Ignorieren von Bewegungen gelingt nicht – viele Medien verschlafen ihren Wandel
Vor kurzem habe ich hier ausgeführt, dass es kein “Totschweigen” mehr gibt. Es ist nicht mehr möglich, und das ist gut so. Die in Politik und Medien herrschenden Kräfte kapieren es nicht. Eine Schwäche, die auch eine Chance für durchgreifendere Veränderungen ist. Dazu drei recht unterschiedliche Beispiele aus Barcelona, Berlin und den USA.
Barcelona
Die größte Demonstration in Europa seit Ausbruch der Covid-Pandemie hat am vergangenen Wochenende in Barcelona stattgefunden. Der 11. September ist nämlich der “Diada Nacional de Catalunya”. Klar, dass das vielen nicht gefällt. Aber ist es ein gutes Zeichen für die Pressefreiheit, darüber nicht zu berichten? Nein, meint hierzulande zumindest telepolis, dessen Autor Ralf Streck von 400.000 Demonstrant*innen berichtet (Polizeiangabe: “108.000”). Ich bin gegenüber Strecks feinziselierten politischen Betrachtungen misstrauisch, aber dankbar, überhaupt davon erfahren zu haben. Wie vernagelt können europäische/deutsche Medien sein?
Berlin / BRD
Um das Berichten nicht herum kommen sie mit ihrem national vernagelten Blick bei der Berliner Bewegung “Deutsche Wohnen enteignen”. Auch hier muss mann nicht alle Einschätzungen von Peter Nowak/telepolis teilen, um in der eiertänzerischen Bewertung durch die Grüne Kanzlerkandidatin einen Fehler zu erkennen. Berlin ist nicht Deutschland, und in seinem selbsbespiegelnden kollektiven Narzissmus in jeder Hinsicht mit Vorsicht zu geniessen. Niemand bezweifelt allerdings, dass die Volksbewegung für die Enteignung grosser Immobilienkonzerne mehrheitsfähig ist. Ob und wie sie die Mehrheit auch mobilisiert, entscheidet sich am Wahlsonntag. Wenn Frau Baerbock dieser Bewegung eine politisch kalte Schulter zeigt, wachsen die Rätsel, wie sie für sich selbst eine Mehrheit bilden will.
#metoo und Lewinsky
Wie sehr sich die Welt in kurzer Zeit (zum Positiven) verändert hat, repräsentiert das PR-Comeback von Monica Lewinsky. Das wird schon daran deutlich, dass sie auf Fotos noch nie besser ausgesehen hat, als heute im Alter von 48 Jahren. FAS-Redakteur Bertram Eisenhauer gelingt eine gute Würdigung ihrer extremistischen Lebensgeschichte. Es fehlt – selbstverständlich – eine Kritik der Medien selbst, die an nichts mehr interessiert sind, als der Verwurstung realer widersprüchlicher Menschen zu einem profitablen Klischee. Letztendlich surft auch Lewinsky selbst auf diesem – mir zu ekelhaften – Mechanismus, um mit den zwischenzeitlichen Erfolgen der #metoo-Bewegung ein Geschäftsmodell-Comeback zu realisieren. Denn selbstverständlich würde ihre Beziehung zu einem einstigen US-Präsidenten heute anders bewertet als damals. Die Geschlechtermächte haben sich verschoben. Ich gönne Mrs. Lewinsky, wenn es sie glücklich macht. Ich zweifle allerdings, ob es in dem herrschenden Geschäft gelingen kann.

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
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