionsprozesse wie auch der Prozesse an die erworbenen Fertigkeiten.
Übertragen auf unseren Befund, dass die Journalisten sich in erster Linie an den politischen Eliten orientieren, kaum aber Betroffene mit ihren abweichenden oder kontroversen Erfahrungen und Positionen zu Wort kommen lassen, sähe der redaktionelle Lernprozess etwa so aus:
Die Chefredaktion definiert als neues Ziel, die Anliegen der Bevölkerung bei der Produktion von Aussagen einzubeziehen. Also werden Redaktionsmitglieder angehalten, die Leserinnen/Nutzer in ihren Berichten anzusprechen (etwa dadurch, dass sie nützlich erscheinende Aspekte aufgreifen, Erklärtexte beifügen, mögliche Leserfragen rhetorisch stellen und beantworten). Parallel dazu werden Online-Plattformen eingerichtet und Kommentarspalten von Redakteurinnen eröffnet. Von Zeit zu Zeit werden Art und Umfang der Leserbeteiligung überprüft und es wird gegebenenfalls nachjustiert. Das Rollenverständnis und die gesellschaftspolitische Orientierung der Journalisten jedoch bleiben davon unberührt.
In vielen Medienredaktionen kann man beobachten, wie solche Prozesse vom neu geschaffenen Redaktionsmanagement überformt werden: Die vorhandenen Ressourcen (Geld, Personal, Technik) sollen effizienter eingesetzt und die publizistischen mit den betriebswirtschaftlichen Zielen verschmolzen werden (Weichler 2003: 135-147). Das Maßnahmenpaket dient jetzt den Zielen: Änderung der Themenpalette nach Maßgabe der Aufmerksamkeitsökonomie; Automatisierung der Content-Management-Routinen plus Abbau des Personalbestands. Auf der operativen Ebene kommt es zu folgenden Veränderungen: horizontale Erweiterung der Leitungsebenen, Abbau vermeintlicher Redundanzen (wie: Korrektorat, Chef vom Dienst), Coaching der früheren Ressort-, jetzt Team- und Redaktionsleiter für das multi- und crossmediale Produzieren sowie Implementierung diverser Messinstrumente, die nach dem Reiz-Reaktions-Muster die objektbezogene Aufmerksamkeit der Leserinnen/User messen und steigern. Der Dialog mit dem Publikum wird zu einer Programmieraufgabe der IT-Abteilung.
Unabhängig von der Frage, ob solche Neuerungen als Anpassungsprozess an die veränderten Rahmenbedingungen der Onlinemedienwelt in Kauf genommen werden müssen, kann eine Stärkung der Reputation, eine Steigerung der Glaubwürdigkeit, eine Erhöhung der journalistischen Orientierungsleistung auch nach Einschätzung vieler Medienbeobachter so nicht erzielt werden.

Organisationales Lernen ja – aber wie?
Aus meiner Sicht hängt dieser betrübliche Befund vor allem damit zusammen, dass solche Veränderungen in Wahrheit keine organisationalen Lernprozesse abbilden, sondern dass sie Anpassungen an kommerzialisierte Medienmärkte nach Maßgabe technologischer Zwecke und betriebswirtschaftlicher Ziele sind. Lernprozesse sehen anders aus. Auch unter dem (für den Journalismus nur begrenzt tauglichen) Paradigma der Marktwirtschaft muss organisationales Lernen sehr viel anspruchsvoller modelliert werden.
Unter Ökonomen, nicht aber unter Medienmachern und Redaktionsleitern, wird das schon vor vierzig Jahren entwickelte und seither kontinuierlich ausgebaute Theoriekonzept der US-Amerikaner Chris Argyris und Donald A. Schön als Standard verstanden. Die beiden Ökonomen fanden heraus, dass eine erfolgreiche Organisation
– ununterbrochen lernen muss sowie
– auf zwei Ebenen zugleich lernen sollte („Double-Loop Learning“, Lernen als Doppelschleife): auf der Handlungsebene zwecks Anpassung der Produktionsroutinen, auf der Ebene der „Tiefenstruktur“ zur Überprüfung und Modifizierung des normativen Fundaments, also der Unternehmensziele und -leitbilder (Argyris/Schön 2002).
Organisationen, die nur die operative Lernschleife vollziehen, praktizieren das simple „Anpassungslernen“ an veränderte Umstände, in unserem Beispiel: Anpassung des Verlags an den digital erweiterten, sich in der Onlinewelt ausdifferenzierenden Medienmarkt. Das Lernen als Doppelschleife hingegen fokussiert und verändert die normative Fundierung der Organisation. Dieser Lernprozess ist darauf aus, die mit dem Sinn der Organisation verbundenen Ziele zu schärfen und mit den Erwartungen der veränderten Umwelt zu synchronisieren. Dies ist ein Transformationsprozess, bei dem es nicht (primär) um Anpassung geht, sondern um die Beziehung zur sozialen Umwelt, die durch Werte und Ziele bestimmt wird – auf operativer Ebene durch das, was Managementtheoretiker unter dem Begriff „Prozesslernen“ fassen (Becker u. a. 2005: 17 ff.).
Wenn wir dieses Lernprogramm auf die Redaktionen anwenden, dann steht die normative Fundierung des Informationsjournalismus im Mittelpunkt. Sein Leitbild, seine mit der „öffentlichen Aufgabe“ etikettierte Legitimation dienen nicht der Aufmerksamkeitsökonomie, sondern der Idee der Zivilgesellschaft, die an der Politik partizipieren und an den Willensbildungsprozessen beteiligt sein möchte. Unter diesem Leitbild agieren die journalistischen Medien aus kritischer Distanz; ihr Interesse gilt nicht der Vermarktung von Informationen, sondern dem öffentlichen Diskurs und der gesellschaftlichen Verständigung (Brosda 2008: 324). Auf der operativen Ebene übernimmt ein solcher Informationsjournalismus die Funktion, alle relevanten Positionen und Denkrichtungen sichtbar zu machen und verständigungsorientiert aufzubereiten – sozialpsychologisch gesagt: integrativ zu funktionieren. Dies kann gelingen, wenn die „herrschende Meinung“ nicht gefeiert, sondern wenn sie mit den Argumenten der Skeptiker, der Andersdenkenden, der Verängstigten und Verärgerten konfrontiert wird. Diskurstheoretisch soll es um „die Rückkoppelung zwischen den informierten Elitediskursen und einer aufnahme- und reaktionsbereiten Zivilgesellschaft“ gehen (Habermas 2007: 139).
Dieser Anspruch klingt sehr theoretisch, er ist es aber nicht. Vielmehr lässt er sich leicht in einen Katalog von Anforderungen an den Informationsjournalismus übersetzen (Haller 2017: 9-12), wie ich ihn oben in diesem Bericht zusammengefasst habe.

Was wurde gelernt?
Die im ersten Teil zusammengetragenen Befunde über die Behandlung des Problemthemas „UN-Migrationspakt“ können nun als Indizien für den skizzierten „Double Loop“ gedeutet werden: Im Unterschied zur polarisierenden Umsetzung des Großthemas „Flüchtlingskrise“ im Jahr 2015 folgen jetzt die Frankfurter Allgemeine Zeitung und Die Welt dem Leitbild des diskursiven Journalismus, der verständigungsorientiert thematisiert. Demgegenüber beharren die Süddeutsche Zeitung, die tageszeitung und mitunter die Bild-Zeitung auf ihrem Anspruch, die jeweils richtige Sicht dem Publikum monodirektional kundzutun. Dass man abweichende Stimmen aus dem Publikum berücksichtigen soll, ist eine Einsicht, die nur die operative Ebene betrifft: kein Lernen, sondern Anpassung an eine veränderte Nachfrage. Für die Tagesschau gilt nicht mal dies; sie folgt ihrem tradierten Leitbild des moralisierenden Belehrungsjournalismus.
Für viele Journalisten der Lokal- und Regionalzeitungen – dies zeigen die im zweiten Teil berichteten Gespräche – stoßen manche Lernprozesse an die Kapazitätsgrenzen ihrer Organisation. Dort wird das organisationale Lernen für ökonomisch überlebenswichtige Anpassungsprozesse eingesetzt und vielerorts auch aufgebraucht. Das erwünschte, aus meiner Sicht notwendige Double-Loop-Lernen wird vielerorts mittels „defensiver Routinen“ (Argy-ris/Schön 2002) unterlaufen, mit Verweis auf Widersprüche im Unternehmensleitbild abgebrochen oder mit dem Hinweis auf mangelnde Ressourcen beziehungsweise auf Ressourcenkürzungen für nicht machbar erklärt.
Es stimmt ja auch: Bislang wurde noch kein Konzept verwirklicht, mit dem man den Informationsjournalismus im harten Wettbewerb mit scheinbar kostenfreien Newsanbietern und Plattformbetreibern auf normativ fundierte Funktionszwecke verpflichten und finanzieren kann. Dieses Dilemma sollte im Blick behalten werden, wenn wir Dysfunktionen abbauen und darum organisationales Lernen einfordern wollen. Denn inzwischen ist der Lokaljournalismus – vielleicht auch wegen seiner unzureichenden, auf Anpassung getrimmten Form – existenziell bedroht. Längst folgen auch die lokalen Medien mehr der Aufmerksamkeitsökonomie als der Diskursidee.
Und doch ahnt man dies: Wenn der Lokaljournalismus untergeht, wird der öffentliche Diskurs in Echokammern zerfallen und das Feld den Ideologien radikalisierter Gruppen überlassen. Es gibt genügend Räume, die dies beispielhaft sichtbar machen – nicht nur in Sachsen und im Ruhrpott, sondern inzwischen auch in durchaus bürgerlichen Gegenden Thüringens, Niedersachsens und Bayerns.
Dieser Beitrag ist eine auszugsweise Wiedergabe der Studie “Zwischen „Flüchtlingskrise“ und „Migrationspakt” – Mediale Lernprozesse auf dem Prüfstand” von Michael Haller, herausgegeben von der Otto-Brenner Stiftung. Hier finden Sie den kompletten Wortlaut, plus Fussnoten und Literaturverzeichnis.

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