Aber Frauenhass haben sie nicht exklusiv / Und der Champions-League-Sieg gehört “uns”, Mainz
Mit liebevollen Adoptiveltern bin ich privat gut befreundet. Wie wird das in Zukunft wohl werden, wenn Algorithmen mächtiger, und “Predictive Policing” zur Gewohnheit staatlichen Handelns wird? Keine rhetorische Frage, denn letztendlich ist das alles menschengemacht, in konkreten sozialen Machtverhältnissen produziert. So war es auch bei Zwangsadoptioen in jenen Nachkriegsjahrzehnten, in denen Frauenhass gesellschaftlicher Standard war. Menschen meines Alters können sich erinnern. Jüngere können es kaum fassen. Das ist Fortschritt.
Zu diesen Gedanken brachte mich ein tränenprovozierender Beitrag von Imke Köhler im DLF-Magazin Europa heute: “Britinnen fordern Entschuldigung für Zwangsadoptionen” (Audio 4 min). Es ist toll, dass sich die entmündigten Frauen jener Zeit in ihrem heutigen hohen Lebensalter noch mutig dagegen zur Wehr setzen. Was sie erlebt haben, war wahrlich keine britische Besonderheit. Was sie an Verachtung erlebt haben, hatte Parallelen in fast allen religiös-fundamentalistisch beherrschten Ländern Europas, auch in jenen des spiessig existierenden Sozialismus. Versuchen Sie mal mit Ihrer Suchmaschine Quellen zur Praxis der westdeutschen BRD zu finden; selbst mit dem Zusatz “BRD” werden sie stattdessen zu massenhaften DDR-Beispielen geleitet. Praxis deutscher Geschichtsschreibung (und Informationsfreiheit im Internet).
Die auf ZDFneo endlos wiederholte britische Serie “Der junge Inspektor Morse” (linear sonntags vor der Tagesschau) vermittelt exzellent die gesellschaftliche Atmosphäre und die Machtverhältnisse im Geschlechterkrieg jener Zeit.
Das Elend jener Zeit ist noch nicht vorbei. In der Gegenwart materialisiert es sich anders, auch wenn sich die Kräfteverhältnisse natürlich stark verbessert haben. Kontroversen anregende Beiträge gibts von Manon Garcia im taz-Interview über “weibliche Unterwerfung”, und von Hanna Lakorny/Berliner Zeitung: “Unsere Neopuritaner”.
Das Vereinigte Königreich und das russische Oligarchenkapital
Verführerisch titelte de FAZ vor ihrer Paywall: “Warum russische Oligarchen in London Narrenfreiheit haben”. Ich habe es für Sie gelesen, und kann Ihnen verraten: das Titelversprechen wurde im Text von Jochen Buchsteiner nicht eingelöst. Er beschrieb lediglich, wie Oligarchen teure Juristen beschäftigen, um lästige Journalist*inn*en von sich fernzuhalten. Mit welchen Zaubermitteln die Freunde putinscher Repression ihren unermesslichen Reichtum ausgerechnet im Zentrum kapitalistischer Freiheit 100%ig sicher parken und investieren dürfen, ohne dass Ihnen von den todesmutigen Verteidigern der Freiheit auch nur ein Sektkelch umgestossen oder der Lack einer Limousine zerkratzt wird, das war in Buchsteiners Text leider nicht zu erfahren.
Auch nicht, warum sich Champions-League-Sieger Роман Аркадьевич Абрамович nicht mehr persönlich nach Chelsea traut (nur sein Geld), und “unserem” Siegerhelden und seinem leitenden Angestellten Thomas Tuchel “aus Mainz” in Porto die desinfizierte Hand reichen musste. Der Russe holte sich den Pokal gegen den arabischen Emir. Wer von beiden den …, ääh … die längere Yacht hat, den längeren Kapitalatem, muss offenbleiben. Vielleicht schiessen sie es eines Tages aus. Sie lieben ja beide die Jagd. Wie die bekloppten Briten.

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
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