Christian Drosten und “die Medien”
Ein klassischer Fall von “beide haben recht”? Das ist der erste Eindruck, wenn der Star-Virologe Christian Drosten sich über die Behandlung seiner Person in den Medien beklagt, und er prompt vom “Verband der Wissenschaftsjournalisten” einen Konter kassieren muss. Jedenfalls ein klassischer Fall von fehlender Technikfolgenabschätzung.
Schon seit einigen Jahren habe ich über Drostens Kollegen (und Konkurrenten) Alexander Kekulé gestaunt. Er war und ist so omnipräsent in Medien, dass ich mich frage, wann er noch Zeit für Forschung und Lehre hat. Drosten sitzt seinerseits täglich mit der Bundesregierung vor der Bundespressekonferenz in Berlin, produziert einen täglichen Podcast beim NDR und gibt Interviews am laufenden Band. Ähnliche Arbeiten habe ich in meinem Berufsleben selbst gelegentlich selbst verrichtet, meistens zuarbeitend für andere Medienpräsenz-Profis, und weiss darum, wieviel Denk-, Recherche- und Textarbeit (und Zeit!) dafür erforderlich ist. Was am Ende dabei herauskommt, ist immer ein Produkt von Teamarbeit. Die Person auf der Bühne oder vor der Kamera ist dafür “nur” das sprechende Gesicht nach aussen. Wenn es gut läuft: ein authentisches und den ganzen Prozess reflektierendes Gesicht.
Auf diesem Hintergrund muss ich annehmen, dass auch Christian Drosten ein Vollprofi dieses Geschehens ist. Dass er sich nun darüber spektakulär beklagt, ist legitim. Wirklich überrascht davon kann er aber nicht sein, und sollte nicht so tun, als ob. Da er sich in täglicher Kommunikation mit zahlreichen Akteur*inn*en des Politapparates befindet, darf er ebenso wenig überrascht sein, dass sich selbige gerne hinter ihm verstecken, und er so in ein unbehagliches “Feuer” von Pressekonferenzen und anschliessenden Fehldeutungen gerät.
Ich mache nun schon seit ein paar Jahren einen ganzen Blog aus diesem Phänomen. Sicher, bei einem Thema, das sich so nahe an Fragen von Leben und Tod bewegt, erweisen sich diese “Mechanismen des Geschäfts” als noch problematischer, als sie sowieso schon waren. Ich bin selbst gespannt, was es in diesem Zusammenhang bedeutet, dass nachher “nichts mehr” so sein soll, “wie es vorher war”.

Ein Ausweg?

Drostens Nachfolger in Bonn, Hendrik Streeck, studiert derzeit in einem Forschungsprojekt intensiv das Virusgeschehen in Gangelt, das einen gewissen Vorsprung im Ablauf hat, durch die berühmt gewordene Karnevalssitzung, die uns auch die ersten Bonner Infektionsfälle brachte. Er soll gestern bei Lanz, ich habs nicht geguckt, ich ertrag den nicht (den Lanz), aber hier ist es nachzulesen, angedeutet haben, wie Politik und Gesellschaft einen schrittweisen Ausweg aus dem gegenwärtigen Ausnahmezustand finden könnten.

Italien
Italien hat weltweit die meisten Corona-Virus-Toten. Fast schon peinlich, wie ein halbes Dutzend nach Deutschland geflogene Patienten in der Medienberichterstattung aufgeblasen wurden, während die Bundesregierung wirksame EU-Hilfe für Italien blockiert. Wie konnte es in Italien so katastrophal verlaufen? Andreas Rossmann/FAZ gibt eine knapp formulierte Antwort: vieles kam da zusammen.

Artenschwund macht Viren gefährlich und uns krank

Diesen Zusammenhang erklärt die Biologin Simone Sommer, die nach eigenem Bekunden mit Drosten zusammenarbeitet, im taz-Interview.

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger@extradienst.net