Die obere Mittelschicht
Die Oberfläche bildet Lauterbach. Ihn hat Olafs Management vor die Gardine geschoben. Dietrich Leder/Medienkorrespondenz hat es fein beobachtet. Seine Schlussfrage lässt sich einfach beantworten: es war eine “respektable Schauspielerleistung”. Dafür hat der Mann genug Gelegenheit zum Üben gehabt. “Er kann auch Teamplayer sein, und wird das jetzt dann auch beweisen müssen” sagte dazu heute morgen Rolf Mützenich (hier ca. in Minute 5) – eine kaum verklausulierte Drohung.
Die Herren Lauterbach und Mützenich sind beide in Kölner Wahlkreisen direkt gewählt worden. Wir dürfen also davon ausgehen, dass sie sich gut kennen. Zu Lauterbach pfeifen es die Spatzen durch die ganze Republik, dass ihm die Leitung eines Ministeriums mit 700 Mitarbeiter*inne*n nicht wirklich zugetraut wird. Hinzu kommt, dass dieses Ministeramt bisher noch jede*n seiner Inhaber*innen mehr geschadet als genützt hat. Horst Seehofer hat es sogar beinahe ins Grab gebracht. Es ist verrufen dafür, regelmässig und kontinuierlich von mächtigen Lobbyinteressen zermahlen zu werden. Noch kein*e Minister*in ist daraus als Sieger*in hervorgegangen. Lauterbach wäre der Erste. Glauben Sie daran? Dann schauen Sie entschieden zu viele Talkshows.
Lesenswertes zum Kanzler
Olaf Scholz hat eben 21 Stimmen weniger erhalten, als die Ampelkoalition summarisch hätte. Das spricht dafür, dass es mehr als eine einzelne Entscheidung ist, die die Nichtwähler*innen verärgert hat. Sie dürften auch in mehr als einer Fraktion zu finden sein. Am meisten verdächtig ist immer die eigene, weil er sich dort die meisten Feind*inn*e*n gemacht haben dürfte. Andererseis sind in der SPD-Fraktion so viele Neue, dass die ihn noch gar nicht so gut kennen können.
Anders geht das Hamburger*inne*n. Matthias Wyssuwa/FAZ beschreibt Scholz’ Führungsarbeit im Hamburger Senat (kein Link weil eingemauert). Es ist lesenswert, weil er sich seitdem nicht mehr wesentlich gewandelt hat. Seine Eheschliessung soll ihn verändert haben, So wird er selbst in einem FR-Text von Mirko Schmid zitiert, der seine Gattin Britta Ernst porträtiert. Das halte ich für möglich und glaubwürdig. Denn der junge, den ich kannte, war ein Anderer (und keineswegs Besserer, nur weil er linksradikal daherschwätzte).
Neues Machtzentrum Köln?
Nein, nicht wg. Lauterbach ;-) Klug, wenig aufgeblasen für die Öffentlichkeit, wurden von der Ampelkoalition ihre Fraktionsspitzen besetzt. Lediglich bei den Grünen wurde aufgemerkt, wie sie den HofreiterToni scheisse behandelt haben. Und dass bei denen, naja das kennt mann ja, wieder lauter Frauen an der Spitze sind. Unterschätzt werden ist immer ein unschätzbarer Vorteil.
Von den Frauen an der Grünen-Fraktionsspitze kenne ich die Reala Britta Hasselmann. Zwar hat sie ihre Kindheit am Niederrhein verbracht, in ihrem Erwachsenenleben dagegen war sie harte Westfälin, in der Stadt, deren Existenz bis heute angezweifelt wird. Britta gibt es wirklich. Beim Entfernen meines Mitautors Roland Appel aus der professionellen Politszene hat sie eine führende Rolle gespielt. Mit mir dagegen hat sie bei der Redaktionsarbeit am NRW-Landtagswahlprogramm 2005 absolut fair und effizient zusammengearbeitet. Kurz: es ist nicht von Vorteil, sie als Feindin zu haben.
Der interessanteste “Fall” dürfte aber Katharina Dröge sein. Ähnlich wie ihr Kollege Mützenich scheint sie erkannt zu haben, dass ein Fraktionsvorsitz weit mächtiger und einflussreicher ist, als ein Fachministerium oder irgendein anderer besser bezahlter Grüssaugustjob. Sie hat es dorthin gebracht, wo sie jetzt ist, weil sie sich mit ihrer fachpolitischen und effizienten Netzwerkarbeit Respekt verschafft hat, über “eigene” Reihen hinaus.
Sie ist Kölnerin, wie ihr SPD-Kollege. Wenn die beiden sich persönlich gut verstehen, wird es für alle anderen schwer. Das gefällt mir.
Diversität? – Lächerlich
Wenig überzeugend, aber auch wenig überraschend ist die dürftige, nein falsch, die nicht existierende Diversität der Koalition. Ein Schwabe mit einem türkischen Familiennamen ist fast schon ein bisschen lächerlich, und behandelt den Betreffenden noch mehr unter Wert, als es oben beschrieben dem LauterbachKarl passiert. Die preisgekrönte Kollegin Anh Tran (DLF-Kultur) hat das treffend kommentiert.
Es ist schlicht so: die Parteien werben und bemühen sich nicht im geringsten um authentischen, gesellschaftlich repräsentativen und politisch wirksamen Nachwuchs mit Migrationsgeschichte. Denn der bedeutet Konkurrenz im Kampf um Macht, Mandate und Pfründe. Bei den NRW-Grünen funktionierte es zeitweise noch “besser”: von missratenen Einzelfällen traumatisiert – weil nur zum Vorzeigen ohne Prüfung politischer Qualitäten zum Vorzeigen gewählt – liessen sie viele Jahre “ganz die Finger davon”. So “divers” sehen Fraktionen bis heute aus. Für die Mehrheit der Migrant*inn*en gibt es Wichtigeres im Leben als eine Politkarriere. Darum bewerben sich halt, wie bei den weissen Deutschen, nicht die Besten. So kommt sowas.
Untere Mittelschicht – oder obere Unterschicht?
Der NRW-Landesverband der sich anmassend “Die Linke” nennenden Partei hatte Landesparteitag. Die Junge Welt/Kristian Stemmler bemerkte es. Für die Richtigkeit seines Spins übernehme ich keine Gewähr. “Die missliche Lage” der Linken wird an gleicher Stelle in einer Buchbesprechung Michael Bittners zu Natascha Strobls “Radikalisierter Konservatismus” gut erklärt.

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger@extradienst.net