Das Neujahrskonzert in der Berliner Philharmonie war für Clara und Erik nicht bloß ein gesellschaftlicher Termin, sondern die Grundsteinlegung für das zweite Jahr ihrer gemeinsamen Zeitrechnung. Die Architektur des Saals, dieses „Weinberg“-Prinzip von Hans Scharoun, bot ihnen genau das, was sie suchten: die Möglichkeit, inmitten einer Menschenmenge vollkommen allein und doch verbunden zu sein. Sie saßen in Block B, nah genug am Geschehen, um die feinen Nuancen in den Gesichtern der Musiker zu lesen, aber distanziert genug, um das „Sie“ als schützende Hülle um ihren kleinen Raum der Resonanz zu wahren.

Clara beobachtete Erik aus dem Augenwinkel. Er trug einen tiefdunklen Anzug, der fast schwarz wirkte, und seine Haltung war von einer feierlichen Statik. Das „Sie“, das sie nun seit über einem Jahr kultivierten, war zu einer hochelektrisierten Dialektik geworden. Es war kein Zeichen von Fremdheit mehr, sondern das Instrument ihrer höchsten Intensität. Indem sie die formale Distanz wahrten, zwangen sie jede Empfindung durch einen Filter der Hochachtung, was dazu führte, dass jede Silbe, jeder Blick und jede flüchtige Geste eine fast unerträgliche Dichte annahm. Es war die innigste Form der Nähe, gerade weil sie auf das „Du“ verzichteten, das in der modernen Welt oft nur die erste Stufe zur Beliebigkeit war.

Als Lothar Zagrosek das Podium betrat und die ersten Takte von Richard Strauss’ „Vier letzten Liedern“ erklangen, schien die Luft im Saal zu gefrieren. Die Besetzung war eine bewusste Wahl der Entschleunigung gewesen: Anne Sofie von Otter stand dort mit einer Aura der vollkommenen Kontrolle und Zerbrechlichkeit zugleich.

Beim Lied „Beim Schlafengehen“ setzten die Streicher mit jener schwebenden Melancholie ein, die Strauss kurz vor seinem Ende komponiert hatte. Als die Solovioline zu jenem unirdischen Flug ansetzte, der die Seele in die Nacht entlässt, geschah es: Eriks Hand, die auf der Armlehne ruhte, bewegte sich einen Millimeter. Es war keine hastige Geste, kein Greifen. Es war ein vorsichtiges Fließen. Clara spürte seine Wärme, noch bevor Haut auf Haut traf. Dann legte er seine Hand auf die ihre.

Es war ein Moment der totalen Resonanz. Ihre Finger verschränkten sich nicht, sie ruhten einfach ineinander, flach und schwer vor Bedeutung. In diesem „Sie“, das sie in diesem Moment im Geiste aussprachen – Sehen Sie, Clara, wie die Musik uns trägt –, lag mehr Liebe, als tausend hastige Liebesschwüre jemals hätten transportieren können. Die Dialektik der Distanz hatte ihren Kulminationspunkt erreicht: Sie waren sich so nah, dass die physische Berührung fast wie eine Grenzüberschreitung wirkte, die nur durch die Heiligkeit der Musik legitimiert wurde.

Dann kam das vierte Lied: „Im Abendrot“. Die Sopranistin sang die Zeile „Morgen wird die Sonne wieder scheinen“ mit einer Innigkeit, die den gesamten Saal in eine kollektive Andacht zwang. Das Orchester wurde leiser, fast bis an die Grenze des Hörbaren. Es war jene magische Stelle, an der Strauss die Zeit selbst anzuhalten scheint.

Und genau in diese heilige Stille hinein geschah das Ungeheuerliche.

Einige Reihen hinter ihnen begann jemand, ein Bonbon auszuwickeln. In der akustischen Perfektion der Philharmonie wirkte das Knistern des Cellophans nicht wie ein kleines Geräusch. Es war ein akustischer Steinschlag. Jeder Riss im Plastik, jedes langsame, vermeintlich vorsichtige Dehnen der Verpackung hallte durch den Raum wie ein Schusswechsel. Es war, als würde jemand mit einer stumpfen Säge an den Fäden des Kunstwerks sägen. Clara spürte, wie Erik neben ihr erstarrte. Die Andacht, die sie mühsam aufgebaut hatten, die zarte Verbindung ihrer Hände, drohte unter diesem profanen Geräusch zu zerbrechen. Es war ein Übergriff der trivialen Welt auf das Sakrale.

Erik neigte sich einen Zentimeter zu ihr, sein Atem streifte ihr Ohr, das „Sie“ blieb die Grammatik seines Protests: „Sehen Sie, Clara… manche Menschen ertragen die Leere nicht. Sie müssen sie mit Zucker und Plastik füllen, weil sie die Stille fürchten.

Clara presste seine Hand. „Es vernichtet alles“, flüsterte sie zurück. „Dieses Bonbon ist der Sieg der Konsumgesellschaft über die Transzendenz.
S

ie dachten im selben Moment an das absolute Gegenteil: an 4’33” von John Cage. Dort wäre das Knistern vielleicht Teil des Werks gewesen, aber hier, bei Strauss, wirkte es wie eine Beleidigung der Ewigkeit. „Lieber gleich Cage“, dachte Clara grimmig, „da wird wenigstens gar nicht erst intoniert, da ist die Stille das Programm und kein Zufallsprodukt mangelnder Kinderstube.“

Doch als von Otters Stimme schließlich zum letzten Mal erstarb und die zwei Flöten die Lerchenrufe im Abendrot imitierten, kehrte die Stille zurück – tiefer und mächtiger als zuvor. Das Bonbon-Geräusch war verhallt, und was blieb, war die Wärme ihrer Hände. Die Störung hatte ihnen ironischerweise gezeigt, wie kostbar ihr gemeinsamer Schutzraum war. Sie hatten die Andacht gerettet, weil sie einander hatten.

Beim Verlassen der Philharmonie, unter den neugierigen Blicken der anderen Konzertbesucher, die im Foyer wieder in ihre gewohnte Hektik verfielen, hielt Erik ihr den Mantel hin. Seine Bewegungen waren bedacht, seine Augen suchten die ihren.

Ein denkwürdiger Abend, Frau Dr. Jensen“, sagte er, und das „Sie“ klang nun wie eine Hymne. „Trotz des Attentats auf unsere Ohren.“

Gerade deswegen, Herr von Hallen“, antwortete sie und schlüpfte in den Mantel. „Die Welt wird immer Bonbons auswickeln, während wir versuchen zu fliegen. Aber solange wir gemeinsam im Takt bleiben, kann uns das Cellophan nichts anhaben.“

Draußen wartete der blaue Volvo, bereits leicht mit Puderzucker-Schnee bestäubt. Als sie losfuhren, vorbei an den hell erleuchteten Schaufenstern der Potsdamer Straße, wussten sie beide: Die Sonne würde morgen tatsächlich wieder scheinen. Nicht, weil es im Kalender stand, sondern weil sie gelernt hatten, das Licht in der Langsamkeit zu bewahren.

Dies war Kapitel 15, nächste Woche lesen Sie in Kapitel 16: Die Liturgie des Schweigens – 4’33” im Souterrain

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