Das Gewaltdilemma in Brasilien

Gewalt ist in Brasilien zu einem alles beherrschenden Faktor geworden. Strafverschärfungen scheinen die einzig gangbare Gegenmaßnahme. Erst spät hat die Regierung Lula verstanden, dass die meisten Gewalttaten auf die eine oder andere Weise im organisierten Verbrechen münden, in Banden, die sowohl legal wie illegal aktiv sind und riesige Märkte aufgebaut haben. Dafür brauchen sie billige Arbeitskräfte, also junge Menschen ohne Perspektive, damit sie Gewinne in den verschiedenen Branchen erzielen können: von Handys bis Kokain, vom Holz bis zu Waffen. Vieles davon landet in Europa.

Seit Kurzem greift eine neue Art von Verbrechen in São Paulo um sich. In dieser Stadt mit ihrem alltäglichen Verkehrschaos und mit zahlreichen Autos, die für Fahrdienst-Apps wie Uber und 99Táxi unterwegs sind, befestigen die allermeisten Fahrer*innen ihre Smartphones an den Armaturenbrettern ihrer Autos. Von außen sind sie gut sichtbar. So kamen Kriminelle auf die Idee, die Handys zu stehlen: Sie warten, bis die Ampel auf Rot springt, rennen auf die Fahrzeuge zu, schlagen die Scheiben ein und stehlen die Handys aus den Autos. Videos von solchen Vorfällen, die in den sozialen Netzwerken viral gingen, zeigen, dass das Ganze nicht länger als zehn Sekunden dauert.

Smartphones sind zum begehrtesten Objekt bei Diebstählen und Überfällen in São Paulo geworden. Offiziellen Statistiken zufolge werden 17 Geräte pro Stunde gestohlen. Weniger als sechs Prozent davon werden ihren Besitzer*innen zurückgegeben. Einige Fälle versetzen die Bewohner*innen der Stadt in Angst und Schrecken: etwa der Tod eines Radfahrers vor einem Park, der nicht einmal angesprochen, sondern direkt erschossen wurde, ohne jede Möglichkeit zu reagieren. Die Täter flohen mit seinem Handy.

Über das weitere Schicksal der geklauten Handys gibt es unterschiedliche Angaben, etwa dass diese Geräte in bestimmte afrikanische Länder gelangen, deren nationale Gesetze es noch erlauben, sie ohne Identifizierung wieder in Betrieb zu nehmen. In Brasilien können sie nicht wieder in Betrieb genommen werden, da sie sonst zurückverfolgt würden. Andere vermuten, dass die Smartphones zerlegt und die Einzelteile innerhalb der Gefängnisse gehandelt werden (Brasilien gelingt es nach wie vor nicht, den Zugang der Häftlinge zu Mobiltelefonen zu verhindern). Und es gibt eine dritte Erklärung: Ähnlich wie beim Markt für gestohlene Autos verkauft die Organisierte Kriminalität die Einzelteile der Geräte im Internet oder in lokalen Geschäften.

Eine Art Rache

Der Markt ist gut organisiert. Die Polizei von São Paulo fand letztes Jahr bei einer Frau, die beschuldigt wird, Bandenchefin zu sein, eine Preisliste, in der genau aufgelistet war, wie viel für welches gestohlene Modell bezahlt wird. Sie verschickte die Liste in offenen WhatsApp-Gruppen, quasi als Anzeige. Beziehungsweise als Aufforderung an die Mitglieder, auf Diebestour zu gehen. Ein iPhone 15 war 2025 beispielsweise 400 Euro (2500 Reais) wert, während sie für ein älteres Modell, ein 11 oder 12, bis zu 150 Euro (900 Reais) zahlte. Für Tausende von Jugendlichen aus den Favelas, rassifiziert und ohne nennenswerte wirtschaftliche Perspektiven, in einem öffentlichen Schulsystem von miserabler Qualität gefangen und dennoch empfänglich für Konsumnarrative (Sneakers, Mode, Motorräder, Autos etc.), ist dies die Chance, etwas Geld zu verdienen. Sei es, um der Familie zu helfen, oder um diese Statussymbole zu kaufen. Diese Jugendlichen findet man dann in den sozialen Netzwerken, wo sie mit Geldbündeln wedeln oder mit teurer Kleidung und Motorrädern prahlen, die Beute dieser Diebstähle sind.

Brasilien ist eine der ökonomisch ungleichsten Gesellschaften der Welt, immer noch durch das koloniale Sklavenhaltererbe geprägt. Die Armen sind fast immer Schwarz, und ihre Chancen, der Armut zu entkommen, sind denkbar schlecht: 2024 lag nach dem „Atlas de Mobilidade Social“ die Chance von jemanden aus der untersten Schicht, in diejenige der reichsten zehn Prozent aufzusteigen, bei 1,81 Prozent. Die Wahrscheinlichkeit, arm zu bleiben, lag bei 66 Prozent. Dazu kommen Vorurteile verschiedenster Art, denen die Menschen aus den Favelas täglich ausgesetzt sind. Delikte sind für diese Menschen eher eine Art Rache als ein Ausweg.

Andererseits hat der explosionsartige Anstieg der Überfälle und anderer Straftaten, etwa digitale Betrugsdelikte, die politische Landschaft verändert. In einer Befragung vom April 2026 sagen 27 Prozent der Brasilianer*innen, dass die Gewalt ihre größte Sorge sei, noch vor der Korruption (19 Prozent) und der Gesundheitsversorgung (14 Prozent). Eine Folge davon ist, dass immer mehr Polizisten und Angehörige der Sicherheitskräfte als Kandidaten für die Wahlen aufgestellt werden. Im Jahr 2022, bei den letzten allgemeinen Wahlen, waren es 1700 – ein Anstieg um 27 Prozent gegenüber 2018. Ein Großteil von ihnen wird gewählt, weil sie sich für eine Verschärfung der geltenden Strafgesetze einsetzen. Dazu gehören die Senkung des Strafmündigkeitsalters (derzeit liegt es bei 18 Jahren, wobei Jugendliche von 12 bis 17 Jahren in einer Jugendeinrichtung untergebracht werden), die Verschärfung der Strafen für bestimmte Verbrechen oder sogar die Lockerung der Vorschriften bei Verfahren gegen Polizisten, die in Todesfälle verwickelt sind. Manche dieser Sicherheitskräfte haben Kultstatus in den sozialen Medien, wo sie Bilder aus ihrem Alltag posten, etwa Verfolgungsjagden durch die Straßen der Favelas oder gewaltsame Kontrollen von Verdächtigen.

Vor einem Jahr, während einer Demonstration zugunsten des ehemaligen Präsidenten Jair Bolsonaro (Befürworter solcher Maßnahmen) auf der Avenida Paulista im Herzen von São Paulo, sah ich eine Parade mit einem Oldtimer von einer der Spezialeinheiten der Stadtpolizei, der Rota (bekannt für die hohe Todesrate bei ihren Einsätzen), der von pensionierten Beamten besetzt war. Vier Herren mit weißem Haar hielten das Auto immer wieder an, um sich auf Bitten von Familien mit ihnen fotografieren zu lassen. Dabei formten sie mit ihren Händen eine Waffe.

Die Unsicherheit steigt

In einem Land, das es nicht schafft, vollständig zu kontrollieren, was in seinen Gefängnissen passiert, und das immer noch darum kämpft, die wirtschaftlichen und transnationalen Verflechtungen seiner kriminellen Elemente zu verstehen, wären die Verschärfung der Strafen und die Herabsetzung des Strafmündigkeitsalters zwei Schüsse, die nach hinten losgingen: Sie würden mehr sozial benachteiligte Jugendliche diesen Kartellen ausliefern (die die Gefängnisse kontrollieren) und sie länger unter dieser Parallelregierung halten. Wenn es in Brasilien einen Konsens zum Thema Gewalt gibt, dann den, dass Gefängnisse zur „Universität der Kriminellen“ geworden sind.

Vor kurzem hat Lula einen Aktionsplan in Höhe von 1,88 Milliarden Euro (11 Milliarden Reais) vorgelegt, um die kriminellen Kartelle einzudämmen. Zu den Maßnahmen gehört unter anderem die Übernahme der Kontrolle über jene Haftanstalten, die derzeit von den Banden beherrscht werden. Obwohl es den großen brasilianischen Städten nie gelungen ist, das Problem der städtischen Gewalt zu lösen, sind die Gewalt und ihre Folgen erst jetzt für den Großteil ihrer Bewohner*innen zum Hauptproblem Brasiliens geworden. Für die Recherche zu diesem Artikel sprach ich mit Renato Sérgio de Lima, dem Geschäftsführer des Brasilianischen Forums für öffentliche Sicherheit (FBSP), einer der angesehensten brasilianischen Institutionen zu diesem Thema. Er gab mir einen wichtigen Hinweis: Seiner Meinung nach fühlten sich die Menschen bis vor einiger Zeit nur dann wirklich bedroht, wenn sie auf der Straße waren. Man konnte ihnen eine Brieftasche, eine Uhr, einen Ring oder eine Kette stehlen. Zu Hause fühlten sie sich sicher. Heute hingegen wird ein Großteil der Verbrechen digital begangen: Entweder handelt es sich um falsche Bank- und Firmenmitarbeiter, oder die Kriminellen geben sich perfiderweise als Familienangehörige der Opfer aus, um über WhatsApp Geld von ihnen zu erpressen, meist von älteren Menschen. Im Jahr 2024 wurden dadurch 1,7 Milliarden Euro (10 Milliarden Reais) erbeutet. Zur Unsicherheit auf der Straße kommt nun die Unsicherheit in den eigenen vier Wänden hinzu. Außerdem, so Renato, sei es eine Sache, wenn einem die Brieftasche gestohlen wurde. Das Opfer meldete den Diebstahl bei der Polizei, ließ die Karten sperren und musste sich anschließend durch den Papierkram kämpfen. Heute ist das anders: „Das Handy ist das Leben eines Menschen. Darauf befinden sich nicht nur Bankdaten, sondern auch E-Mail-Passwörter, Fotos, Dokumente und Aufzeichnungen. Das ist etwas Unwiederbringliches.“

Falsche Lösungen

Lokale und nationale Verantwortliche beharren auf Maßnahmen, die von vornherein zum Scheitern verurteilt sind. Die gängigste davon ist die Aufstockung des Polizeipersonals – wobei die dafür erforderlichen Mittel aus dem Etat für die polizeiliche Ermittlungsarbeit gekürzt werden. So entsteht der falsche Eindruck, dass mehr Sicherheit herrsche, weil mehr Beamte auf den Straßen sind, während in Wirklichkeit die Geschäfte der kriminellen Banden ohne Überwachung weiter ungestört auf Hochtouren laufen. Lula versucht mit seiner aktuellen Milliardenmaßnahme gegenzusteuern (unter anderem ist geplant, Geldwäsche zu unterbinden und illegale Märkte ins Visier zu nehmen). Wahlerfolge lassen sich allerdings eher mit dem Versprechen harter Maßnahmen erzielen. Ein bereits verabschiedetes Gesetz sieht vor, die städtischen Polizist*innen, die im Gegensatz zu den Polizeikräften der einzelnen Bundesstaaten bisher keine Schusswaffen trugen, zu bewaffnen. Kurz vor den Wahlen ist die Gewalt in den Städten eines der zentralen Themen in Brasilien. Leider wird diese Debatte nicht so geführt, wie sie geführt werden sollte.

Vinícius S. Mendes ist Soziologe, Journalist, Autor und promoviert an der Universität São Paulo (in Kooperation mit der FU Berlin). Sein erster Roman, “Milhões de espécies de solidão“ erscheint im Juni beim Verlag Patuá. • Übersetzung: Laura Held. Dieser Beitrag ist eine Übernahme aus ila 496 Juni 2026, hrsg. und mit freundlicher Genehmigung der Informationsstelle Lateinamerika in Bonn. Einige Links wurden nachträglich eingefügt.

Über Vinícius S. Mendes - Informationsstelle Lateinamerika:

Avatar-FotoDie Informationsstelle Lateinamerika e. V. (ila) ist ein gemeinnütziger Verein mit Sitz im Oscar-Romero-Haus in Bonn. Das Ziel des Vereins ist die Veröffentlichung kritischer und unabhängiger Informationen aus Lateinamerika. Der Schwerpunkt liegt auf Nachrichten und Hintergrundinformationen aus basisdemokratischer Perspektive. Die Informationsstelle Lateinamerika begreift sich als Teil der politischen Linken und engagiert sich in übergreifenden politischen Bündnissen wie der Friedens- und Antikriegsbewegung oder Attac. Der Verein besteht seit 1975 und gibt die gleichnamige Zeitschrift ila heraus. Alle Beiträge im Extradienst sind Übernahmen mit freundlicher Genehmigung.