Aufgestiegen vom einfachen Lizenznehmer zum Oligarchen – es muss geradezu ein fettes Schnäppchen für Alexander Govor gewesen sein, als er sich über die rund 1,4 Milliarden schwere Abschreibung von MacDonald´s Russland hermachen konnte. Er herrscht jetzt nicht nur über seine 25 sibirischen Filialen, sondern kontrolliert mit rund 62.000 Mitarbeitern alle 850 russischen Fresstempel, auf denen noch das Logo der amerikanischen Feinschmeckerkette prangt.

Es ist zwar nichts über die konkrete Verkaufssumme bekannt, aber wenn Sergey Sobjanin (Bürgermeister Moskaus) eine Starthilfe von rund vier Millionen Euro ankündigt, scheint das Geschäft tatsächlich eines russischen Oligarchen würdig. Und ob die neue Kette ein ähnlich fulminanter Erfolg beschieden sein wird, daran hat zumindest Dimitri Medwedew (Vize-Chef des russischen Sicherheitsrates) keinerlei Zweifel: “Frikadellen und Brötchen, übrigens von toller Qualität, können wir selbst herstellen”. Gut, Fleischklopse in ein weiches Brötchen zu stopfen ist wahrlich keine Kunst, selbst der Rohstoff – weder Semmel noch Fleischeinlage – muss von einer sonderlich hohen Qualität sein, das geht ganz billig.

Viel wichtiger sind die Zutaten für die neuen Russenburger – und die gibt es nicht geschenkt. MacDonald´s stimmt die Gewürzmischungen sehr genau auf die länderspezifschen Verhältnisse ab – auch wenn BigMac draufsteht und überall gleich aussieht, die Dinger schmecken immer ein bissel anders. Letztlich ist das auch der Erfolg von MacDonald´s – neben den ganzen anderen Spielereien für übergewichtige Kinder und Fernfahrer. Die treffen den Zeitgeschmack am Gaumen, zuverlässiger, als russische Panzer schießen. Jedenfalls wird MacDonald´s die Russen-Buletten nicht würzen. Bleibt der Aufruf zu einem Gewürzmittelembargo aus Deutschland (hier sitzen namhafte Anbieter), das fördert den “Russenburger naturell”, mit dem Siegel “ungenießbar” oder sie versuchen es selbst. In 850 Filialen, mit 62.000 Mitarbeitern. Gleichzeitig.

Harte Zeiten – vielleicht sogar eine Zeitenwende – für Russland, trostlos – gar eine wenig lebenswerte Zukunft, so ohne MacDonald´s! Vor allem lässt sich dieser Verlust nicht wegreden, als eine Spezialoperation von MacDonald’s – oder des Kreml. Die nächste Flüchtlingswelle wird immer wahrscheinlicher.

Ein Aufbegehren in einem Land, das alles kontrolliert, ist praktisch unmöglich – und sei es nur für anständige Buletten. Da geht es uns besser, wir können bestellen, wo wir wollen, was wir wollen und wann wir wollen. Unsere Freiheit beschränkt sich allerdings auf die Auswahl, die uns vorgelegt wird, so hübsch aufbereitet, dass wir glauben, uns ein Bild gemacht zu haben und das allerbeste Angebot zu nutzen. Selbst unsere Meinung können wir uns – dem Internet sei Dank – eigenständig aus verschiedenen Quellen zusammen stellen – lassen. Diesem Glauben sind wir mittlerweile so tief verhaftet, dass wir wissen, dass es einen guten Grund geben muss, warum alles so prächtig um uns herum dekoriert wurde. Und der Grund leuchtet ein: es funktioniert. Wozu also Zeit verschwenden und diese voreingestellte, bequeme Welt verlassen, schließlich machen es alle anderen auch.

Es ist wie mit den Gewürzmischungen für russische Buletten: es wird viel Aufwand getrieben, um unseren Geschmack zu treffen. Aber nicht, um unserem Gaumen höchste Freuden zu bereiten, sondern um eine ergiebige, nie versiegende Quelle zu erschließen. Die Beträge sind auf den ersten Blick sehr klein – es macht die Masse und die Ausdauer, mit der wir, die Goldesel, gemolken, gelenkt und verführt werden. Ein Aufbegehren würde der amerikanischen Wirtschaft massiv schaden, käme einer Kriegserklärung gleich.

Aber was ist das für ein Gefängnis aus dem wir uns befreien sollen, von dem wir noch nicht einmal wissen oder das uns so fremd ist wie China. Diese Freiheit ist einmal die “informationelle Selbstbestimmung”, die ist nix wert, eher hinderlich. Dann gäbe es noch die Freiheit der Wahl, wie ich mich “digital” bewege und wem ich sagen möchte, was ich will – oder eben nicht will. Dort sind die Grenzen allerdings sehr eng gezogen, denn es muss in die Bahnen geführt werden, die den größten Benefit versprechen, dabei ist es gleichgültig, ob Ware, Mensch oder Meinung.

Bevor wir jetzt an einen digitalen Aufstand denken, sollten wir einen Revolutionsrat an die Spitze der Bewegung stellen und ganz nach Guerilla-Manier vorgehen, das Vorbild beim KGB suchen: erst den Feind kennenlernen, ausforschen und mit gezielten Schlägen zum Gegenangriff ausholen. Die Ausbildung zur digitalen Einzelkämpferin beginnt nächste Woche, wenn wir uns die eingeschränkte Browservielfalt ansehen. Übrigens: Einzelkämpfer werden auch gerne genommen. Für diese Art der Landesverteidigung sind leider keine internationalen Hilfsmittel vorgesehen, die gehen zur Zeit vollständig in die Ukraine.

Über den/die Autor*in: Christian Wolf

Christian Wolf ist Autor, Filmschaffender, Medienberater, ext. Datenschutzbeauftragter. Geisteswissenschaftliches Studium (Publizistik, Kulturanthropologie, Geographie), freie Tätigkeiten Fernsehen (RTL, WDR etc.) mit Abstechern in Krisengebiete, Bundestag Bonn und Berlin, Dozent DW Berlin (FS), Industriefilme (Würth, Aral u.v.m), wissenschaftliche und künstlerische Filmprojekte, Projekte zur Netzwerksicherheit, Cloudlösungen. Keine Internetpräsenz, ein Bug? Nein, Feature. (Digtalpurist)