Ich sah zum Einschlafen gerade den Bozen-Krimi auf WDR. Da traute ich meinen Augen nicht, lief doch kurz nach 23.00 das folgende Laufband durchs Bild: “Der Bahnverkehrs ist Bundesweit eingestellt. Wie lange die Störung dauert, ist noch unklar.” Eine beste Freundin, von der ich wusste, dass sie morgen von Berlin aus Bahn fahren will, hat auf der DB-App gefunden, dass die Ursache eine IT-Störung ist. In einer solchen Situation gehen viele Fragen durch meinen erlernten Politiker- und Unternehmensberaterkopf: Wer oder was schafft es, den gesamten Bahnverkehr der Bundesrepublik lahmzulegen? Wo sind die Schlupflöcher für digitale Angriffe, Sabotage oder einfach stümperhafte Anwendung der IT- Infrastruktur? Wieso gibt es keine Redundanzen, ein Ersatzsystem, das in einem solche Fall übernimmt?
Wie kann es möglich sein, dass der gesamte Bahnverkehr eines modernen Industrielands an der Spitze der EU derart lahmgelegt werden kann? Welche Stümper und Dillettanten betreuen die IT-Systeme der DB, und welche gegen Angriffe machtlose Software wird dort eingesetzt? Inzwischen ist die Ursache des Bahn-Stillstands klar. Das DB-eigene Kommunikationssystem GSM-R, ein digitales Telefonnetz zwischen Zugführer:innen und Bahnhöfen, Stellwerken und Lokführer:innen ist vermutlich aufgrund eines fehlerhaften Updates ausgefallen. Danach ging bei der Bahn nichts mehr. Züge fuhren entweder noch mögliche kurze Strecken in die Bahnhöfe ein oder blieben – einander folgende Züge werden durch sogenannte Blockstellen voneinander getrennt – auf offener Strecke stundenlang stehen. Nach mehreren Stunden gelang es wohl Mitarbeitern, das System wieder herzustellen. Da der Ausfall mitten in der Nacht erfolgte, hatten Bahn und Fahrgäste Glück im Unglück: Wäre der Ausfall tagsüber passiert, wären Millionen Pendler:innen betroffen gewesen. Wieviele Menschen Opfer des Ausfalls geworden sind, teilte die Bahn bisher nicht mit.
Redundanz ist alles
Als Altnazi Wernher von Braun die Apollo-Raumschiffe mit der NASA 1969 und später auf den Weg zum Mond geschickt hat, waren die Raumschiffe mit dreifacher Redundanz ausgestattet. Jedes System, jeder Computer und jeder Knopf für den Urinablass in den Weltraum waren dreifach vorhanden und gegen Ausfall gesichert. Dabei ging es um eine winzige Kapsel und drei Menschen, die wussten, welches Risiko sie eingingen, um auf dem Mond zu landen. Bei der Deutschen Bahn handelt es sich um ein komplexes System der Personenbeförderung von Millionen Menschen täglich, von dem die gesamte Wirtschaft des Industrielands BRD mit 83,4 Mio. Einwohner:innen abhängt. Und da gibt es kein redundantes System, das bei Störungen der IT einspringt?
Kein Staatsversagen, sondern Folge des Neoliberalismus
Um die Jahrtausendwende hatten vor allem bei SPD, FDP und CDU die neoliberalen Propheten des grenzenlosen Kapitalismus das Sagen. Deshalb konnte ein Bahnchef Mehdorn, Spitzname Blähdorn ( Dieter Hildebrandt), weil er sich immer wichtigtuerisch aufblähte, dafür sorgen, dass der Aufkauf irgendwelcher regionaler Spediteure in Südamerika für die Deutsche Bahn wichtiger wurde, als die Instandhaltung von Schienen, Weichen und Eisenbahnbrücken – ganz besonders auf der Südschiene, und in NRW im Ruhrgebiet, speziell im Bahnknotenpunkt Köln.
Keine Entschuldigung, keine Aufklärung
Der umfassende Zusammenbruch des Systems Bundesbahn in der vergangenen Nacht wird bisher von der Deutschen Bahn AG nur unzureichend aufgeklärt. Bahnkunden, die am frühen Morgen unterwegs waren, berichten, dass die Bahn nach einer Eil-SMS in der Nacht, die über den Stillstand informierte, noch nicht einmal mitgeteilt hat, dass die Störung beseitigt sei und die Züge wieder fahren. Man tut einfach so, als hätte es das Ereignis nicht gegeben. Nach Meldungen des DLF müssen Fahrgäste bundesweit heute weiterhin mit Ausfällen und Verspätungen rechnen. Damit reagiert die Bahn genau so, wie sie viele Nutzer:innen kennen: intransparent, unzuverlässig, kundenunfreundlich und ignorant.

In der GA-Paywall hat Felizia Schug einen realistischen Bericht zur Abgasvergiftungskatastrophe in Beuel veröffentlicht. Eine Formulierung erzeugt – beim gegenwärtigen Klima – bei mir regelrechten Hass: “Sie wollen eine Vorrangschaltung der Stadtbahnlinie 66 prüfen …” Jetzt schon?
Es tut nichts mehr zur Sache, wer hier mit “Sie” gemeint ist (die SPD). Die Technik ist seit 50 Jahren verfügbar. 5 davon hat in Bonn Grün-Rot-Rot regiert … Aber ich soll “bloss nicht fragen”, wer das war?