Wundersame Bahn XLII

Von , am Montag, 6. Januar 2020, in Genuss, Politik.

Reisezentrum Dortmund Hbf. / Moskau-Nizza / Schlafwagen
Im Weihnachtsverkehr war bei mir nicht viel schief gegangen. Tipp: versuchen Sie es an Reise(stress)-Feiertagen mal mit dem an Werktagen unzumutbaren Regional-Express (RE). Da gibts Sitzplätze, und es ist billiger. Ein Erlebnis hat mich allerdings so beunruhigt, als wenn ich den Lauf der Welt nicht mehr mitbekomme. Dass die Bahn Personal vernichtet, ist Volkswissen solange ich lebe: menschenlose, vergammelnde Bahnhöfe in allen Dörfern und Kleinstädten. Neuerdings, also seit nur wenigen Jahrzehnten, sind auch Automaten “zu teuer”, werden nicht mehr gewartet (oder gar erneuert) und sogar abgebaut – neuerdings gibt es sogar Stadtteildemos, nicht für den Erhalt von mit Menschen besetzten Filialen oder Schaltern, sondern für den Erhalt von (Geld-)Automaten. Dass ich das noch erleben darf …
Dortmund ist kein Dorf, keine Kleinstadt, sondern “die Westfalenmetropole”, deutsche Fussballhauptstadt und ein Drehkreuz des Bahnfernverkehrs (zusammen mit Köln). Dort versuchte ich am 2. Weihnachtsfeiertag im Reisezentrum eine Anschlusskarte zu erwerben. Immerhin war es geöffnet. Mehrere Schalter waren mit Bahnbediensteten besetzt, die im Plausch mit Kolleg*inn*en davor waren – keine Warteschlangen. Ein Dienstleistungsparadies? Da sprach mich plötzlich ein junger Mann von hinten an. Was ich denn wünsche? Eine Anschlusskarte nach Essen. Er: Verkehrsverbundausweise bitte am Automaten. Ich: ich brauche aber eine Anschlusskarte für den Fernverkehr (also eine, in dem ich meine Bahncard50 auch einsetzen kann!). Er: hier werden keine Fahrkarten verkauft. Ich: gucke wie ein Auto. Er: Fahrkarten für den Verkehrsverbund gebe es auch nebenan im Presseladen. Ich: sprachlos, wende mich an den Automaten in der Schalterhalle, die sind noch da, kaufe eine überteuerte ICE-Fahrkarte, sehe die Rücklichter des ICE auf dem Bahnsteig, und steige mit der zu teuren Fahrkarte in den RE.
Mein Verdacht: hängt es mit dem drohenden Umbau des Dortmunder Hauptbahnhofs zu einer Einkaufsmall zusammen? Doch warum werden so viele Bahnangestellte am 2. Feiertag zum dienstlichen Rumstehen genötigt? Hätten die es zuhause nicht netter gehabt?
Es gibt auch gute Bahnnachrichten:

Schlafwagen werden politisch

Nichts gewusst habe ich von dem Moskau-Nizza-Express. Paris-Moskau kannte ich und habe ich früher oft benutzt, von Köln nach Berlin; heute macht er einen Bogen um NRW. Einmal in den 90ern, zusammen mit Kerstin Müller, haben wir einen russischen Schlafwagenschaffner mit Bestechung zum Arbeiten überzeugt. Die Bestechung bestand darin, dass wir den Reisepreis am Bahnsteig frei aushandelten und in bar bezahlten. Seine frisch gewaschene Bettwäsche war noch feucht. Er hatte weder Essen noch Trinken im Angebot. Bei einem längeren Rangierstop in Dortmund rannte ich in eine bahnhofsnahe geöffnete Dönerbude und besorgte uns einen Notvorrat; die Bude ist mittlerweile weggentrifiziert. Besser bedient als im Express war mensch im gleichnamigen Restaurant im ehemaligen Mauer-Niemandsland, das heute fussläufig zu Berlin Hbf. eingemauert ist von Investorenarchitektur und den Schießscharten des Bundesinnenministeriums. Über den Moskau-Nizza-Express habe ich nun erst kürzlich hier beim DLF-Kultur erfahren.
Ein hübsches journalistisches Loblied auf den Schlafwagentourismus. Und siehe da: nachdem die gleichen Verantwortlichen Politiker*innen die Bahn in die Grube der Privatisierungs- und kapitalistischen Profitorientierung geschubst haben, zeigen sie nun mit dem Finger auf sie, dass sie die Schlafwagen abgeschafft hat und Österreich und die Schweiz nun in diese schöne europäische Marktlücke springen. Es soll ja auch immer wieder Feuerwehrleute geben, die Feuer legen, “Feuer!” rufen, und sich dann als Helden der Löscharbeit feiern lassen.
Ich weiss, angesichts Australiens kein passender Scherz mehr. Es zeigt halt, auf welch hohem Niveau es sich hierzulande jammern lässt. Sagen wir in diesem Falle: ein weiteres der zahllosen Beispiele, wie Spin-Doktor*inn*en in Berliner Ministerien uns als Publikum hinter die Fichte führen wollen.

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