Warum spanischsprachige Lesekreise in Bonn und Köln politische Räume sind

In den letzten zwei Jahren hat die Autorin Lesekreise in Bonn und Köln aufgebaut. Sie ist überzeugt, dass solche Gruppen mehr sind als Orte, an denen Bücher besprochen werden.

Mein Ziel war es, Räume intellektueller Geselligkeit, kritischer Bildung und kollektiver Sinnstiftung zu gestalten, in denen Emotionen so viel Gewicht haben wie Argumente. Bei den Treffen, in der Regel einmal im Monat, verwandelt sich das individuelle Lesen in eine gemeinsame Reflexion vieler Stimmen. So entstehen Verbindungen zwischen Menschen, die sich sonst womöglich nie begegnet wären. Das zeigen die Gruppen „AKELARRE de Mujeres“ in Bonn und „ALIADAS“ in Köln, in denen sich mehr als 60 Frauen aus unterschiedlichen Ländern zusammengetan haben, die vorher nichts miteinander zu tun hatten. In den Treffen entsteht das Vertrauen, über Ideen, Gefühle und persönliche Erfahrungen zu sprechen. Es ist ein kulturelles Ritual, das ich für außerordentlich wertvoll und notwendig halte, denn in unseren Gesellschaften sind die Räume für tiefen Austausch selten geworden. Diese Gruppen sind Mikrogemeinschaften des Dialogs. Wir begleiten uns durch die Geschichten, die die Bücher erzählen und uns mit unseren eigenen Erfahrungen als Frauen, Migrantinnen, Berufstätige, Mütter und Weltbürgerinnen verbinden.

Ausgangspunkt für weitere Fragen

Zu dieser sozialen Dimension kommt das zweite Ziel meiner Arbeit, ein ausdrücklich politisches, die Förderung kritischen Denkens als ethisch-politisches Projekt. Das bedeutet, dass wir bei der Auseinandersetzung mit einem Text über die bloße Handlung hinausgehen und die gesellschaftlichen Strukturen in den Blick nehmen, die hinter einer Erzählung stehen. Jede Person hebt andere Aspekte hervor, unterschiedliche Interpretationen prallen aufeinander und auch verschiedene biografische Erfahrungen fließen in die Diskussion ein. Dadurch werden dominante Deutungsmuster hinterfragt. Ein guter Lesekreis bleibt nicht bei der Frage stehen, ob einem ein Buch gefallen hat oder nicht. Er nutzt den Text vielmehr als Ausgangspunkt für weiterführende Fragen: Welches Weltbild vermittelt er? Welche Stimmen fehlen? Welche Erfahrungen kennen wir aus unserer eigenen Wirklichkeit? So wird der Lesekreis zu einem Labor kollektiver Interpretation, in dem sich die emotionale und die politische Dimension miteinander verbinden. Zusammen zu lesen schafft Gemeinschaft, knüpft Netzwerke und besitzt, auch wenn dies nicht immer ausdrücklich benannt wird, eine politische Bedeutung, weil es Frauen ermöglicht, sich Zeit, Stimme und Denken anzueignen.

Das gemeinsame Lesen unter Frauen ist zu einer intellektuellen Praxis geworden, zu einer Form der Begegnung, der Fürsorge und des Gesprächs. Die Texte werden nicht nur analysiert, wir lesen sie im Austausch mit anderen Frauen, mit den eigenen Erfahrungen und dem gesellschaftlichen Kontext. Es handelt sich um eine situierte Lektüre, in der Bücher mit dem Leben in Dialog treten. Was die Frauen hervorheben, was sie irritiert oder bewegt, steht in Zusammenhang mit Mutterschaft, Arbeit, Gewalt, Begehren, Verlust und Freude. Heute gibt es unzählige Lesekreise von Frauen in zahlreichen Ländern. Sie haben wesentlich dazu beigetragen, den Boom lateinamerikanischer Autorinnen zu festigen, und haben Schriftstellerinnen wiederentdeckt, die vom männlich geprägten Kanon lange vergessen wurden.

Diese Praxis ist allerdings weder neu noch unschuldig. Historisch betrachtet waren Lesekreise von Frauen eine Form des Widerstands. Frauen lasen zu einer Zeit, in der von ihnen oft nicht erwartet wurde, dass sie lesen; sie interpretierten die Welt aus ihrer eigenen Perspektive und schufen eigene Lesetraditionen. Die feministische Theorie ermöglicht es uns heute, präziser zu benennen, was dieser Widerstand hervorgebracht hat und weiterhin hervorbringt.

Aus der Perspektive der feministischen Literaturkritik hat Judith Fetterley gezeigt, dass unsere gesellschaftliche Position ausmacht, wie wir einen Text lesen. Sie spricht von der „widerständigen Leserin“: Frauen, die kritische Strategien entwickeln, um die dominanten Perspektiven in literarischen Texten zu hinterfragen. In Lesekreisen erarbeiten sie diese Deutungen kollektiv, indem sie Erfahrungen austauschen und sich mit unterschiedlichen Sichtweisen auseinandersetzen. Elizabeth Long nennt das „Konversationslaboratorien“. Hier können Menschen die persönliche Erfahrung mit öffentlichen Debatten in Beziehung setzen.

Sandra Harding hat mit ihrer Standpunkttheorie herausgearbeitet, dass Wissen immer sozial situiert ist. Deswegen können historisch benachteiligte Gruppen kritische Interpretationen schaffen, die Machtstrukturen sichtbar machen, die ansonsten verborgen bleiben würden. In Lesekreisen erweitern Frauen außerdem den kulturellen und literarischen Kanon, indem sie Stimmen hörbar machen, die historisch marginalisiert wurden. Auch bell hooks schreibt über „Lerngemeinschaften“, in denen Dialog, Teilhabe und kritische Reflexion geübt werden können.

Die spanischsprachigen Lesekreise von Frauen in Deutschland, die ich begleitet habe, sind Ausdruck einer sozialen Praxis, die Geselligkeit, kollektive Interpretation und die Produktion situierten Wissens miteinander verbindet. Über ihre literarische Dimension hinaus stärken diese Räume soziale Netzwerke und fördern kritisches Denken. Letztlich bestätigt jede einzelne Sitzung in Bonn oder Köln etwas, das die Theorie längst wusste, das aber erst die Praxis sichtbar macht: Gemeinsam zu lesen ist nicht bloß ein Zeitvertreib, sondern eine Weise, in der Welt zu sein.

Dr. Daniela Cerva Cerna ist chilenisch-mexikanische Soziologin und feministische Wissenschaftlerin. Übersetzung: Mirjana Jandik. Dieser Beitrag ist eine Übernahme aus ila 497 Juli/Aug. 2026, hrsg. und mit freundlicher Genehmigung der Informationsstelle Lateinamerika in Bonn. Links wurden nachträglich eingefügt.

Über Daniela Cerva Cerna - Informationsstelle Lateinamerika:

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