Beueler-Extradienst

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“Schaden in der Oberleitung”

Wundersame Bahn LX
Arno Luik hat ein Buch über die Bahn geschrieben und es “Schaden in der Oberleitung” überschrieben. Darunter steht: “Das geplante Desaster der Deutschen Bahn”. Arno Luik ist wahrscheinlich der am besten über die Deutsche Bahn informierte und informierende Journalist in diesem unserem Lande. Autor vieler Bahn-Geschichten u.a. im Stern. Ausgezeichnet für seine Berichterstattung über “Stuttgart 21” mit dem “Leuchtturm für besondere publizistische Leistungen” des Netzwerk Recherche. Zu S 21 gab er im Jahr 2015 auch Auskunft in einer Anhörung des Deutschen Bundestages. Hier seine damalige Stellungnahme zum nachlesen. Der Verkehrsausschuss des Bundestags hätte sein Wissen noch öfter nutzen sollen und sollte es weiterhin tun.
Dumme Minister
Denn in Sachen Verkehr findet sich in Bundestag und vor allem in der Bundesregierung eher Mittelmaß und auffallend oft Dummheit. Die aber geballt. Verkehrspolitik gehört nicht zu den begehrtesten Politikbereichen und Verkehrsminister ist nicht der Topjob innerhalb der Bundesregierung. Aber begehrt bei Leuten, die gerne in die eigene Tasche wirtschaften oder als Minister – siehe etwa Ex-Verkehrsminister Matthias Wissmann – bereits ihren nächsten Job- bei der Industrie im Sinne haben. Wissmann wurde von der Initiative Lobbycontrol kritisiert, weil er am 1. Juni 2007 mit seinem Ausscheiden aus dem Deutschen Bundestag direkt Präsident des Verbandes der Automobilindustrie wurde, also in einem Bereich, den er politisch begleitet hatte.

Bereits nachdem ich ein paar Sätze über die Bahn, ihr Führungspersonal, die Verkehrsminister und die vermeintlichen Kontrolleure im Parlament gelesen hatte, war für mich klar – der Buchtitel ist zweideutig. Ein gehöriger “Schaden in der Oberleitung” scheint Grundvoraussetzung dafür zu sein, in Deutschland Bahnchef zu werden oder Verkehrsminister. Die seit dem Bahnchef Heinz Dürr verfolgte politische Zielvorgabe für den Bahn-Konzern, Geld zu verdienen ist bescheuert. Die Bahn sollte statt Gewinne zu erwirtschaften, angenehme, pünktliche und sichere Reisemöglichkeiten gewährleisten und möglichst viele Güter auf Schienen transportieren, statt mit ihren DB-eigenen Speditionen wie Schenker selbst noch zum Stau auf den Straßen beizutragen.
ICE halbrepariert auf die Strecke geschickt
Arno Luik hat sein Buch so aufgebaut, dass bestimmte Inhalte in kurzen, oft auf nur einer halben Seite abgehandelt werden. So wie in einem Lexikon, aber spannend geschrieben und natürlich inhaltlich in Kapiteln eingeordnet.
Ich habe das Buch einfach irgendwo aufgeschlagen und stiess fast immer auf einen mir bislang unbekannten großen oder kleineren Skandal. Nicht selten las ich eine Schilderung von Tatbeständen, die eigentlich die Rechnungsprüfer des Bundestages oder auch Staatsanwälte auf den Plan rufen müßten. Bereits im Vorwort zur Taschenbuchausgabe 2021 finden sich echte Klopper.
So etwa, die beängstigende Tatsache, dass “nicht komplett reparierte ICE-Züge” auf die Strecke geschickt werden. So hätten frisch reparierte ICE-Züge “oft nicht die volle Bremskraft”. Aber keine Sorge, diese Züge dürfen dann eben nur mit Höchstgeschwindigkeit 160 km über die Gleise schleichen. Viele Toiletten seien deshalb defekt, weil die Bahn am Material spare, beispielsweise an ordentlichen, aber etwas teureren Schläuchen in den Toiletten. Lokführer fuhren vor paar Jahren übrigens nicht immer mit der Bahn zu ihrem Dienst – wieso auch – sie sollen ja möglichst pünktlich in ihrem Zug sitzen. Nein sie wurden per Lufthansa zum Einsatz geflogen…
Etwas beunruhigend finde ich es persönlich auch bei Arno Luik zu lesen, dass die Klimaanlagen in den ICE oft jahrelang nicht ordentlich gesäubert werden. Bahnbedienstete bezeichneten sie gegenüber dem Buchautoren als “die reinsten Dreck- und Virenschleudern.” Das war vor Corona, so der Autor. Ich jedenfalls werde mal wieder bei der Bahn nachfragen, wie das heute so ist. Vielleicht empfinden andere LeserInnen des Beueler Extradienstes das gleiche Bedürfnis nach klarer Information in Sachen Bahn-Lüftung.
Alle jetzt genannten konkreten Mängel finden auf nur einer Seite, auf Seite 8 des Buches, schön hintereinander. Das Buch hat insgesamt 302 Seiten und ja – es geht in etwa so weiter. Eine Schlampigkeit nach dem anderen Mangel und ein paar Zeilen weiter der nächste Skandal. Das Buch ist eine detaillierte Abrechnung mit der “Bahnprivatisierung” und über die (Un)verantwortlichkeit der Politik.
*Desaster ohne Ende*
Mit Heinz Dürr begann das Desaster und es setzte sich mit Hartmut Mehdorn ungemindert fort. Und hält bis heute an. Die Reaktion auf berechtigte und faktengestützte Kritik, wie sie vom Bahnspezialisten Arno Luik seit Jahrzehnten kommt, fasste Hartmut Mehdorn gegenüber dem Buchautoren Luik wie folgt zusammen: “Ich müsste sie eigentlich schlagen. Aber das hat ja keinen Wert, Sie bleiben ja doch bei Ihrer Meinung”, so Mehdorn 2007. bei einem Zusammentreffen, zu Arno Luik. Ich habe Mehdorn auch eher launig erlebt. Ich traf ihn nach einer recht strapaziösen Bahnreise von Bonn nach Berlin nachmittags in einer Berliner Galerie. Auf meine Frage, wann er es denn schaffen würde, dass Bahnfahren wieder Spaß macht, lautete seine Antwort: “Die Deutschen sind ein Volk von Nörglern.” Danach sprachen wir nur noch über die gerade ausgestellte Kunst.
Mehdorn ist nicht der Größte, vielleicht wollte er das mit seinen “Weltmachtphantasien” (Luik) kompensieren. Luik zitiert Mehdorn: “Unser Markt ist nicht Deutschland. Unser Markt ist die Welt.” 2005 erklärte dieser Bahnchef, ohne dafür von den verantwortlichen Politikern gerügt zu werden, dass ihm die Bahn nicht so wichtig sei. “Bis zum Ende des Jahrzehnts werden wir 60 Prozent unserer Umsätze mit Non-Rail-Aktivitäten erwirtschaften. Über 50 Prozent unserer Umsätze werden von jenseits der Grenzen Deutschlands kommen.” Heute ist die Bahn AG Laut Konzern-Bericht in “über 130 Ländern” unterwegs. Laut Bahn-Pressestelle sind es sogar “über 140 Länder”. So genau weiß die Bahn auch das nicht. Die Bahn AG “besteht aus einem wissen Konglomerat von fast 1.000 Firmen.”

Hau weg die Weiche

Wie Mehdorn agierte, wird an einem kleinen Beispiel deutlich: “Wie oft wird diese Weiche gebraucht?” wollte Mehdorn von seinen Bahnern wissen. Was? Nur zehnmal im Jahr! Raus damit. Und wieder war eine Ausweichmöglichkeiten verschwunden. So agierte er, und das ist ein Grund, weshalb heute Zugverspätungen der Normalfall sind. Mehdorn ließ Berater von McKinsey im DB-Konzern wüten, frustrierte damit erfahrene Mitarbeiter, die die Bahn verließen oder in die innere Emigration wechselten.
Luik kommt bezüglich Mehdorn zu dem Schluß: “Zehn Jahre lang durfte Mehdorn die Geschicke der Bahn bestimmen. Die Bahn hat sich von ihm und seinem unheilvollen Tun noch nicht erholt. Ob sie es jemals schafft, ist fraglich”.
Als Mehdorn die Bahn 2009 verließ, hinterließ er einen Schuldenberg von 15 Milliarden Euro. Seinen Nachfolger Rüdiger Grube hatte er noch selbst vorgeschlagen und siehe da, er wirkte ganz in Mehdorns Tradition und erhöhte das Minus auf 18,6 Milliarden. Und nicht nur das. Grube hinterließ ein Desaster, im Güterverkehr, im Nahverkehr und im Fernverkehr.
Weil sein Vertrag nur um zwei statt um drei Jahre verlängert werden sollte, schied er zum 30. Januar 2017 aus, und erhielt für diese 30 Tage stolze 2,3 Mio. Euro. Für das gesamte Jahr 2016 hatte er Vergütungen in Höhe von 2,434 Mio. Euro erhalten. Den Rechnungsprüfern im Bundestag war das offenbar egal, der Verkehrsminister hieß damals Alexander Dobrindt, heute ist er Vorsitzender der CSU im Bundestag. Menschen, denen ein vernünftiges Maß fehlt, fühlen sich irgendwie hingezogen zum Bahnvorstand. Erinnern sie sich an Roland Pofalla? Der war mal Chef des Bundeskanzleramtes im 2. Kabinett Merkel. Bekannt wurde er mit seiner Liebe zu teurem, aber nicht von ihm zu bezahlenden Schreibgerät. Als Bundestagsabgeordneter kann er sich aussuchen, womit er seine Lobby-Schecks quittierte. Pofalla gönnte sich Montblanc-Luxusfüller aus Mitteln für den Bürobedarf für Abgeordnete für insgesamt 14.722,32 Euro. Seit Januar 1015 sitzt dieser Mensch im Bahnvorstand. Warum auch immer – denn Pofalla versteht vielleicht was von teuren Füllhaltern – von der Bahn jedenfalls hat auch dieser Mann keine Ahnung.
Alles was man als Fahrgast bei und mit der Bahn erlebt, hat einen tieferen Grund. Welche Gründe es sind, steht in diesem Buch.

Arno Luik Schaden in der Oberleitung – Das geplante Desaster der Deutschen Bahn – Inklusive der wahren Geschichte von Stuttgart 21, 302 Seiten, 12 Euro Westend Verlag

Ein Kommentar

  1. Martin Böttger

    Nur weils gerade zur “Wundersamen Bahn” passt. Die gegenwärtige Beueler Nachtruhe – gemeint ist keine Ausgangssperre wie in Köln, sondern der abwesende Lärm nächtlicher Güterzüge – soll leider am 2. Mai wieder enden. Ich berichtete hier darüber
    https://extradienst.net/2021/03/18/gut-geschlafen/
    Ab dem 2. Mai soll die Stelle wieder, zunächst eingleisig, befahrbar sein, und es kommt wieder zu vermehrtem Verkehr auf unserer, der schönen Rheinseite.

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