Der Journalist*inn*enmacher Ulrich Pätzold verliess uns vor einigen Tagen

Ende der 70er Jahre las ich ein Luchterhand-Taschenbuch, das er zusammen mit einem mir nicht mehr erinnerlichen Co-Autor verfasst hat. Ich muss es mal aus meinem Bücherregal ausgraben. Es hat meinen kapitalismuskritischen Blick auf das was-mit-Medien-Gewese nachhaltig geprägt. Bedeutender noch war, wie viele unzählige gute Jourmnalist*inn*en er ausgebildet hat. Einer profitierte besonders davon.

Das war die heute weitgehend vergessene WDR-Legende Claus Werner Koch. Den habe ich mal an einem Tisch im IC-Speisewagen zufällig getroffen, genussfreudig wie ich. Und genussfreudig war auch das frische Radioprogramm, das der WDR zu jener Zeit in Dortmund herstellen liess. Als Hörer spürte ich den Spass, den seine Macher*innen an der Arbeit hatten. Sie lernten Theorie und Grundsätze bei Pätzold, und machten Praktikum bei “Ce-We-Koch”. Es war eine Freude, das zu hören. Und ist vom Sender längst lieblos wegformatiert worden.

Unfassbar angesichts des Umfangs seiner ausgebildeten Journalist*inn*en-Kohorten finde ich den schmalen Wikipedia-Eintrag, der Pätzold gewidmet ist. Lediglich beim epd, dem er ebenfalls nicht wenige Redakteur*inn*e*n zugeführt hat. ist ein bescheidener Nachruf auffindbar.

Ich selbst war mit dem guten Mann gar nicht persönlich bekannt. Ich kenne nur zahllose Leute, die bei ihm gelernt haben. Was machen die eigentlich alle den ganzen Tag?

Update nach der Dusche

Ein ausführlicher Nachruf des Instituts für Journalistik an der TU Dortmund.

Das o.g. Taschenbuch war übrigens mitentscheidend dafür, dass ich nicht den Journalismus-Berufsweg eingeschlagen habe. Der Ruhrpott war vom WAZ-Konzern verwüstet, und NRW sah nicht viel besser aus. Seitdem ist es ausnahmslos schlimmer geworden, und zwar schon vor dem bösen Internet!

Als 1990 das (von der DDR geförderte) Komitee für Frieden, Abrüstung und Zusammenarbeit in Köln dichtmachte, hatte ich kurzzeitig mit dem Gedanken gespielt, in der heimatlichen Medienwüste Ruhrpott ein unabhängiges Journalistenbüro aufzumachen. Viele hatte damals ähnliche Gedanken. Aber dann lief mir der Appel über den Weg. Für mich war das das beste Angebot. Denn unsere Zusammenarbeit zuvor beim Volkszählungsboykott 1987 war erfreulich und erfolgreich.

Mehr als 10 Jahre später lockte mich David Schraven dann als Autor zu den ruhrbaronen. Wäre ich 30 Jahre jünger, wäre ich heute vielleicht auch bei Correctiv. Obwohl mich die Startfinanzierung durch Bodo Hombach sicher abgeschreckt hätte, wer weiss … So gesehen habe ich also grosses Glück gehabt 😉

Mein letzter Dank an den Wegweiser Pätzold.

Über Martin Böttger:

Avatar-FotoMartin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
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