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Von Porsches und Pipelines

Stellen Sie sich vor, Sie haben einen tollen Porsche 911 vor der Tür stehen, den Sie sich nur leisten können, weil Ihr russischer Kommilitone, den Sie damals an der Uni kennen gelernt haben, sich mit Ihnen die Kosten teilt. Einige Freunde und Bekannte sind neidisch, andere haben Ihnen mehr oder weniger deutlich bedeutet, dass sie wegen der ökologischen Folgen sauer sind, andere wiederum, amerikanische und englische Freunde aus der Schulzeit, beschimpfen Sie heftig, weil sie eigentlich damit gerechnet hatten, dass sie sich gemeinsam einen Lamborghini oder Ferrari teilen würden, der aber für Sie viel teurer wäre.

Nun kommen Sie morgens aus der Haustür und der Porsche ist rundum verkratzt und weist vier große Löcher auf, die nur Profis mit einer schweren Karosserieschere haben anrichten können. Würden Sie dann auch sofort zur Tagesordnung übergehen, ohne die Polizei zu rufen? Würden Sie wortlos mit den Achseln zucken, wenn die BILD-Zeitung behauptet, dass es doch klar sei, dass Ihr russischer Freund dahinter steckt, denn dessen Land führt ja Krieg mit der Ukraine und da sei doch klar, dass der Russe auch Ihren gemeinsamen Porsche zerstört? Und würden Sie froh sein, dass Robert Habeck erklärt, Porschefahren sei ohnehin des Teufels, man müsse schneller davon wegkommen? Zugegeben, der Vergleich hinkt, aber nur ein bisschen.

Opfer des eigenen Feindbilds

Es ist schon erstaunlich, aber genauso argumentieren gerade die BILD-Zeitung und der Rest der Leitmedien, sogar die “Heute Show”, in Sachen Northstream-Pipelines – alle sehen den “bösen Russen” als denjenigen an, der das gemeinsame Eigentum, an dem Deutschland und Russland die Nutzer und Eigentümer sind, beschädigt hat. Und die Bundesregierung als eine der geschädigten Parteien tut so, als ob ihr die massive Sachbeschädigung an gemeinsamem Eigentum oder gemeinsamen potenziellen Nutzungsrechten völlig egal sei. Ziemlich bräsig kam am 2.10. der Bundesjustizminister in die Gänge, indem er andeutete, vielleicht könnte der Generalbundesanwalt ja mal Ermittlungen in die Wege leiten.  Schon seltsam, wie passiv die Bundesregierung auf einen Anschlag reagiert, der zuvorderst  der Infrastruktur deutsch-russischer Zusammenarbeit galt, über deren Zukunft noch nicht entschieden wurde. Es gehört schon eine Portion Verdrängung und Selbstverleugnung dazu, diesen Vorgang derart zu ignorieren. Man stelle sich das Theater vor, hätten rein theoretisch und technisch etwa Umweltaktivisten aus dem “Hambacher Forst” oder autonome “Castor”-Blockierer einen solchen Anschlag unternehmen können! Haus- und Bootsdurchsuchungen in allen Ostseehäfen, Grenzkontrollen an der Grenze zu Dänemark – verschärfte Fahrten der Küstenwachen – Rasterfahndung, Vorratsdatenspeicherung, neue Gesetze und eine Grundgesetzänderung wären gefordert worden.

Potenzielle Saboteure liegen auf der Hand

Die Fähigkeit jedoch, in 70-100 m Wassertiefe unter dem Radar- und Sonarschirm der Küstenwachen Dänemarks, Schwedens und Deutschlands derartige Anschläge auf die Pipeline durchzuführen, beschränkt sich auf einen engen Kreis. Weder Greenpeace noch irgendeine andere militante Umweltorganisation  kommen für so etwas infrage. Nicht mal die Ökosekten “Extinction Rebellion” oder “die letzte Generation”, denn Sekundenkleber funktioniert einfach nicht unter Wasser. Die Marinegeheimdienste Großbritanniens, der USA, der Mossad, Kampftaucher Schwedens, Dänemarks, Norwegens und Finnlands, vielleicht auch des Baltikums und  der Ukraine sowie Polens kommen dagegen jederzeit in Frage. Der Mossad scheidet aus, weil es Israel von Anfang an vermieden hat, im Ukrainekrieg einseitig Position zu beziehen. Bleiben diejenigen Staaten, die das größte Interesse an einer langfristigen und endgültigen Stilllegung der deutsch-russischen Pipelines haben könnten. Alles “treue Freunde”, die zum Teil offen und lautstark, zum Teil hinter vorgehaltener Hand die deutsch-russischen Gasgeschäfte kritisiert haben und diese lieber früher als später vereiteln wollten. Sie alle kommen eher unter den Kriterien Kompetenz und Interesse als Täter in Betracht, als die Geschädigten Deutschland und Russland. Niemand jedoch kommt auf die Idee, sie in Betracht zu ziehen oder ihre Motive und Interessen zu benennen. Seltsam.

Investigativer Journalismus wäre jetzt gefragt

“Der Spiegel”, sonst mit schnellen Lösungen bei der Hand,  hat sich in seiner jüngsten Ausgabe recht offen und nicht festgelegt gezeigt, was die Urheber und Interessenten der Beschädigung der Northstream-Pipelines anbelangt. Wer auch immer es war – die Russen, die Amis, die Briten, die Ukrainer, die Polen – es wäre ein Skandal erster Güte in der Dimension von Watergate. Ein Ansporn für jede junge Journalist*in, um sich Pulitzerpreis-verdächtige  Recherchesporen zu verdienen. Aber die Realität sieht so aus, dass das “Recherchenetzwerk Deutschland” ein vom Geiz der Verleger geprägtes Notbündnis von Journalist*innen ist. Dass auch andere Verbünde so organisiert sind, dass etablierte Berichterstattung wichtiger ist, als investigativ-individualistische Ermittlungsarbeit. Abgesehen von den “Panama-Papers”, deren Konsequenzen aber nicht nachgehalten wurden. Ein Fehler im System der sparsam und effizient aufgestellten Recherchefähigkeit. Bob Woodward und Carl Bernstein würden im Berlin des Jahres 2022 verhungern. Viel zu bräsig, zufrieden und selbstverliebt in ihren Sicherheiten lebt die Berliner Blase des Verlegertums und in ihrem Windschatten verkümmert der investigative Journalismus.

Lesen Sie ergänzend auch: Arno Luik/overton: »Wir sind dazu in der Lage« – Vor ein paar Tagen also die Nachricht, dass vier Löcher in den Nord-Stream-Pipelines sind, dass unvorstellbar große Mengen an Gas austreten. In fast allen Medien steht der Schuldige dieser unfassbaren Tat rasch fest: Russland. Cui bono? Diese Frage stellt fast niemand.”

Über den/die Autor*in: Roland Appel

Roland Appel ist Publizist und Unternehmensberater, Datenschutzbeauftragter für mittelständische Unternehmen und tätig in Forschungsprojekten. Er war stv. Bundesvorsitzender der Jungdemokraten und Bundesvorsitzender des Liberalen Hochschulverbandes, Mitglied des Bundesvorstandes der FDP bis 1982. Ab 1983 innen- und rechtspolitscher Mitarbeiter der Grünen im Bundestag. Von 1990-2000 Landtagsabgeordneter der Grünen NRW, ab 1995 deren Fraktionsvorsitzender. Seit 2019 ist er Vorsitzender der Radikaldemokratischen Stiftung, dem Netzwerk ehemaliger Jungdemokrat*innen/Junge Linke. Er arbeitet und lebt im Rheinland. Mehr über den Autor.... Sie können dem Autor auch im #Fediverse folgen unter: @rolandappel@extradienst.net

5 Kommentare

  1. P. König

    Zu “Investigativer Journalismus wäre jetzt gefragt”

    Wenn investigative und “über-engagierte” Publizisten aber mit existenziellen Konsequenzen rechnen müssen, wie Frau Krone-Schmalz oder Julian Assange, dann würde man in einer aufgeklärte Gesellschaft wenigstens erhoffen, dass sich Hohn und Spott über denjenigen ausbreitet, die uns ein geistiges Zölibat und das Denken in begrenzten Diskurs-Räumen auferlegen wollen.

    Uthoff und von Wagner sind zwei der wenigen Leuchttürme um das Stranden der Massen zu verhindern – und um denen “den Horizont zu zu erweitern”, die wieder glauben, dass man hinter selbigem von der Platte fällt. Herr Galilei: Ein neues Fernrohr, bitte, schnell!

  2. Peter Lessmann-Kieseyer

    Warum heißen sie überhaupt Leitmedien, jene angeblichen Leuchttürme, die uns täglich mit ihren uniformen Weisheiten berieseln und die sich vor allem aus der Berliner Blase speisen? Eigentlich sollte mann/frau sie „Leidmedien“ nennen. Das würde den derzeitigen Zustand des deutschen Journalismus, besser charakterisieren. Investigative Journalist*innen sind eine vom Aussterben bedrohte Spezies geworden .

  3. Dr. Christian Harms

    So wie beschrieben, kommen m.E. nur jene für die Anschläge in Frage, die die Pipelines von Anfang an nicht wollten, dass es sie gibt! Am ehesten die die Russen von Grund auf misstrauenden und hassenden Engländer, aber natürlich auch die Polen. Auf absehbare Zeit können diese geschädigten Stränge vergessen werden, was sicher so gewünscht war. Damit es auch nachhaltiger ist, wurden sie teilweise doppelt beschädigt. Klimaauswirkungen: Egal. Skrupel: Keine
    Politische Folgen: Festschreibung der Neuausrichtung Russlands auf China/Indien
    Eine mögliche mindestens wirtschaftliche Annäherung Deutschlands und Russlands zu späterer Zeit: Praktisch verhindert, wie von den USA und England gewollt, riesen Vorschub geleistet.

    • Roland Appel

      Einen gewissen Trost bieten, a) Technik und b) die Geophysik: Die Northstream-Pipelines können a) repariert werden und haben b) etwa 15 Jahre Bauzeit erfordert, wobei “nur” ein Hightech-Rohr ins Wasser gewofen wurde. Eine Landgebundene Pipeline nach Südosten wäre nicht früher als in 20 Jahren für Russland in Betrieb zu nehmen. Schaumermal.

      • w. nissing

        lieber Roland, woher nimmst du die 20 Jahre?? Wenn ich sehe in welchem Tempo China bauen kann wenn es will liegt die Röhre in absehbarer Zeit. Ist ja keine Raketentechnik sondern allenfalls geologische Rücksichtnahmen.

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