Wer gestern durch die Posts von russischen Militärbloggern zappt, muss feststellen, dass bei den Herrschaften reichlich Katerstimmung herrscht. Vor allem die Äußerung, ein vor einiger Zeit von der russischen Seite blutig eroberter und nun aufgrund der ukrainischen Offensive wieder aufgegebener Frontabschnitt sei doch nur „ein Koffer ohne Griff“ gewesen, erregt die Gemüter der bloggenden Nationalisten. Die Stimmungslage äußert sich mit „Pfeifen im Walde“, in einer Wut auf die kommunikative Unbeholfenheit der russischen Armeeführung oder im ziemlich verkrampften Versuch, irgendwie Anzeichen für eine günstige Wende für die russische Seite herbeizufantasieren.

Hier der Militärblogger Rybar auf der Tiefschiene:

„Die Behauptung, der im Februar und März besetzte Abschnitt der Front in Krivoy Rog sei ‘ein Koffer ohne Griff’, kann nur von einer sehr… oberflächlichen Person aufgestellt werden. Sie gehörte nicht nur zum Gebiet Cherson – dem Territorium der Russischen Föderation -, sondern war auch relativ günstig gelegen, da der Fluss Ingulets im Westen die linke Flanke und der Fluss Dnjepr die rechte Flanke bildeten.

Der Frontabschnitt Krivoy Rog war wichtig für die Entwicklung der Offensive gegen Nikopol (um Energodar zu sichern) und Krivoy Rog als Symbolstadt (zumindest in den Augen der lokalen Bevölkerung – es ist schließlich Zelenskys Heimatstadt).

Ja, die Autoren haben Recht: Jetzt wird um den Preis der Umgruppierung Zeit gewonnen, um neue Verstärkungen in Dienst zu stellen. Es wird eine Gegenoffensive geben – wenn grundlegende Entscheidungen zur Änderung von Taktik und Strategie getroffen werden.

Aber in den Schlachten im Nordosten der Oblast Cherson haben Dutzende russischer Krieger ihr Haupt niedergelegt und sind in die Unsterblichkeit gegangen. Und jetzt wird ihren Mitstreitern gesagt, dass das alles für einen ‘Koffer ohne Griff’ war.

Dies ist ein Stich in die Seele aller Einheiten, die monatelang in Archangelskoje, Knjasewka, Olgino, Wyssopolje, Potemkino, Nowowoznesensk, Mirolyubowka, Petrowka und Zolotaja Balka gekämpft haben.

Man darf nie über solche Dinge sprechen. Das demoralisiert die Truppen. Dadurch verlieren die Menschen den Glauben daran, dass nicht alles umsonst war.“

@rybar

Über den/die Autor*in: Reinhard Olschanski (Gastautor)

Geboren 1960, Studium der Philosophie, Musik, Politik und Germanistik in Berlin, Frankfurt und Urbino (Italien). Promotion zum Dr. phil. bei Axel Honneth. Diverse Lehrtätigkeiten. Langjährige Tätigkeit als Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Referent im Bundestag, im Landtag NRW und im Staatsministerium Baden-Württemberg. Zahlreiche Veröffentlichungen zu Politik, Philosophie, Musik und Kultur. Mehr über und von Reinhard Olschanski finden sie auf seiner Homepage.