Ähnlich niedergegangen wie die SPD in der Politik ist die Frankfurter Rundschau in der Publizistik. Doch kaum nähert sich das historische Fenster der Gelegenheit eines weiteren sozialdemokratischen Kanzlers, da heben auch alte Schlachtrösser in der FR noch mal ihr Haupt. Geschichte wiederholt sich bekanntlich nur als Farce, aber seis drum. Bascha Mika macht mich als Interviewerin auf die Historikerin Christina Morina (Uni Bielefeld, gibts wirklich, ich war da mal bei einer VDS-Mitgliederversammlung, 5 Tage und 5 Nächte, mit Olaf Scholz!) aufmerksam. Die hat Interessantes zu sagen.
Frau Morina fürchtet, “dass die Partei seit langem nicht wirklich weiß, was ihre Gegenwarts- und vor allem auch Zukunftserzählung sein soll.” Das scheint mir gut beobachtet. Und ihr Rat: “Dafür müsste sie sich viel stärker in die Wissenschaft, die intellektuellen und künstlerischen Diskurse einklinken.” Wer hätte das gedacht? Völlig richtig. So hat die SPD in den 70er Jahren ihre Wahlen gewonnen. Morina an anderer Stelle optimistisch: “Vielleicht schöpft die Partei aus dem jetzigen Erfolg ja die nötige Kraft.”
Da die SPD zum Zeitpunkt ihrer Kandidat*inn*en-Nominierungen selbst nicht an einen “Erfolg” glaubte, wie sie ihn mit gut 25% bei der Bundestagswahl eingefahren hat, gab sie ihren Jungmitgliedern mannigfachere Kandidaturchancen, als sie es jemals zuvor getan hat. Resultat ist eine von der Partei völlig unbeabsichtigte angeblich “linke”, auf jeden Fall junge Bundestagsfraktion, unter Führung des alten Kölner Kämpen Rolf Mützenich.
Diese Jusos können und müssen jetzt beweisen, dass in ihnen nicht nur Karriereorientierung, sondern auch intellektuelle und strategische Innovation ein Zuhause hat. Ich persönlich bleibe skeptisch, lasse mich aber gerne überraschen, ganz wie Frau Professor Morina.
Heute Abend auf 3sat (20.15 h, Mediathekangebot nicht gefunden) können Sie und ich noch mal sehen, wie die SPD 1974 eigenhändig ihren Bundeskanzler Willy Brandt abserviert hat – dagegen ist der heutige Umgang der CDU mit Armin Laschet fast schon wieder humanistisch. Mit Willys Sohn Matthias als Günter Guillaume – garantiert ein Ereignis.
Linke Hoffnung?
Auch nicht mehr ganz jung ist Pitt von Bebenburg/FR, der zeitlich parallel und politisch durchaus mitfühlend die Linken-Vorsitzende Janine Wissler interviewt. Sie und ihre Vorsitzenden-Kollegin Hennig-Wellsow haben nach ihrem Amtsantritt versucht zu retten, was politisch zu retten war. Wissler scheint erkannt zu haben, dass sich ihre Partei weitgehend selbst demobilisert hat. Wenn sie diese beiden Chefinnen nun in ähnlichem Tempo wieder absägen wollen, wie es die CDU mit ihren Vorsitzenden macht, dann freut sich nur einer: Olaf Scholz. Alles läuft für ihn.
Macht Ihnen das Hoffnung? Ich warte mal die Koalitionsvereinbarung ab.