50 Jahre Unabhängigkeit
Die meisten Kolonien in Süd- und Mittelamerika entledigten sich Anfang des 19. Jahrhunderts der spanischen und portugiesischen Herrschaft. Frankreich und England hielten noch weit über hundert Jahre an ihrer Kolonialherrschaft in den karibischen Territorien fest. Auch die Niederlande besaßen und besitzen Kolonien in der Karibik und Südamerika. Erst vor 50 Jahren, am 25. November 1975, endete der Kolonialstatus in Suriname. Es folgten 50 Jahre, in denen die hastig vorbereitete Unabhängigkeit und die finanzielle Mitgift der Niederlande zu politischer Vorteilsannahme, Korruption und einer Militärdiktatur führten. Erst die darauffolgende Demokratisierung schuf Räume für die Selbstgestaltung des Landes.
Suriname kennt hierzulande fast niemand. In den Niederlanden alle. Die Landessprache ist Niederländisch und man fährt Fahrrad. Die Nachbarstaaten sind die Kooperative Republik Guyana im Westen, das französische „Überseedepartement“ Guyane im Osten und Brasilien im Süden. 90 Prozent der Landesfläche bestehen aus Regenwald und sind unbewohnt, fast die gesamte Bevölkerung lebt in der Hauptstadt Paramaribo oder an der Küste. Im Landesinnern gibt es nur relativ wenige Siedlungen indigener Gemeinschaften und der Maroons /Lowéman. Mit der Unabhängigkeit wanderten viele Surinamer*innen in die Niederlande aus. Derzeit leben 640000 Menschen in Suriname, 365000 Niederländer*innen haben surinamische Wurzeln, darunter die niederländischen Fußballikonen Ruud Gullit, Frank Rijkaard und Clarence Seedorf.
Die Geschichte Surinames ist von Zwangsarbeit bestimmt. Die Plantagenwirtschaft wurde lange mit Sklav*innenarbeit, „Vertragsarbeit“ und faktischer Leibeigenschaft aufrechterhalten. Versklavte Afrikaner*innen wurden im Zuge des transatlantischen Sklavenhandels nach Suriname verschleppt. Darauf folgten Migrationen aus Asien. Die Hindostani, Javaner*innen und Chines*innen kamen als „Vertragsarbeiter*innen“, die zunächst unbezahlt schuften mussten, um die Kosten für die Überfahrt „abzuarbeiten“.
Eine Besonderheit der frühen Kolonialgeschichte war die Migration vieler Juden und Jüdinnen infolge der Verfolgungen durch die Inquisition im 17. Jahrhundert. Mit der Erlaubnis, ihren Glauben in Suriname frei ausüben zu dürfen, errichteten sephardische Juden und Jüdinnen 1665 die Siedlung „Jodensavanne“ und die erste Synagoge in der „Neuen Welt“. Gleichzeitig wurde ihnen Plantagenbesitz zugesprochen, sodass sie aktiv am System der Sklaverei beteiligt waren.
Auch nach der Abschaffung der Sklaverei am 1. Juli 1863 bestehen koloniale Denkmuster fort. „Was wäre Suriname ohne die Arbeit der Sklaven wert gewesen?“, fragt Anton de Kom in seinem 1934 erschienenen Buch „Wir Sklaven von Suriname“: „Den armen Freigelassenen wurde in keiner Weise entgegengekommen, im Gegenteil, die gesamte Emanzipation der Sklaven wurde so gestaltet, dass die Freigelassenen keine andere Wahl hatten, als freiwillig wieder in die Sklaverei zurückzukehren, die man gerade gesetzlich abgeschafft hatte.“ Neben den vielen Momenten von Widerstand und erkämpfter Freiheit war die Arbeit von de Kom ein bedeutender Beitrag, Bewusstsein und Selbsterfahrung versklavter und unterdrückter Surinamer*innen zu stärken. Dass er selbst wegen seiner Rechtshilfe für arme Surinamer*innen in die Niederlande abgeschoben und dort von den Nazis in das KZ Neuengamme verschleppt wurde, wo er umkam, ist eine entsetzliche Untat und zeigt, wie sehr die Verachtung Schwarzer Menschen in den Köpfen der Herrenmenschen fortlebte.
Der Kampf gegen Unterdrückung ist viele Jahrhunderte alt. Indigene Gemeinschaften kämpften gegen die niederländische Kolonialmacht im sogenannten „Roten Krieg“ von 1678 bis 1686. Lowéman/Maroons flohen aus der Plantagensklaverei in den Regenwald im Inland und verteidigten bewaffnet ihre Freiheit. Die Hindostani Janey Tetary rebellierte gegen das unfreie Verhältnis in der Vertragsarbeit und starb dafür 1884.
Suriname ist heute eine multiethnische Demokratie mit politischen Parteien, die als Interessenvertretungen spezifischer ethnischer Gruppen gegründet wurden. Die Gesellschaft setzt sich aus 37 Prozent Hindostani, 41 Prozent Afro-Surinamer*innen (davon drei Viertel Kreol*innen und ein Viertel Lowéman), 15 Prozent Javaner*innen und knapp vier Prozent indigener Bevölkerung zusammen. Auch religiös ist Suriname äußerst heterogen. Die größte Religionsgemeinschaft stellen Christ*innen. Die zweitgrößte Gruppe sind die Hindus, es folgen die Muslim*innen, die Anhänger*innen der afroamerikanischen Winti-Glaubenspraxis und die jüdische Gemeinschaft. Die verschiedenen religiösen Gruppen leben in friedlicher Koexistenz. So liegen etwa die Synagoge und die größte Moschee der Hauptstadt direkt nebeneinander.
Ökonomisch lebt das Land vom Tourismus, dem Dienstleistungssektor und den Überweisungen der surinamisch-stämmigen Niederländer*innen. Der einstmals wichtigste Wirtschaftszweig, der Bauxitabbau und die Aluminiumproduktion, spielen keine große Rolle mehr. Aktuell setzen viele Menschen in Suriname große Hoffnungen auf Ölvorkommen vor den Küsten des Landes. Vor dem Hintergrund großer sozialer Ungleichheit und Korruption werden Zweifel laut, ob dies wirklich zu mehr sozialer Gerechtigkeit, besseren Standards im Bildungs- und Gesundheitswesen oder der sozialen Absicherung für die Bevölkerungsmehrheit führt.
Dieser Beitrag ist das Editorial und eine Übernahme aus ila 490 Nov. 2025, hrsg. und mit freundlicher Genehmigung der Informationsstelle Lateinamerika in Bonn. Links wurden nachträglich eingefügt.

Schreibe einen Kommentar