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Gnadenlose Profitgier unter Corona

Das, was Kritiker*innen des Fußball-Konzeptes im FrĂŒhsommer befĂŒrchtet haben, ist eingetroffen. Die Corona-Zahlen steigen exorbitant, die Intensivbetten und TestkapazitĂ€ten sind am Limit. Es ist klar, dass mögliche Impfstoffe, sollten sie denn wirklich zugelassen sein, fĂŒr zwei Jahre knapp sind und erst Pflegepersonal, HochgefĂ€hrdete und Alte geimpft werden sollten – möglichst ĂŒberall, nicht nur in reichen LĂ€ndern. Da stellt sich Thomas Bach, IOC-PrĂ€sident in Japan vor die Presse und verkĂŒndet die Olympischen Spiele in Japan fĂŒr 2021. Die Uefa zieht trotz absehbarer Unmöglichkeit fairer Bedingungen eine “Nations-League” durch, die niemanden interessiert. Und in der Champions-League stehen einige Clubs vor der Pleite. Das Kapital, das statt es in nachhaltige Wirtschaft zu investieren, in die Opium-fĂŒrs-Volk-Wirtschaft fließt, ist gerade verzweifelt: Weil die Menschen andere – reale – Probleme haben, fĂŒr die weder Privat- noch Bezahlfernsehen Lösungen zu bieten haben.
Als ich Ende August meinen ersten Corona-Test gemeinsam mit meiner Tochter machte, lag das negative Ergebnis nach knapp 14 Stunden vor. Derselbe Arzt und das selbe Labor brauchten vor zwei Wochen 6 Tage vom Test bis zum Ergebnis.  Bei meiner Tochter ging es in Berlin mit 2 tagen etwas schneller. “Mein” Labor, in Baden-WĂŒrttemberg ansĂ€ssig, arbeitet am absoluten Limit, so der Leiter im 3. Programm des SWR. Bei den Laboren in NRW sieht es nicht anders aus. Und wir sind beide privat versichert und vermutlich dadurch ohnehin privilegiert!

Was versprachen die DFL- und DFB-FunktionĂ€re im Sommer? Der Fußball sollte keine TestkapazitĂ€ten binden. Wenn unsere Testergebnisse 6 Tage brauchen – in denen wir natĂŒrlich freiwillig QuarantĂ€ne gehalten und alle unsere Kontakte informiert haben, was im “Regelfall” erst durch die offizielle VerfĂŒgung des Gesundheitsamts im Falle eines positiven Tests – Tage spĂ€ter – erfolgt. Das macht deutlich: Wir können uns weder die internationalen Fußballwettbewerbe, noch die Bundesliga gesundheitspolitisch leisten.

Noch schlimmer: Ignoranten wie IOC-PrĂ€sident Thomas Bach, der heute gemeinsam mit den alten MĂ€nnern der japanischen  Regierung erklĂ€rte, man wolle in Japan 2021 Olympische Spiele durchfĂŒhren, bei denen alle Athlet*inn*en geimpft werden sollten – was fĂŒr ein vermessener Humbug! Woher will Bach wissen, dass ein Impfstoff rechtzeitig ohne Nebenwirkungen ĂŒberhaupt zur VerfĂŒgung steht, woher will er die KapazitĂ€ten nehmen, die Sportler*innen nicht nur aus USA und Russland, Europa und China, sondern auch aus Burkina Faso, Iran, Somalia, Vietnam, im Sudan oder in Ägypten mit Impfungen versorgen? Wie will er Konzepte sicherstellen, dass ĂŒberhaupt Zuschauer*innen zugelassen werden können? Wer angesichts der vielen Unbekannten dieser Gleichung derart großmĂ€ulig auftritt, muss sich fragen lassen, ob er damit nicht im Interesse des internationalen Sportkapitals rĂŒcksichtslos gegen ethische Prinzipien verstĂ¶ĂŸt und asoziale Entscheidungen trifft, wie Donald Trump in Sachen angeblicher WahlfĂ€lschung. Denn wie sollte es gerechtfertigt werden, etwa MarathonlĂ€ufer aus Kenia oder Tansania zu impfen, wĂ€hrend Millionen von BĂŒrgern dieser LĂ€nder von einer Impfung nur trĂ€umen können?

Corona bringt ans Licht, wie der “Sport” im Kapitalismus ein Problem der sozialen Ungleichheit ist, und diese auf brutale Weise verschĂ€rft. WĂ€hrend in Deutschland der Staat plant, Impfstoffe aufzukaufen und irgendwann  bestimmte Bevölkerungsgruppen zu impfen, stellt schon die Meldung ĂŒber den zweiten Wirkstoff, der in den USA gefunden sein soll, solche Überlegungen in Frage, wenn man auch nur ein bisschen das US-Gesundheitssystem kennt: Wer reich ist oder privat versichert, der kann sich die Impfung sicher leisten – die verarmte Mittelschicht oder gar die Unterprivilegierten, nicht versicherten Menschen in den VorstĂ€dten der USA – und Trump-AnhĂ€nger – werden vermutlich leer ausgehen und in Joe Biden den Schuldigen suchen.

Die Armen in den indischen Slums und die Bewohner*innen der Sahel-Zone werden ebenfalls das Nachsehen haben. FĂŒr viele unter uns scheint das kein ethisches, menschen- und bĂŒrgerrechtliches Problem zu sein. Und dabei ist die Fußball-WM 2022 in Quatar, die bereits eine nicht bekannte Zahl von Todesopfern unter den Mietsklaven auf den Baustellen gefordert hat, noch gar nicht eingerechnet.

1 Kommentar

  1. Martin Böttger

    Mittlerweile wird gemeldet, zwei ukrainische Spieler seien beim jĂŒngsten LĂ€nderspiel coronapositiv gewesen. Dann hoffen wir mal, dass die “körperlos” gegen ihre deutschen Gegenspieler vorgegangen sind. Denn sonst reist das Virus mit denen jetzt nach Sevilla, wo hoffentlich Ă€hnlich “körperlos” gespielt wird, um es nicht heute abend den spanischen Gegenspielern zu ĂŒbertragen. Die haben in Spanien bekanntlich bereits genug Virus. Danke Uefa, danke DFB, ihr seid echte Vorbilder! Und die ARD (#wiewollenwirleben) sendet live. Ist es nicht das, was wir alle jetzt brauchen?
    Dank auch an die Bundeskanzlerin, die MinisterprÀsident*inn*en und die zustÀndigen GesundheitsÀmter, die das alles möglich machen. Da versteht mann ihre Politik gleich viel besser.

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