Der Rücktritt von Anne Spiegel wirft viele Fragen auf. Es handelt sich um ein kollektives persönliches und politisches Versagen. Das klingt hart. Deshalb werde ich das erläutern.

Anne Spiegel hat vier kleine Kinder. Eines ist in der Kita, die anderen in der Grundschule. Ihr Ehemann, der ihr den Rücken freihalten sollte, erlitt 2019 einen schweren Schlaganfall. Danach entschied sich Anne Spiegel im Angesicht dieser Lage die Spitzenkandidatur der Grünen bei der Landtagswahl in Rheinland-Pfalz zu übernehmen. Allein das halte ich für verantwortungslos. Nach der Landtagswahl wurde Anne Spiegel zur Familienministerin in Rheinland-Pfalz ernannt. Einige Monate später übernahm sie zusätzlich das Landesumweltministerium. Und dann kam die Flutkatastrophe. Parallel dazu schuf die Pandemie für die Familie und die Gesellschaft historisch einmalige Stresssituationen. Das war dann zu viel für Anne Spiegel, die daraufhin jede Bodenhaftung verlor. Sie fuhr in Urlaub, während 134 Menschen ihr Leben verloren und das komplette Ahrtal total zerstört wurde. Ihre Versuche, ein Wording zu finden, zeigen im Nachgang ihre Hilflosigkeit.

Nach der Bundestagswahl wurde sie zur Bundesfamilienministerin ernannt und damit hatte sie das höchste Amt in ihrer Karriere erreicht. An ihrer prekären familiären Situation hatte sich hingegen nichts geändert. Und dann kamen Lügen ins Spiel, ein Untersuchungssausschuss im Mainzer Landtag offenbarte ein Chaos ohne Beispiel und der Druck auf Anne Spiegel wurde immer größer. Der Abschluss dieses Dramas war ihre hilflose Pressekonferenz am Abend des 10.04.2022 und der Rücktritt via Twitter am nächsten Morgen.

Mir stellen sich mehrere Fragen. Warum hat in ihrem persönlichen Umfeld offenbar niemand die Notbremse gezogen? Vier Kinder, ein kranker Ehemann und mehrere verantwortungsvolle Ämter in einer kollektiven Krisensituation. Das kann nicht gut gehen. Warum gab es in der Partei und in den Kabinetten in Mainz und Berlin keinen Versuch, sie in Schutz zu nehmen und ihr zu raten, kürzer zu treten? Auch dieses Verhalten ist verantwortungslos.

Strukturierte Verantwortungslosigkeit sich selbst gegenüber, gegenüber den Kindern, gegenüber ihrem Ehemann und gegenüber der Gesellschaft, der Verlust der Bodenhaftung und die Hilflosigkeit in Krisen war eine desaströse Mischung. Hoffentlich kann sich Anne Spiegel davon kurieren. Das wird sie kaum alleine schaffen. Da sind jetzt ihre Freunde, Ihr Ehemann und ihre Partei gefordert, endlich Verantwortung zu übernehmen.

Über den/die Autor*in: Rainer Bohnet