Weltabgewandtheit

Von , am Sonntag, 11. August 2019, in Fußball, Medien, Politik.

USA – Uganda – Manchester – Berlin
Überraschung! Jeffrey Epstein ist tot. Natürlich “Selbstmord”! Komisch, das Aufatmen ist sogar über den Atlantik zu hören. Jetzt kann der arme Mann nicht mehr sprechen. Wie schade! Ist es ein Trost, dass Organisationen (also auch Staaten), die von solchen Persönlichkeiten geführt werden, auf dem Abgang sind. Nein, ist es nicht. Denn dann wird es erst richtig gefährlich. Der 90-jährige Psychoanalytiker Otto Kernberg gab der taz Auskunft. Ein angenehm-altmodisch-bescheidener Kerl. Sollten die wirklich aussterben?
Im Radiokanal Cosmo des WDR hörte ich heute vormittag eine Uganda-Reportage. Die Macher*innen sind gewiss besonders stolz, überhaupt was über dieses Land ins Programm gehoben zu haben. Ich war ernsthaft interessiert und lauschte. Die Autorin porträtierte einen Musiker, der sich oppositionell gegen den Präsidenten Musseveni engagiert. Gerne hätte ich mehr erfahren. Was an der Politik des “autoritären” Musseveni läuft denn im Einzelnen falsch? Und welche Alternativen hat dieser Musiker dazu entwickelt? Ich bin sicher, die Autorin wüsste dazu Antworten. Die durfte sie aber wohl nicht senden. Dann wäre der Wortbeitrag “zu lang”, “zu kompliziert” und “zu schwierig” geworden. Nach Ansicht der programmdirektorenden Dilettant*inn*en im WDR wäre das Publikum am Radio dafür zu doof. So blieb ein Beitrag im Gut-und-Böse(“evil”)-Schema übrig. Online habe ich ihn nicht gefunden, die Cosmo-Redaktion angefragt, wo er ist. Wenn sie antworten, liefere ich hier einen Link nach. (Update 12.8.: Die Auskunft ist, der Beitrag stehe “online nicht zur Verfügung”.) Ich jedenfalls habe mich verhöhnt gefühlt – mein Blutdruck steigt immer dann, wenn mich jemand für blöd hält.
Eine sehr klarsichtige Studie von der Weltabgewandtheit jugendlicher Fussballmultimillionäre liefert Christian Eichler/FAZ am Beispiel Leroy Sané. Es hat eine gwisse Zwangsläufigkeit, wie das Businesssystem die individuellen Persönlichkeiten zurichtet; nicht nur den Spieler selbst, sondern auch sein Umfeld. So wie solche politische Führer inkompatibel für Staaten sind, so sind es solche Stars für Mannschaftssport. Bei der Lektüre von Eichlers Text musste ich immer an die Figur Neymar denken – als Person scheinbar ein mglw. gewalttätiger Katastrophenfall.
Und ganz unten? Irgendwo da ist die SPD. In Berlin sind alle weg. Nichts passiert. Da muss der deutsche Kolumnenmeister Günter Bannas (im “Hauptstadtbrief der Berliner Morgenpost”) sich halt mit diesem Opfer befassen. Während seine Ex-Arbeitgeberin FAZ meldet, dass Andrea Nahles im Herbst auch ihr Bundestagsmandat abgeben wolle (kein Link, nur hinter Paywall), fragt Bannas unter dem Titel “Fahnenflüchtige” die SPD, was denn nach Nahles’ Vertreibung besser geworden sei. Er findet nichts. Im Gegensatz zu früheren römischen “Triumviraten”, von denen immer jeder “die ganze Macht” wollte, wollten die heutigen SPD-Parteispitzen noch nicht einmal “halbe Parteivorsitzende” werden. Diese Führungslosigkeit werde “noch ein paar Monate” andauern. Bannas schliesst mit einem Gipfel an Sadismus. Er zitiert Oskar Lafontaine: “Führen heisst auch verzichten.” soll er gesagt haben. Bannas: “Ist aber trotzdem richtig.”
Auch Heribert Prantl kommentiert dieses Thema in der SZ. Ist aber nur gegen Bezahlung mit Daten für mich zugänglich. Daher keine Verlinkung. Weltabgewandtheit der SZ. Ob es anders wäre, wenn er bei der SZ “noch zu sagen” hätte? Auch Bannas gibts nur per E-Mail, d.h. also Datenabgabe an die Berliner Morgenpost (Funke-Mediengruppe).

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