Nato-Gipfel von Ankara: Es riecht nach Krieg
US-Präsident Trump brachte das Nato-Sommermärchen auf den Punkt: Beim Treffen in Ankara habe soviel Liebe in der Luft gelegen. Trump hatte allen Grund, hochzufrieden zu sein. Die europäischen Pappenheimer sind genau dort angekommen, wo sie sein sollen: in ihrem Selbstverständnis sind sie inzwischen (mit Ausnahme von Spanien) keine „Trittbrettfahrer“ (Merz) mehr, sondern dankbare Unterstützer des US-Hochrüstungs-Konjunkturprogramms. Das ist die neue „Lastenteilung“ in der Nato: Sehr viel mehr europäische Steuermilliarden werden in die USA fließen. Europäische Steuergelder werden in die Ukraine fließen. Im Ukraine-Krieg lässt sich die Kriegstauglichkeit neuer Waffen bestens testen.
Trump verwirklicht das, wovon bereits sein Vorgänger Biden am 21.6 2022 sprach: Der Krieg gegen Russland sei eine Art „Geduldsspiel“ – wieviel kann Russland aushalten, wieviel ist Europa bereit, auszuhalten. (Quelle: siehe Video des Presseauftritts von Biden in meinen Blog „Zum Stellvertreterkrieg in der Ukraine“). Die USA waren bereits 2022 aus der Rubrik etwas „aushalten zu müssen“ herausgestrichen.
In seinen öffentlichen Auftritten in Ankara stellte Trump unumwunden klar: Er will weitere Investitionen in die US-Wirtschaft. Er will mehr US-Waffen verkaufen, die er wie ein gewiefter Autoverkäufer anpreist. Niemand habe etwas besseres. Denkt Trump an die Ukraine, gehört ihm längst ein gutes Stück Territorium des Landes. Das, wo die Seltenen Erden liegen.
Damit sich alles materialisiert, muss nur noch der ewige Feind (Russland) in die Knie gezwungen werden. Auch darin beschönigte Trump nichts: Wir eskalieren, fasste er kurz und bündig zusammen, was sein Außenminister Rubio eher blumig als „mehr Druck auf Russland“ umschrieb. Was sich die USA ausgedacht hatten, war allerdings in der New York Times vom 30. Dezember 2025 nachlesbar (Paywall): Während Trump eine öffentliche Gaukelei aufführte, verstärkten CIA und Pentagon mit seiner Billigung im geheimen, aber massiv, eine ukrainische Kampagne von Drohnenangriffen auf russische Ölanlagen und Tanker, um so die russische Kriegsmaschine zu schwächen.
Solider Sockel von Anmaßung, Größenwahn und Heuchelei
Die in Ankara Versammelten glaubten, dass die Nato sich den Kurs der strategischen Schwächung Russlands – offen und verdeckt – leisten kann, weil sie an einen „Kampfvorteil“ gegen den „Langzeitgegner“ Russland glaubt. Schließlich verabredeten sie: Wir werden „unseren Kampfvorteil bewahren“.
Spitzfindig könnte man an dieser Stelle fragen, was die ganze Hysterie und andauernde umfassende Mobilmachung soll, wenn die Nato doch schon militärisch überlegen ist. Nur, das ist das ganze Problem mit der aktuellen Nato-Präsentation. Sie passt hinten und vorn nicht zusammen, aber ruht auf einem soliden Sockel von Anmaßung, Größenwahn und Heuchelei.
Nehmen wir allein das sogenannte Nato-Sicherheitsversprechen, das für eine Milliarde Menschen gelten soll. Was hat die Nato-Politik bzw. die Politik von Nato-Ländern real gebracht? Für die eine Milliarde, für die übrigen sieben Milliarden?
Wir haben Krieg in Europa. Dass dieser Krieg nicht im April 2022 zu Ende ging, war nicht die Schuld Russlands. Die Nato entschied, ihre ukrainische „Schattenarmee“ weiterkämpfen zu lassen – weil das Hauptziel Russland hieß und heißt. Wer hat drei der vier NordStream-Pipelines zerstört, und damit ein Kriegsverbrechen gegen unser Land begangen (vgl. Anklageschrift)? Nach der deutschen Lesart steckte die Ukraine dahinter. Und ein deutscher Kanzler bescheinigt der Ukraine in Ankara, sie würde zur Sicherheit der Nato beitragen? Das ist ein sehr merkwürdiges Sicherheitsverständnis.
Das gleiche gilt für den Krieg der USA gegen den Iran, im Nato-Sprech: die „Projektion“ von amerikanischer Macht, für die „Europa“ eine gute „Plattform“ biete. Die USA brachen das vereinbarte Memorandum. Nun sind sie wieder im Angriffsmodus.
Glaubt man der aktuellen Prognose der Weltbank, werden nur die USA und Russland nicht unter den Schockwellen leiden, die die Schließung der Straße von Hormus auslöste. Wie üblich trifft es schon jetzt die Ärmsten und Schwächsten auf der Welt am härtesten, aber noch haben diese Schockwellen ihren Zenit nicht erreicht. Denn die Prognose der Weltbank stützte sich auf die Annahme, dass ab Juli 2026 die Straße von Hormus wieder frei befahrbar ist, mit etwa hundert Schiffen täglich, so wie vor der US-Aggression. Ausweislich der US-Geheimdienste hatte Iran kein Atomwaffenprogramm. Es ist nur eine US-Kriegslüge.
Ausweislich der US-Geheimdienste und des Pentagon hat Russland nicht die Absicht, „Europa“ anzugreifen. Aber die in Ankara versammelten Nato-Staaten taten ein weiteres Mal ihr Möglichstes, damit sich diese Lage ändert. Man darf schon fast glücklich sein, dass die Ukraine keine Zusage für eine Nato-Mitgliedschaft in Ankara bekam. Selenskyj legte gegenüber der Financial Times auch ein höchst eigenwilliges Sicherheitsverständnis an den Tag, nur darauf aus, die Nato in den Krieg voll hineinzuziehen und Russland aus Europa wegzudenken oder auszuradieren: „A strong Ukraine…in Nato, alongside other Nato countries, means security for everyone on the European continent…”.
In Ankara gab es auch das Trumpsche Versprechen, der Ukraine eine Lizenz zur Produktion von Patriot-Abwehr-Raketen beschaffen zu wollen. Sollen sie diese doch bezahlen (aus europäischen Steuermitteln) und selber bauen. Woraus, an welchem Standort und mit welchen Fachleuten, interessierte Trump nicht. Was die europäischen Nato-Alliierten als politischen Schwenk der Trump-Administration zugunsten der Ukraine betrachteten (weil Trump angeblich „Gewinnertypen“ liebe, so die FT) war nur ein weiteres Potemkinsches Dorf, geeignet, alle, die sich nur oberflächlich auskennen, bei Laune zu halten. Trump ringt darum, einem bröckelnden Imperium neuen Atem einzuflößen. Dafür ist ihm alles Recht.
Kein Trost oder Gewinn für Ukrainer*innen
Für „gewöhnliche“ Ukrainerinnen und Ukrainer, für all die, die buchstäblich – wie die vielen Videos der Zwangsrekrutierung zeigen – in den Krieg geschleift werden, und auch für die, die längst dessen Opfer betrauern, ist nichts davon Trost oder Gewinn. Die Mehrheit in der Ukraine ist längst kriegsmüde. Sie will Friedensverhandlungen. Aber die gelingen nur, wenn man die Kriegsgründe berücksichtigt.
In Kanada wurde kürzlich eine neue Organisation gegründet, um die Suche nach vermissten, gefallenen und gefangenen Ausländern zu erleichtern, die auf Seiten der Ukraine kämpften. Die Initiative dazu ergriffen die Eltern eines 24-jährigen Kanadiers, Patrick Mazerolle. Deren einziger Sohn ging heimlich und ohne militärische Ausbildung Anfang 2025 in die Ukraine. Er glaubte, einer guten Sache zu dienen. Am 94. Tag seines Dienstes in der „Internationalen Legion“ fiel er in der Region Luhansk, inzwischen völlig unter russischer Kontrolle. Seine Leiche wird noch dort vermutet.
Die kanadische Presse sprach mit zwei Waffenbrüdern von Patrick. Diese berichteten über ihn nur Gutes. Er habe verwundete Ukrainer unter Beschuss gerettet, die von den eigenen Leuten im Stich gelassen worden seien. „Tarzan“ aus Südafrika beschrieb ihr gemeinsames furchtbares Kriegserleben: „Langsam, aber sicher starben alle um uns herum oder wurden schwer verletzt. Am Ende waren nur noch Odin, Pat und ich übrig, um einen großen Abschnitt der Front zu verteidigen.“ Dann traf Pat ein Schrapnell, am Morgen des 1. September 2025.
Nun wollen die Eltern die sterblichen Überreste ihres Sohnes heimholen. Sie glauben, dass sie das Schicksal von Tausenden teilen, die in der Ukraine ihre Kinder verloren (Anm.: In der Pressekonferenz sprach der Vater von 70.000 bis 90.000. Diese horrende Zahl wurde später korrigiert, denn sie widersprach den offiziellen ukrainischen Zahlen). Die Hinterbliebenen des jungen Kanadiers wissen nicht, dass ihr Sohn als Söldner in der Ukraine nicht vom Kriegsrecht geschützt war. Sie werden auf den guten Willen der russischen Seite angewiesen sein, um sich den bescheidenen Traum von einem Grab ihres Sohnes in heimatlicher Erde erfüllen zu können. Was Schmerz ist, wissen sie leider inzwischen nur zu gut.
Aber auch so etwas spielt auf Nato-Treffen überhaupt keine Rolle, auch wenn Trump immer wieder behauptet, er wolle dem Sterben in der Ukraine ein Ende setzen. Man sollte nicht dem Irrtum verfallen, der Gipfel von Ankara hätte für Russland substantiell Neues zu bieten gehabt. Dass die ganze Nato gegen Russland steht, war seit der westlichen Intervention gegen die Vereinbarungen von Istanbul im März/April 2022 offensichtlich. Womöglich hatte die russische Führung Hoffnung, dass die Machtübernahme von Trump eine gewisse Normalisierung der bilateralen Beziehungen ermöglichen würde, womöglich auch, dass mit Trump eine stabile Friedensregelung gelingen könnte.
Das Melken der europäischen Nato-Alliierten
Andererseits ist Moskau klarsichtig genug, um die US-Strategie der „Lastenteilung“ der zweiten Trump-Administration als das zu entschlüsseln, was sie ist: Das Melken der europäischen Nato-Alliierten zugunsten der Blutauffrischung der USA, die zu keinem Zeitpunkt auf ihre europäischen Jagdreviere verzichtet und nach der größten Trophäe, den Weiten Russlands, giert. Dann wäre sie vielleicht wieder mächtig genug, China den Krieg zu erklären. Das ist der Kern des Konflikts mit Russland, und insofern herrscht zwischen Trump, Putin und Xi sogar Einigkeit. Sie verstehen die Natur des Kriegs in der Ukraine.
Aber Trump ist, und hier wirken die europäischen Alliierten wie eine zusätzliche Dosis eines Aufputschmittels, zugedröhnt von der Annahme militärischer Größe und Überlegenheit. Er ist schwer berechenbar. Das unterscheidet ihn deutlich von seinem russischen Gegenspieler. Dieser hat klar erkennbar noch immer mit den Folgen verlorener Illusionen über den Westen und enttarnter Selbsttäuschung zu kämpfen. Aber darunter liegt kühle Rationalität, planvolles und gelassenes Agieren sowie die stahlharte Entschlossenheit, das eigene Volk zu schützen und nicht preiszugeben. Putin gab das bereits 2018 für alle verständlich öffentlich zu Protokoll: Ein Atomkrieg wäre eine furchtbare globale Tragödie für die Menschheit, für die ganze Welt, aber als Russe und als Staatsoberhaupt des Landes müsse er fragen, was eine Welt wert sei, in der es Russland nicht mehr gebe.
Die Nato-Politik läuft darauf hinaus, diese Erklärung auf die Probe zu stellen, regelrecht lauernd darauf, dass Russland die Nerven verliert und zum nuklearen Paria wird. Sie verfängt sich so in ihrer eigenen Polemik. Denn die Nukleardoktrin Russlands ist eindeutig. Erst, wenn es um Kopf und Kragen geht, darf atomar gehandelt werden. Ein solches Ziel kann keiner bei Verstand wollen.
Russland weitet anscheinend seine Kriegsziele aus
Anders als China (der finnische Präsident überbrachte laut FT soeben die Nachricht, dass die Chinesen nicht davon ausgehen, dass Russland nuklear vorangehen werde) scheint den Nato-„Strategen“ jedoch entgangen zu sein, dass Russland inzwischen ein paar konventionelle Trümpfe in der Hinterhand hat, hochgefährliche Waffen. Sie wurden entwickelt in Reaktion auf die westliche Aufkündigung des ABM-Vertrags, des Verbotsvertrags von Mittelstreckenwaffen und einer unverhohlenen Ablehnung der Berücksichtigung russischer Sicherheitsinteressen. Diese Waffen sind real. Wir haben ihnen nichts entgegenzusetzen. Sie sind nicht abfangbar.
Was wird die Nato tun, wenn die Illusion eines militärischen Siegs gegen Russland mittels der Ukraine für alle offensichtlich wie eine Seifenblase platzt? Russland weitet anscheinend seine Kriegsziele aus. Nun sind auch Charkiv und Odessa im Blick, und die militärischen Schläge werden immer, immer unerbittlicher. Gleichzeitig haben wir eine Propaganda-Offensive, die die Ukraine auf der Siegerstraße sieht. Was machen wir, wenn die Realität an der Front nicht mehr zu leugnen sein wird? Werden wir dann zur erklärten Kriegspartei? Ist dann der Moment für den Westen gekommen, an dem er nuklear blankzieht?
Auf der anderen Seite: Wir haben nicht die geringste Vorstellung, was die direkte Unterstützung für die „tiefen“ Schläge in Russland innerhalb der russischen Führung und der russischen Gesellschaft auslöst. Wann die Schwelle überschritten ist, wo es kein Zurück mehr gibt. Noch reagiert die russische Führung besonnen und redet die Wirkungen politisch herunter. Dafür sollten wir dankbar sein. Gleichzeitig hat aus russischer Sicht der Westen jede Glaubwürdigkeit verloren. Aber was, wenn sich strategische Geduld politisch erschöpft, was dann?
Wer den Krieg mit Russland sucht, wird ihn bekommen
Was, wenn die ersten Oreschniks bei westlichen Kriegsherren, die sich hinter der Ukraine verstecken, einschlagen? Oder ein künstlich erzeugter Tsunami London verheert? Dann blieben zur westlichen Vergeltung auch nur noch Atomwaffen.
Das sind zwei verschiedene Szenarien eines Albtraums, die sehr realistisch geworden sind. Weil wir unentwegt Russland den Fehdehandschuh vor die Füße werfen, immer im Glauben, wir könnten dieses Land militärisch unter die Knute zwingen, immer im Glauben, die Nato böte Schutz und Sicherheit. Haben wir wirklich nichts dazugelernt?
Nicht Liebe lag in Ankara in der Luft. Es roch nach Krieg. Wenn wir so weitermachen, den Krieg mit Russland suchen, dann werden wir ihn auch bekommen. Wer glaubt, sich irgendwo auf der Erde davor verstecken zu können, ist auf dem Holzweg. Wenn Macht weiter Vernunft korrumpiert, wird das der letzte Krieg, den die Menschheit als Zivilisation führt.
Man kann die von Putin im Rahmen der nuklearen Abschreckung aufgeworfene Frage ganz anders stellen: Was ist eine Welt wert, in der es alles, was wir kennen und lieben, oder auch das, was wir als gänzlich ungerecht empfinden, was uns zornig oder traurig macht, kurz, das Leben, nicht mehr gibt?
Dieser Beitrag ist eine Übernahme aus dem Blog der Autorin, mit ihrer freundlichen Genehmigung.

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