Deutsche Medien graben ihre Grube selbst
Über Paywalls rege ich mich gar nicht mehr auf. Deutsche Verleger*innen, mehrheitlich Milliardär*inn*en, sehen ihren Lebenssinn darin, Informationsfreiheit und Meinungsvielfalt zu verknappen. Der Volkswirtschaftsklippschule folgend, die sie in ihrer Jugend besucht haben müssen, lässt sich nur mit knappen Gütern Extraprofit machen. Gut, ist mir egal. Macht einfach so weiter. Ihr müsst nicht beim ehemaligen Handelsblatt-Angestellten lesen. Ich finde beim Dealer meines Vertrauens Wege über oder unter Eure Mauer, oder um sie herum. Kein Problem.
Wie zeigen sich deutsche Medien der digitalen Öffentlichkeit? Das traurigste Beispiel für mich ist die einst angesehene Frankfurter Rundschau (FR). Ich lernte sie in den 70er Jahren kennen, als sie noch von der Karl-Gerold-Stiftung herausgegeben wurde. In den Kämpfen des politischsten aller Bundestagswahlkämpfe 1972 war sie ein tatsächliches und nicht nur vorgebliches “Sturmgeschütz der Demokratie”. In den folgenden Jahrzehnten habe ich mich oft über sie geärgert (zu sozialdemokratisch), welch ein Glück für ein streitbares Medium! Denn die schlimmste Strafe ist doch, nicht mehr bemerkt zu werden. Wann haben Sie zuletzt eine Nachricht gehört, die von der Frankfurter Rundschau recherchiert und verbreitet wurde? Ich habe mittlerweile den Überblick über ihre Besitzerwechsel verloren. Derzeit scheint sie zur Ippen-Gruppe zu gehören. Und seit mehreren Jahren glänzt ihr Politikteil mit boulevardesker Bedeutungslosigkeit und geradezu verzweifeltem Clickbaiting.
Ein Jammer vor allem für die wenigen verbliebenen ernsthaften Journalist*inn*en in vernachlässigten Fachredaktionen. Ein- bis zweimal die Woche gibts im online weitgehend verborgenen (vier Klicks von der Startseite entfernt) Kulturressort lesenswerte Analysen oder Interviews. Und Sportchef Jan Christian Müller gehört zweifellos zu den bundesweit Bestinformierten, wenn es um den DFB-Intrigensumpf geht.
General-Anzeiger vom Diskurs abgemeldet
Zu restriktiver Paywallpolitik wird auch der Bonner Generalanzeiger von seiner Konzernmutter Rheinisch-Bergische Verlagsgesellschaft mbH genötigt. Diese hat sich in den letzten Jahrzehnten als Überlebende durchgesetzt im Monopolisierungsprozess der deutschen Regional- und Lokalpresse. Der war schon vor dem Aufleben der Onlineöffentlichkeit weitgehend vollzogen. In der Mehrheit der deutschen Städte und Landkreise gibt es nur noch ein privates Monopolmedium (dem Zeitungsverlag gehört in der Regel auch das private Lokalradio). Der nächste Schritt ist nun, in unrentablen Regionen komplett dichtzumachen. Davor ist Bonn als kaufkräftige Stadt vorläufig geschützt. Das Monopolblatt verabschiedet sich “nur” durch Einmauern aus öffentlichen Debatten. Die meisten Kommunalpolitiker*innen haben es noch gar nicht gemerkt. Sie glauben, wenn sie “in der Zeitung stehen”, seien sie bekannt. Niemand kennt sie! Die Mehrheit interessiert sich gar nicht mehr. Danke Zeitungsverleger*innen. Ganze Arbeit geleistet! “Vierte Gewalt”? Haben wir gelacht …
Betäubte öffentliche Medien
Wenig zufriedenstellend die letzte demokratische Medienkraft, die öffentlichen Medien. Neben der Weigerung, technischen und medialen Fortschritt intellektuell zur Kenntnis zu nehmen, tritt demonstrative Schläfrigkeit bei der eigenen Weiterentwicklung. Extradienst-Leser*innen wissen, dass der Deutschlandfunk im Alltag das Medium meiner Wahl ist. Ausgerechnet der hatte aber von gestern bis heute vormittag fast 18 Stunden eine AfD-Story als Online-Aufmacher auf der Startseite – also seine eigenen Mörder. Kompliment für diese Dialektik. 3,5 Stunden dauerte es, bis das erste Morgeninterview online war. Das Gysi-Interview (8:10 h gesendet) ist es mittags immer noch nicht – am Nachmittag dann hier. An Wochenenden samstags und sonntags scheitert das komplett, ebenso wie alle Interviews der Spätsendung “Das war der Tag” (werktäglich 23:10 h) der Onlineöffentlichkeit komplett verborgen bleiben – die existiert online überhaupt nicht. Zu teuren Nachtschicht- und Wochenendzeiten wird kein Personal zum Abschreiben vorgehalten. Noch nicht einmal zum Knopfdruck, um wenigstens eine Audioversion zeitnah anzubieten.
Warum bleibt der WDR bisher unerwähnt? Der ist bei mir vor einigen Jahren ins Aufmerksamkeitsloch entsorgt worden. Als der Intendant, um den Zeitungsverlegern gefällig zu sein, die eigenen Onlinepublikationen komplett plattmachte. Textversionen zum Nachlesen, wie beim DLF, sind beim WDR bis heute Fehlanzeige (“presseähnlich”). Gibts überhaupt im WDR-Programm noch journalistischen Text? Weiss ich nicht, ich hörs ja nicht. Solche Angsthasen vertrage ich nicht mehr. Dafür bin ich zu alt. Obwohl: doch, den Zander gibts noch, ebenfalls nur zum Hören. In seinem Einzelfall ein hoher Genuss!

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger@extradienst.net