Am 9.6. ist die Wahl des EU-Parlaments. Traditionell wird sie von deutschen Wähler*inne*n weniger ernstgenommen. Wer überhaupt teilnimmt, lässt gerne mal “die Sau raus”, um denen in Berlin zu zeigen, wie sauer mann auf sie ist. So gelangte Martin Sonneborn 2014 ins EU-Parlament. Mir ist nicht bekannt, wie gut er als Politiker ist. Als Performance-Künstler ist er stark. Das führte bei der EU-Wahl 2019 zu einem Problem: er verdoppelte seine Sitzzahl.

Und weil er zwei Sitze nicht ausfüllen darf, gelangte neben ihm noch ein Kandidat der Die Partei ins Parlament: der depressive Kabarettist Nico Semsrott. Der flüchtete nach seiner Wahl sogleich vor Sonneborn zur Grünen-Fraktion, und will “Auf! Gar! Keinen! Fall!” wiederkandidieren.

Bei der diesjährigen Wahl besteht nun die Gefahr, dass Sonneborn noch mehr Mandate erobert, und nach der Wahl von seiner eigenen Fraktion ständig überstimmt wird. Diese Gefahr hat er soeben mit dieser Rede selbst befeuert:

Fall Julian Assange: Von Lügnern, Betrügern und Dieben – Statement zum Gerichtsverfahren in London über die Auslieferung des WikiLeaks-Gründers in die USA.”

Wäre diese Rede von – sagen wir nur mal so als Beispiel – einem grünen Mitglied der Bundesregierung gehalten worden, wäre für mich nicht nur die Frage “Wen oder was wählen?” erledigt, sondern auch der Lauf der Welt würde sich fundamental verbessern. So ist es aber nicht.

Was nun? Diese Frage müssen Sie sich selbst beantworten. Und um sie Ihnen noch schwieriger zu machen. Die Partei wurde z.B. auch bei der Kommunalwahl in Bonn in den Stadtrat gewählt. Hier erfahren Sie mehr – ein Sack Reis in China ist ein Erdbeben dagegen.

Gar nicht so übel

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) gilt nicht ganz zu unrecht als Organ der herrschenden Klasse, und zwar nicht nur in Frankfurt. Trotz oder eher wegen dieser Herrschaft hat sie laut Wikipedia seit 1998 nicht nur 54, nein sogar 54,1% ihrer verkauften Auflage verloren.

Einen der zahllosen Gründe habe ich heute gefunden. Ein gewisser Mark Fehr “Ist in den kühlen und schroffen Mittelgebirgen Nordhessens aufgewachsen, hat aber den größten Teil seines bisherigen Berufslebens in Frankfurt verbracht. Dort lernte er das warme Mainklima schätzen und konnte sich an die weichere südhessische Mundart gewöhnen. … Er berichtet unter anderem über Wirtschaftsprüfer, Steuerberater und Bilanzierung und betreut seit April 2021 die F.A.Z.-Seite ‘Der Betriebswirt'” Heute hat er sich hinausgewagt in die rätselhafte Welt der Mieter*innen, und kommt zu dem – ich muss gestehen: sensationellen – Ergebnis: “aber auch das Mieterdasein ist hier gar nicht so übel” (Paywall). Dä.

Das wäre alles weiter kein Problem. Ich kenne keine Mieter*innen, die die FAZ kaufen. Allenfalls müssen sie sie im Büro lesen. Es wirft eher die Frage auf: wer kümmert sich überhaupt um die Interessen von Mieter*inne*n? OK, es gibt Mietervereine, jede*r sollte da eintreten, um die Solidarität zu stärken. Aber kennen Sie eine Partei, ein (Massen-)Medium?

Über Martin Böttger:

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger@extradienst.net