Der Kölner Kardinalsdarsteller Rainer Maria (!) Woelki hat seit Jahren keinerei Skrupel gehabt, Fälle von sexuellem Mißbrauch und sexuaisierter Gewalt unter den selbsternannten Stellvertretern göttlicher Macht zu vertuschen, herunterzuspielen, klein zu reden und sich, die Kirche und die Täter gleichzeitig als Opfer und verfolgte Unschuld darzustellen. Gipfel dieses Heuchlertums waren das selbstmitleidige Jammern an Weihnachten 2020, wo er nicht etwa sein eigenes Handeln, sondern die daraus resultierenden Anwürfe gegen die Kirche “bedauerte” – ohne seine eigene Verantwortlichkeit in irgendeiner Hinsicht damit in Verbindung zu sehen. Nur noch übertroffen von seinem anlässlich der Zusammenkunft seiner Zunftbrüder dieser Tage zur Schau getragenen “Klein-Rainer-in-der-Reue”-Geschwurbel, das ihm trotz einstudierter Büßermiene wohl niemand mehr abnimmt.

Katholische Kirche in Cinemascope und Dolby Surround

Rainer M. Woelki steht dieser Tage für alle Scheinheiligkeit, Verlogenheit und den Machtmissbrauch, durch den sich seit Jahrtausenden insbesondere die Priester der Katholischen Kirche, aber auch vieler anderer Sekten und Religionen auszeichnen. Hierarchien durch Wissensunterdrückung, Kapital- und Autoritätsmissbrauch, verlogene Moral, Verteufelung und Leugnung von Sexualität, vor allem der weiblichen – Errichtung und Pflege eines Weltbildes, das Frauen zu Menschen zweiter Klasse degradiert und von der gleichen gesellschaftlichen Teilhabe ausschließt.  Unter dem Deckmantel von angeblich gottgewollten, patriarchalen Hierarchien mit dem Instrument von Moral und unter Verbreitung von Schuldkomplexen fühlen sich die Täter und ihre Helfershelfer sicher und vor Verantwortung geschützt. Was ist das für ein Kirchen-“Recht”, das unser säkularer Staat immer noch duldet, das ermöglicht, dass sexuelle Gewalt, Mißbrauch, Vergewaltigung durch Priester jahrzehntelang nicht durch die Gerichtsbarkeit, sondern durch dubiose Strukturen der Täterorganisationen abgehandelt und nicht geahndet werden?

Den Fall Rainer M. Woelki macht ein Umstand besonders pikant. Genau der Mann, der entsprechend der Eitelkeit und Selbstherrlichkeit Kölner Bischöfe natürlich über ein eigenes Wappen verfügt, dessen Leitspruch “Nos sumus testes – Wir sind Zeugen” lautet. Zeugen müssen vor Gericht die Wahrheit sagen. Nicht so Herr Woelki – er schützt als Zeuge in Kenntnis von Taten des Kindesmissbrauchs und sexualisierter Gewalt die Täter, verweigert die Aussage, indem er Gutachten, die ihm nicht gefallen, der Öffentlichkeit vorenthält und alles unternimmt, um Straftaten und Vergehen von Klerikern zu vertuschen.

Parallelgesellschaft und Parallelgerichtsbarkeit

Wieso wird im 21.Jahrhundert eine Parallelgesellschaft Kirche geduldet, in der Menschenrechte wie die Gleichberechtigung von Mann und Frau täglich mit Füßen getreten werden? In der sich Täter ihrer Verantwortung entziehen können, weil sie Macht besitzen, wie der Kölner Erzbischof als Chef des reichsten Bistums Deutschlands und vermutlich der Welt, der darauf vertrauen kann, dass selbst ein Papst ihn nicht entlassen wird,  weil er über so viel wirtschaftlichen Einfluss verfügt, dass er die römische Kurie in die Pleite treiben kann? Wie erklärt es aber ein säkularer Staat, der zurecht gegen “Schiedsgerichte” von islamischen Imamen und mafiösen Clanbossen in Fällen von Streitigkeiten und Straftaten in deren Parallelwelten vorgeht, dass er die römisch-katholische Parallelgesellschaft und Paralleljustiz duldet? So kann sogar ein Priester in Deutschland legal durch Amtsverlust und Exkommunikation bestraft werden, wenn er versucht, eine Frau zur Priesterin zu weihen. Unser Verfassungsstaat lässt es also zu, dass die katholische Kirche eine Person bestraft, die sich gegen die permanente Grundrechtsverletzung  ihres Arbeitgebers auflehnt und die systematische Diskriminierung von Frauen zu beseitigen versucht. Live und in Farbe – im demokratischen Rechtsstaat des 21. Jahrhunderts – das hat schon was!

Die Chuzpe ist bemerkenswert. Sie wird erstaunlicherweise erst als solche erkannt, wenn Leisetreter wie Herr Woelki allzu offensichtlich ihre Rolle überziehen. Einfache Diskriminierungen, wie etwa Homosexualität als “Verstoß gegen die Schöpfungsordnung” zu bezeichnen, schienen bisher kaum Anstoß zu erregen. Es reicht offensichtlich immer noch nicht, dass so viele Kirchenaustrittsanträge bei rheinischen Amtsgerichten vorliegen, dass diese auf Monate hin ausgelastet sind, dass die Politik endlich Konsequenzen zieht. Deshalb sollte schnellstens gesetzlich geregelt werden, dass ein Kirchenaustritt nicht mehr als öffentlich-rechtlicher Hoheitsakt gegenüber dem Staat erklärt wird, sondern wie in einem Verein durch eingeschriebenen Brief an die Organisation rechtsgültig vollzogen werden kann.  Herr Woelki macht indes weiter und trägt sein Selbstmitleid zur Schau.

Ich finde auch, er soll weitermachen – selten hat das Verhalten eines Priesters soviel zur Aufklärung beigetragen.