Digitaler Wochenrückblick 12. Juli 2026

Ich war auf der Suche danach, was KI alles anrichtet, suchte ein Beispiel, das menschenverachtend, ein bissel pervers und zugleich auch unheimlich dämlich ist – das Internet ist voll von schwachsinnigen, unrealistischen KI-Videos. Eine lange Suche war nicht notwendig, finde ich zwei tätowierte Idioten, die sich gegenseitig vor Publikum in die Fresse haun, prima, so was kann ich nehmen. Dachte ich.

Für alles braucht es eine Erleuchtung, um dem dumpfen Debakel ein religiöses Fundament zu geben, zitiere ich Matthäus 5,39, dort heißt es: „Ich aber sage euch: Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin!

Ich sehe mir den Zufallsfund genauer an, mir kommen Zweifel. Es ist kein KI-Video, sondern der Ausschnitt einer nordamerikanischen TV-Show, die es als Kampfsportart anpreist. Power-Slap heißt das, die verteilen sich kräftigste Watschen. Gewonnen hat, wer die Partnerin oder den Partner deftig genug am Kopf trifft, so er oder sie dann halbwegs bewusstlos die Glieder streckt. Ich muss kein Mediziner oder Neurologe sein, um mindestens ein Schädel-Hirn-Trauma mit Spätfolgen vorherzusagen. Ein Boxer duckt sich, wenn es brenzlig wird, die bleiben steif stehen, sodass die volle Wucht des ausgestreckten rechten Armes die Birne des Kontrahenten trifft. Upps, vergessen zu gendern, auch Frauen geben es sich auf die Murmel.  Wer es nicht glaubt, hier zu sehen oder liest es auf Wikipedia nach – ich kannte es nicht, obwohl mir schon viel Stuss unter Finger kam. So gesehen, bin ich wohl noch nicht ganz unten angekommen.

Ich lag also falsch mit meiner Vermutung, dass KI für jeden Dumpfsinn verantwortlich ist, da geht noch mehr, blicke ich nach Nordamerika – ich fürchte sogar, noch viel mehr.

Bei aller Kritik an KI sollten wir die positiven Seiten sehen. Früher wurde bei Anrufen eine Wartemelodie eingespielt, bis mich endlich eine freundliche Stimme persönlich begrüßte. Vorbei, da meldet sich mittlerweile hurtig ein KI-Assistent – (äh, oder KI-Assistentin? Wie werden eigentlich Roboter gegendert?). Das Ding fragt nach meinem Anliegen, kenne ich, also sage ich so etwas wie: „Auf meiner Küchenwaage klebt ein schwarzes Loch und behindert beim Landeanflug die Bremswirkung.“, worauf der/die/das Blödel:in antwortet: „Alles klar, ich verbinde mit einem Berater.“ Mehr wollte ich nicht. Ob für diesen Satz wirklich KI zum Einsatz kommen muss? Dafür reicht auch einer der Hirntoten vom Power-Slap, wäre billiger und es gibt genug davon.

KI, so schön sie ist, hat auch ihre Tücken, vor allem wenn sie sich ungebeten dazwischen drängelt. Vor kurzem setze ich eine Immobilienanzeige ab, versehen mit dem Zusatz: „KI-generierte Anfragen werden ungelesen gelöscht.“ Die kommen trotzdem in Massen, aber es ist auch leichter, die Spreu vom Weizen zu trennen. Es gibt verschiedene Portale zu dem Zweck, die alle mehr oder minder gleich aufgebaut sind, aus dem Rahmen fällt allerdings Immobibilienscout24.de

Die Anzeige konnte ich platzieren, aber um die Antworten zu lesen, soll ich – der Sicherheit wegen – eine Identifikation durchführen. Entweder mit der eID (habe ich nicht) oder ein Videoidentverfahren. Halte ich zwar für überflüssig, ich will ja nur die Anfragen lesen. Das Ident-Verfahren nutzt keinen der üblichen Anbieter aus Deutschland und deren Datenschutzerklärung nimmt sich so ziemlich alles raus. Immobilenscout24 müsste die Auftragsverarbeitung offen legen, damit ich prüfen könnte, welche Dienste sie dort gebucht haben. Am Schluss bieten sie mir an, meinen Reisepass via Mail zu schicken. Wer sich Sicherheit der personenbezogenen Daten auf die Fahnen schreibt, dürfte solch ein Ansinnen nicht vortragen.

Besonders unangenehm, die Anzeige kann ich nicht löschen, ohne dieses Ident-Verfahren. Besser noch, der Anzeige wird eine KI-generierte Zusammenfassung vorangestellt, die so aussagenfrei und aalglatt ist, dass sie Schmerzen verursacht. Da wundert es nicht, dass KI-Bots das Zeug aufnehmen und automatisierte Anfragen stellen. Nur: am Ende der Nahrungskette bin ich als Mensch gefordert – überfordert, die Zeit habe ich nicht. Personaler werden das auch kennen, aber die sind Kummer gewohnt.

KI verändert uns und unsere digitale Welt. KI kostet Unmengen an Energie und verschlingt hunderte Milliarden US-Dollar. Die Energieverschwendung stört die US-amerikanischen Anbieter nicht, das wird alles mit zur Refinanzierung eingepreist. Gezahlt wird, sobald die Nutzer einen echten Mehrwert erkennen oder darauf angewiesen sind. Die Überzeugungsarbeit im Unternehmensumfeld, was die Kosten/Nutzen-Seite angeht, ist nicht so überwältigend wie gewünscht. Bleibt, als schärfste Waffe KI-Funktionen so weit wie möglich im Alltagsgeschäft zu integrieren. Hervorragend dazu geeignet ist eine Monopolstellung, wie sie zum Beispiel Microsoft oder Google innehat.

Steckt das Betriebssystem voller KI-Funktionen, kann ich keine Mail mehr verschicken, ohne die Segnungen aus Redmond. Gleichauf auch Google, die es nicht nur elegant mit der Suche verknüpfen.

Souveränität muss sich letztlich daran bemessen, ob wir mit unseren Lösungen gleichauf zu Nordamerika sind. Und dieser Vergleich ist tödlich, denn wir müssen nicht nur gleichartige (oder bessere) Strukturen aufbauen, wir müssen im gleichen Atemzug gegen Scheinargumente ankämpfen und dem eingeschränkten Willen zur Veränderung – nicht nur in Behörden und Firmen, sondern an jedem Schreibtisch, da wo schon ein Win11 mit KI die Sinne vernebelt.

KI ist möglich und sinnvoll – aber es ist nicht sinnvoll, dass jeder Depp mit KI eine Bewerbung für eine Wohnung zusammenstümpert. Weil es demnächst in jeder Ecke steckt, wird der Depp nicht drauf verzichten können und zahlen.

Da sind mir die Eierköpfe vom Power-Slap lieber, diese Krönung der Menschheitsgeschichte braucht keine KI, nur einen Notarzt. Der muss noch nicht mal sonderlich gut sein.

Über Christian Wolf:

Avatar-FotoChristian Wolf (M.A.) ist Autor, Filmschaffender, Medienberater, ext. Datenschutzbeauftragter. Geisteswissenschaftliches Studium (Publizistik, Kulturanthropologie, Geografie), freie Tätigkeiten Fernsehen (RTL, WDR etc.) mit Abstechern in Krisengebiete, Bundestag Bonn und Berlin, Dozent DW Berlin (FS), Industriefilme (Würth, Aral u.v.m), wissenschaftliche und künstlerische Filmprojekte, Projekte zur Netzwerksicherheit, Cloudlösungen. Keine Internetpräsenz, ein Bug? Nein, Feature. (Digitalpurist/IT-Blasphemiker)