Scheuerandy macht Lärm und kostet … – Wundersame Bahn LXIV
Meine Güte, wann ist das endlich zuende? Wenn er nicht komplett bescheuert ist, Zeuginnenaussagen dazu liegen mir vor, muss es ihm selbst peinlich sein. Und er der Erste, der sich ein Ende ohne Schrecken wünscht. Irgendjemand muss den Scheuerandy gezwungen haben, mglw. die Bundeskanzlerin selbst, erneut einen “Schienengipfel” zu veranstalten, und diesmal ist der “Deutschlandtakt” ja keine Neuigkeit mehr, also muss es ein “Europatakt” sein.
Alle SUV-fahrenden Leitmedien fallen drauf rein, und verbreiten die Kunde des Scheuer im ganzen Land, wenigstens Anja Krüger/taz ist nicht drauf reingefallen.
Ich erinnere immer gerne daran, dass noch bis 2000 eine umsteigefreie Direktverbindung von Bonn-Beuel nach Barcelona (Port Bou) bestand. Eine betagte Freundin, die öfter familiär nach Lyon musste, nutzte diesen Zug mehrmals; wir konnten sie zu Fuss zum Bahnhof bringen. Solche Vorteile werden “Netzwirkung” genannt.
Bis 2006 unterhielt die Deutsche Bahn den “Interregio”. Zwischen Bonn und Düsseldorf nutzte ich ihn nur im Notfall, als Holzklasse: kein Speisewagen, keine Klimaanlage, aber voll, weil billiger. Auf dem Höhepunkt verband dieser D-Zug-Ersatz 230 Bahnhöfe (IC und ICE dagegen unter 90).
Es hat also vor nicht so furchtbar langer Zeit bereits sowas ähnliches wie einen Deutschlandtakt gegeben. Ja, wenn er danach nicht sukzessive immer weiter abgebaut worden wäre, durch die autoindustriehörige Verkehrspolitik fast aller Bundesregierungen (kennt jemand eine Ausnahme?). Von den Europa-Verbindungen ganz zu schweigen.
Das deutsche Bahnnetz ist nach 1945 von einst über 50.000 auf heute unter 34.000 km fast um die Hälfte eingeschmolzen worden. Ein besonderer Schub war die “Bahnreform” der Regierung Kohl nach der Übernahme der DDR. Es gab kein einziges Nachkriegsjahr, in dem die Bahn einen Ausbau erfahren hätte.
Was ist davon zu halten, wenn er jetzt versprochen wird? Ich bin 64. Ich werde also kaum noch was davon erleben. Der RRX, ein NRW-Nahverkehrssystem, wird seit 2006 geplant; der angebliche Endausbau wird für 2030 versprochen – macht 24 Jahre. Der ist immerhin als Grundgedanke ein vernünftiges System. Wer sich nur die Entwicklungen in Stuttgart oder München anschaut, kann über das Gesabbele des Scheuer nur seinen denkenden Kopf weinend in ein Kissen werfen.
Wie wärs denn als erster Schritt mit einem verlässlichen Takt zwischen Bonn und Köln, der nicht von verspäteten Fernverkehrs- und Güterzügen in Sechtem, Brühl und Kalscheuren ausgebremst wird? Schön wäre auch ein umsteigefreier Takt zwischen Bonn und dem Ruhrgebiet – er müsste gar nicht alle 20 Minuten sein, wenn er nur mal eines Tages verlässlich wäre. Und wenn der dann einen funktionierenden Anschluss an einen real existierenden Deutschlandtakt hätte, dann könnte ich in Frieden sterben.

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
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