Alles verdichtet in Gelsenkirchen – Wundersame Bahn LXXXIX

Fast jeder*m erfahrenen Bahnfahrer*in ist das Malheur schon mal passiert: Umsteigehektik in Köln Hbf., glücklich den IC erreicht, er fährt langsam aus dem Hauptbahnhof heraus, aus dem Fenster ist der gleichzeitig ausfahrende IC für die andere Strecke (Düsseldorf vs. Wuppertal) zu erkennen. In diesem Moment, bei der Beschriftung des Gegen-ICs erkennen Sie: scheisse, ich bin in den Falschen gestiegen. 10 Minuten werden Sie in langsamer Parallelfahrt gequält, bis Sie hinter Köln-Mülheim am Abzweig den IC, den Sie gerne genommen hätten, verschwinden sehen. Einmal, ein einziges Mal, war es bei mir noch doller, irgendwann in den 90ern, als es noch D-Züge gab.

Nachts in Köln-Hbf., auf dem Heimweg nach Bonn. Ein verspäteter D-Zug fährt ein, dem Regionalzug klar vorzuziehen, weil D-Züge nur 20 statt 34 Minuten nach Bonn benötigen. Einmal ist einer, mit Georg (heute Georgine) Kellermann drin, in Brühl die Böschung runtergerast, aber das war später. Ich stieg also frohgemut ein, in dem Glauben in Kürze mein Zuhause zu erreichen. Ein bisschen schnell kam mir die Fahrt vor. Denn, tja, blöderweise gab es überhaupt kein Bremsen vor dem Bonner Hbf. Der Zug fuhr durch. Kein Irrtum, wie bei den ICEs in Wolfsburg, sondern Fahrplan. Der Schaffner machte mir begreiflich, dass die nächste Ausstiegsmöglichkeit Würzburg sei. Noch nicht einmal Frankfurt. Dort stand der Zug zwar ewig auf einem Güterbahnhofgelände in Frankfurt-Süd rum, aber ohne Bahnsteig, im Dunkeln, mit verriegelten Türen. In Würzburg erreichte ich am frühen Morgen den “Donaukurier”, einen recht anständigen D-Zug, der mich rechtzeitig zum Frühstück nach Bonn zurückbrachte. Dem Bremer Finanzsenator Dietmar Strehl war – vor mir! – exakt die gleiche Story auch einmal passiert; er arbeitete damals als Finanzreferent der Grünen NRW und pendelte wie ich zwischen Bonn und Düsseldorf.

Gestern erlebte ich eine “harmlosere” Variante, die ich aber bis gestern auch nicht kannte. Zunächst Glück. Die ICEs waren mit “hoher Auslastung” angekündigt. Ich erreichte den RE5 davor, für Wochenenden immer eine Alternative mit freier Platzwahl. Wg. Bauarbeiten fuhr er nicht nach Oberhausen und Wesel, sondern endete in Duisburg, für mein Fahrtziel Essen kein Problem. In Düsseldorf sah ich bereits am Bahnsteig einen IC (ich hatte eine Fahrkarte ohne ICE-Preisaufschlag) nach Norddeich Mole, der hinter uns herfuhr, und in Duisburg den perfekten Anschluss für mich bot. Er sollte nicht über Oberhausen fahren (“Schienenersatzverkehr”) musste also über die südliche West-Ost-Strecke durchs Ruhrgebiet, Essen-Hbf – Gelsenkirchen Hbf. – Recklinghausen – Münster usw. Sicherheitshalber fragte ich beim Einsteigen den Zugbegleiter, ob meine Annahme zuträfe. Der verstand mich nicht gleich durch die Maske. Zwischen uns war eine Dame, die sich mit viel Gepäck über die Stufen quälte. Als sich der Zugbegleiter schliesslich vergewisserte, was ich gesagt hatte, versuchte er die verschlossene Waggontür wieder zu öffnen – zu spät. Verriegelt. Ich sei “im falschen Zug”. Er halte nicht in Essen Hbf. Ich rätselte, wo er wohl langgeführt wurde. Das wurde mir quälend demonstriert.

In unmittelbarer Nähe des S-Bahnhofes Essen-Frohnhausen wurde er angehalten, wie einst im dunklen Frankfurt-Süd. Dieses Mal mit schönerem Anblick auf die ehemalige Krupp-Siedlung in Frohnhausen, in der gute Freund*inn*e*n von mir zu Miet-Spottpreisen mit Kohleöfen wohnten – es müssen so ca. 200-250 D-Mark gewesen sein. 3 Min. zu Fuss zur S-Bahn. Dann fuhr der Zug wieder an, durch den Essener Hbf. ohne Halt, um nach Bummelfahrt über marode Gleise durch Katernberg hindurch erst im halb so grossen Gelsenkirchen wieder zu stoppen.

Hier im Hauptbahnhof begann das eigentliche Entertainmentprogramm, das das ganze Gegenwartselend der Deutschen Bahn verdichtete. Der Gelsenkirchener Hauptbahnhof ist seit dem Abriss seiner ansehnlichen alten Bahnhofshalle (1974) für seine Gemütlichkeit berühmt: ein einziger grosser Angstraum, bei Tag und bei Nacht. Logischerweise wurde wir Fahrgäste bereits an den Bahnsteigtreppen von “Security” in Empfang und Manndeckung genommen. Ich wechselte zu einem Bahnsteig Richtung Westen, um von dort Altenessen zu erreichen. Der Bahnsteig war voller, als die Reststadt Gelsenkirchen. Gesprächsfetzen zufolge war ein liegengebliebener IC oder ICE ausgeleert worden.

Orientierungslose Fahrgastmassen also, die ein Gedanke einte: bloss irgendwie weg hier. Im Gegenzug hatte sich die DB entschlossen, im Gelsenkirchener Bahnhof lieber kein Servicepersonal arbeiten zu lassen: zuviel Arbeit und Fachkräftemangel. Die Arbeit wurde dem knapp kalkulierten Zugbegleitpersonal überlassen. Ein IC Richtung Stuttgart war zugegen, mit 1 1/2 Stunden Verspätung. Lange bliebt unklar, wann er abfährt. Am gegenüberliegenden Gleis wartete eine S-Bahn Richtung Essen Hbf., um ihm die Vorfahrt auf den knappen Gleisen zu überlassen. Hinter ihr wartete eine Regionalbahn in “meine” Richtung Altenessen vergeblich auf Einfahrt. Die Bahnsteigdurchsagen waren auch keine Hilfe. Auf irgendeiner Tastatur – keine Ahnung an welchem Terminal in welcher Stadt – wurde beständig, fast panisch die automatische Durchsage “Achtung Zugverkehr! Halten Sie Abstand von der Bahnsteigkante” bestätigt.

Am Schliessen der IC-Türen erkannten die Massen, dass er nun doch wohl abfahren wolle, Zugbegleitpersonal einer ganz vorne, eine ganz hinten. An eine offene Tür in der Mitte begab sich eine 50-köpfige Reisegruppe – an eine Tür! – und stieg in den überfüllten Zug. An Abfahrt war einige weitere Minuten nicht zu denken. Und so stauten sich vor dem angstmachenden Gelsenkirchener Hauptbahnhof ein halbes Dutzend Regional-Züge, die bis dahin pünktlich gewesen waren.

In Altenessen angekommen begab ich mich in die sehr, sehr tief vergrabene Essener U-Bahn (erbaut in den 80ern). Die einfahrende endete am Karlsplatz. Mein Fahrtziel Karnap war drei Haltestellen weiter nach Norden. Die nächste Bahn dorthin wurde “in 23 Minuten” angekündigt. Ich entschloss mich zur Fortsetzung zu Fuss, durch das für Auswärtige angstbesetzte No-Go-Altenessen, aber nicht dunkel, sondern sonnendurchflutet. Unter der Zweigertbrücke über Rhein-Herne-Kanal und Emscher hatten sich Menschenmassen zusammengefunden. Sie warteten auf zwei junge Männer, an denen ich vorbeispazierte, die in Badehosen noch darüber nachdachten, in den schiffsverkehrfreien Kanal zu springen. Feiertagsvergnügen im Ruhrgebiet. Manches ändert sich nie.

Die Heimfahrt nach Bonn

Seit wir in diesem Blog die “Wundersame-Bahn”-Serie betreiben, gab es das auch noch nicht. Die U-Bahn von Karnap zum Hbf. fuhr pünktlich und störungsfrei. Der IC traf vor der Zeit im Hbf. ein, und fuhr pünktlich und störungsfrei bis Bonn (Richtung Frankfurt). Er war “gut ausgelastet”, ich erwischte einen Doppelsitz, der zuvor reserviert war.

Vor mir ein Ehepaar im den 40ern, attraktive nichtessgestörte maskenfrei eingeschlafene Gattin. Der Gatte Typ in der Zivilisation angekommener und beruflich erfolgreicher Ex-Hippie, Bart noch nicht entfernt, aber gepflegt. Rechts von mir vier Kinder, keins über 14, drei Mädels, zwei älter als ihr kleiner Bruder, ein Mädchen noch jünger (höchstens Grundschulalter). Alle gut beschäftigt mit Tablets und Smartphones. Nicht quengelnd, null randalierend, zum Teil Kooperationsspiele am Smartphone spielend. Gelegentlich beim Vater englische Idioms abfragend. Ab Düsseldorf-Garath begann das halbe Dutzend sich für den Ausstieg in Köln bereit zu machen. Alle mit Rucksäcken und Handtaschen vollgepackt, alle Klamotten zusammensuchend. Aber: kein Stau im Gang, beständig rücksichtnehmend auf durchgehende Fahrgäste! Der Vater machte die Schlussinspektion, und sicherte noch einen weggerollten Fussball. Am Ende des Waggons wartete das “richtige” Gepäck auf diese Reisenden: die Koffer! Was soll ich sagen? In Köln-Mülheim standen alle sechs aussteigebereit an der Tür. Dabei beginnt erst in Mülheim die minutenlang quälende Langsamfahrt bis endlich der Hbf. erreicht ist.

Ob die Eltern beruflich Therapeut*inn*en sind? So eine stressarme vielköpfige Familie habe ich in der Bahn auch noch nicht gesehen.

Es war kein Werbespot, aber Anja Bröker sollte die Familie sofort engagieren.

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger@extradienst.net