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Zug der Zeit

Kreißsaal, Hörsaal, Plenarsaal? Als Willfried Penner in die SPD eintrat, hatte er das Studium der Rechtswissenschaften mit Promotion und beiden Staatsexamina abgeschlossen. 1966 war das, als die SPD erstmals in Nordrhein-Westfalen den Ministerpräsidenten stellte und in Bonn eine große Koalition einging.

Penner war da schon 30 Jahre alt. Statt sich in theoriebeladenen Seminaren der Jungsozialisten zu tummeln und darüber vor allem eine politische Karriere zu planen, befasste er sich als Staatsanwalt mit der Aufklärung der Verbrechen des Nationalsozialismus. Er war berufserfahren, als er erste Ämter in der SPD in Wuppertal, seiner Geburtsstadt, übernahm und 1972 in den Bundestag gewählt wurde. Nach den Maßstäben parteiinterner Gesäßgeographie war Penner nicht links (das waren die Lehrer), sondern rechts (das waren die Parteimitglieder, die sich in der Kommunalpolitik um alltägliche Belange kümmerten). Penner gewann seinen Wahlkreis direkt, so wie auch der etwas jüngere SPD-Kandidat im anderen Wuppertaler Wahlkreis, Rudolf Dreßler. Auch Dreßler hatte – als Schriftsetzer und Arbeitnehmervertreter – berufliche Erfahrungen gesammelt, ehe er SPD-Mitglied wurde und in die Politik ging.

Wuppertal war damals eine sichere Bank für die SPD. Den Menschen und ihren Problemen nahe, bekamen die beiden bei Bundestagswahlen stets gut 50 Prozent – oft auch mehr. Sie kamen sich nicht in die Quere. Penner war auf dem Gebiet der Sicherheitspolitik tätig, Dreßler auf dem Feld der Arbeitsmarktpolitik. Am Ende der sozialliberalen Koalition 1982 waren sie Parlamentarische Staatssekretäre – Penner im Verteidigungsministerium, Dreßler im Arbeitsministerium. In folgenden Oppositionsjahren waren sie stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende – Penner als Innenpolitiker, Dreßler als Sozialexperte.

Beinahe wäre Penner 1990 Generalbundesanwalt geworden. Bundeskanzler Helmut Kohl galt als Befürworter. Die FDP verhinderte es – auch wegen Penners Arbeit im Flick-Untersuchungsausschuss zur Aufklärung der Spendenskandale der FDP. Als 1998 die SPD wieder die Bundesregierung führte, war die Zeit über die beiden ministrablen Wuppertaler hinweggegangen. Penner wurde Wehrbeauftragter des Bundestages, Dreßler Botschafter in Israel. Im vergangenen Jahr wurde Dreßler 80 Jahre alt. Penner feiert am kommenden Dienstag seinen 85. Geburtstag. Den Oberbürgermeister ihrer Geburtsstadt stellen die Grünen.

Ein Kommentar

  1. Helmut Lorscheid

    Der jetzige SPD-MdB aus Wuppertal hat vor allem eines- studiert und das lange. Wenn man ihn darauf anspricht, dass er ja vollkommen abhängig sei von der SPD, reagiert er gereitzt, das mag Helge Lindh nicht gerne hören und schon gar nicht über sich lesen. Aber da muß er durch, ich finde das Thema über die handmodeliertgen Nachwuchspolitiker in allen Parteien höchst interessant und als Faktum ebenso bedenklich. Abi, Studium idealerweise bereits mit Förderung der jeweiligen Parteistiftung, Während des Jura oder Politik-Studium Ratsmitglied und der Job bei Landtagsabgeordneten. Dort im Landtagsbüro Karriere planen und abwarten, bis es mit der Kandidatur für den Bundestag klappt. Dann MdB – ohne jemals irgend eine Erfahrung außerhalb der Politik gemacht zu haben.

    https://extradienst.net/2021/02/06/wer-sitzt-da-im-bundestag/

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