Beueler-Extradienst

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Wundersame Bahn CXIV

Ich bin ja, was das Thema Bahn und ÖPNV anbelangt, in der Perspektive meines Herausgebers sozusagen der Pinguin des “Extradienst” unter den ganzen gerechten Kängurus, die sich hier für die Verbannung des Automobils einsetzen. Aus gegebenem Anlass möchte ich eine Geschichte meiner Besucherin aus Berlin beisteuern, die am vergangenen Freitag versuchte, per Deutsche Bahn AG von Bonn nach Berlin zu fahren. Sie ist gesundheitlich gehandicapt, sollte sich trotz Impfung keinesfalls mit Corona infizieren und derzeit auch keine Gewaltmärsche absolvieren. Eine solche Reise dauert fahrplanmässig per ICE  5 Stunden von 12.20 bis 17.20 – aber lesen Sie selbst:

Die Fahrkarte nach Berlin ist im Internet gebucht, Platzkarte bestätigt, um 12.20 Uhr soll es losgehen. Etwa eine dreiviertel Stunde vor Abfahrt gibt die Bahn bekannt: Der Zug fällt aus. Personalmangel. Sie kontaktiert die Hotline für Premiumkunden, hängt 31 Minuten in der Warteschleife. Der Mitarbeiter begrüßt sie mit “Oh, – Sie rufen aber spät an” (haha) und sie erfährt, dass der Zug doch fahren könnte – ab Köln. Das ist jetzt aber von Bornheim selbst mit Auto zu knapp, mit ÖPNV unerreichbar und uns zu unsicher. Sie bucht um auf den nächsten durchgehenden Zug: 14.20, planmäßige Ankunft 19.21 in Berlin. Der freundliche Mitarbeiter verspricht wegen der ganzen Unpässlichkeiten 500 Punkte Entschädigung, ein Upgrade auf 1.Klasse und eine feine Reservierung an einem Tisch mit Stromanschluss fürs Notebook im Wagen 36. Toll. Weniger toll: Um das realisieren zu können, ist eine Kreditkarte nötig. Als Datenschützer sage ich: Wenn die Deutsche Bahn Leistungen davon abhängig macht, eine Kreditkarte zu besitzen, kann das zwangsläufig zu Diskriminierungen führen, denn ich z.B. habe zwar eine Bahncard, aber keine Kreditkarte. Aber zurück zur Reise.

Also begeben wir uns gegen 13.50 auf den Bonner Bahnsteig Nummer 2. Schon die Anzeigetafel weckt erste Zweifel an der freundlichen Kulanz des Callcenter-Mitarbeiters. ICE nach Berlin heißt es da – Wagen 1-7 und 13-17.  Okay, auf zum Bahnmitarbeiter, der etwa mittig des Bahnsteigs erkennbar an der gelben Weste sogar real existent ist. Vor uns ein weiterer Reisender, der nach dem Wagen 32 fragt, dann meine Freundin nach Wagen 36. Nun, meint der leidlich deutsch sprechende Kundenprellbock, die Reservierungen könnten ja gar nicht sein, denn 36 Wagen würden ja wohl für den Bonner Bahnsteig viel zu lang sein. “Ha-ha, Witzle ‘macht” meinen wir alle drei und versuchen uns mit der weit einfacheren Frage, wo denn die 1. Klasse einfahren werde. Er deutet nach Süden – Richtung Koblenz und meine Begleiterin hastet auf dem Bahnsteig 75 Meter parallel zum einfahrenden Zug, der von Norden aus bereitgestellt wurde, gen Bonner Südstadt. Nur um festzustellen, dass die 2. Klasse direkt am hinteren Triebkopf des ICE 1 endet.

Also wieder zurück 150 Meter in Gegenrichtung, inzwischen um  14.16 Uhr.  Der erste Schaffner, vorn am Bahnsteig, meint auf ihre Frage, was mit der Reservierung sei, das wäre nicht sein Problem, sie solle sich einfach einen nicht reservierten Platz suchen – es wurden im Wagen keine Reservierungen angezeigt. Nur ein Bruchteil der Fahrgäste hatten Emails mit Ersatzreservierungen bekommen. Der Rest des Personals war dann sehr nett. Weil keine Reservierung galt, herrschte stattdessen freie Platzwahl nach dem Prinzip “Reise nach Jerusalem”.

Später erfahre ich per SMS – verabschieden konnten wir uns ja nicht mehr- , dass sie die erste Klasse bestiegen hat, Sekunden bevor der ICE anrollte. Köln zu erreichen war wohl kein Problem, sogar Bielefeld, obwohl es das ja gar nicht gibt. Dies – kein Wunder, ein Paradoxon – jedoch führt sofort zu unbestimmtem Aufenthalt. Der Zug erreicht dann doch wohl kurz nach 20.00 Uhr Berlin.

Um 20.51 erreicht mich eine SMS “bin gut angekommen”. Inzwischen hatte ich die Geschichte in einer angenehmen Freund:inn:enrunde in herrlicher Kölscher Außengastronomie zum besten gegeben, der auch der geschätzte Herausgeber dieses Blogs angehörte. Nicht ganz ohne Triumphgeheul meinerseits, dass das Ganze ja mal wieder zeige, dass ich mit gutem Grund – ich muss neben der Reisetasche und dem Laptop auch immer noch medizinisches Schlafequipment gegen das Schnarchen mitführen – lieber dem Individualverkehr vertraue, als der Deutschen Bahn. Es wird wohl noch mancher Optimierung der Schienenverkehre bedürfen, um mich umzustimmen.

Solange spiel’ ich mit meiner elektrischen Eisenbahn. Ich hab eine Dampflok BR 05 Stromlinie – die lief schon 1936 zwischen Berlin und Hamburg 200 km/h – und an der Anlage hängt ein Plakat der DB von 1966. Bild einer E-Lok E 10 im Schneetreiben: “Alle reden vom Wetter – wir nicht!” Geht doch.

Über den/die Autor*in: Roland Appel

Roland Appel ist Publizist und Unternehmensberater, Datenschutzbeauftragter für mittelständische Unternehmen und tätig in Forschungsprojekten. Er war stv. Bundesvorsitzender der Jungdemokraten und Bundesvorsitzender des Liberalen Hochschulverbandes, Mitglied des Bundesvorstandes der FDP bis 1982. Ab 1983 innen- und rechtspolitscher Mitarbeiter der Grünen im Bundestag. Von 1990-2000 Landtagsabgeordneter der Grünen NRW, ab 1995 deren Fraktionsvorsitzender. Seit 2019 ist er Vorsitzender der Radikaldemokratischen Stiftung, dem Netzwerk ehemaliger Jungdemokrat*innen/Junge Linke. Er arbeitet und lebt im Rheinland. Mehr über den Autor.... Sie können dem Autor auch im #Fediverse folgen unter: @rolandappel

5 Kommentare

  1. Der Maschinist

    Ich war, vor der Pandemie, ja alles. Vielflieger mit Platinkarte, Stammkunde im überfüllten Regionalexpress und Autopendler vom Land. Je nachdem in welche Richtung es gerade ging. In Paris (von Essen aus viel näher als Berlin) war ich ungefähr zwei dutzend Mal. Meistens mit dem Auto, öfter mal (beruflich) mit dem Flieger, aber noch nie mit dem Zug… Den Thalys wollte ich immer mal ausprobieren…https://www.waz.de/staedte/essen/20-stunden-reise-ab-paris-essenerin-muss-im-zug-uebernachten-id235997161.html

    • Martin Böttger

      Habe eben diese Thalys-Story gelesen. Weiss nicht, wie ich das durchgestanden hätte. Vielleicht durch eine gute Freundin in Brüssel, die mir hätte Obdach geben können. Dem Thalys habe ich nie getraut, schon weil da meine Bahncard50 unbrauchbar ist. Als ich ihn doch mal benutzte, waren die Sitze durchgesessen, aber der eigentliche Skandal war sein Bordbistro, eine Kulturschande für die Feinschmeckernation.
      Das schöne Gesicht Frankreichs gibts dann heute um 21 h im Fussball-TV.

      • Der Maschinist

        Wohl dem der solche Freundinnen hat!

        Die Enzyklopädie sagt über Thalys: Eine “Genossenschaft mit beschränkter Haftung belgischen Rechts”, im Besitz der englischen Eurostar Gruppe (London). Nun sind in Brüssel wirklich keine kulinarischen Barbar*innen zuhause, wohl schon viel eher in London, doch das belgische Team hatte in England kein minder schönes Gesicht – auch wenn es weit weniger erfolgreich war als das englische. Aber insgesamt leidet das “Produkt” wohl noch immer an seiner multinationalen (französisch, deutsch, belgisch, niederländisch, britisch) Geburtskonfiguration – und das “Material” ist seit den späten 90ern wohl auch nicht nennenswert modernisiert worden (das ist reine Spekulation meinerseits). So deutet manches darauf hin, dass auch dieses System auf Verschleiß gefahren wird. Und damit sind wir wieder bei der “wundersamen Bahn” die keine*r von uns so gut kennt, wie du.

        Ich freue mich auf das Spiel!

  2. Roland Appel

    Wenn es schon der Thalys sein soll – ich habe mit guten Freunden mal eine schöne Reise ins Auge genommen: Sonntag morgens mit dem Thalys nach Paris. Zum Beispiel 8.43-12.05 bis Gare de L’est. Dann mit geeigneten Verkehrsmitteln zum Gare du Lyon und Diner im Restaurant Le Train Bleu. https://de.wikipedia.org/wiki/Le_Train_Bleu. Leckeres Essen ist auch vorzubestellen: https://www.thefork.de/restaurant/le-train-bleu-r4712/speisekarte . Dann in aller Gelassenheit zurück: 17.55-21.15 wieder in Köln. Vielleicht ist ja der eine oder die andere dabei!…

    • Martin Böttger

      Das habe ich schon oft ohne Thalys und ICE praktiziert: im IC morgens um 9 nach Stuttgart, mit der Zahnradbahn vom Marienplatz rauf auf den Weinsteig zu Vincent Klink
      https://www.wielandshoehe.de/
      3 Stunden tafeln, im IC zurück und zur Tagesschau zuhause. Das einzige Problem war immer, dass die Weine im Speisewagen zwar akzeptabel waren, aber “abwärts” trinken wirklich nicht empfehlenswert ist. Und das alles war noch vor diesem furchtbaren Stuttgart21-Loch. Da reinzugucken würde einem vielleicht den Appetit verderben.

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