Der geplante und in Teilen schon begonnene Umbau des Sozialstaats ist weder sozial noch gerecht.

Nasratullah Raaufi, 27 Jahre, Lagerarbeiter bei Amazon in Hoppegarten

“Ich bin vor circa 11 Jahren als 16-Jähriger von Afghanistan nach Deutschland gekommen. Ich habe zunächst Deutsch gelernt, dann meinen Hauptschulabschluss und anschließend meinen Mittleren Schulabschluss gemacht. Ich wollte auch noch das Abitur machen. Aber dann kam Corona und der Unterricht fand nur online statt und ich habe die 11. Klasse nicht geschafft. Das war 2021 und seitdem arbeite ich bei Amazon. Das erste knappe halbe Jahr war ich befristet über zwei Zeitarbeitsfirmen angestellt, dann 24 Monate jeweils für 12 Monate befristet direkt bei Amazon. Im September 2023 habe ich dann meinen unbefristeten Vertrag erhalten.

Wenn die Neueingestellten zukünftig 48 Monate befristet werden können, bedeutet das: Man lebt noch länger in Unsicherheit. Vier Jahre sind eine lange Zeit. Es wird schwieriger, die Zukunft zu planen. Es wird noch schwieriger, eine neue Wohnung zu finden. Vermieter bevorzugen Menschen mit einem unbefristeten Arbeitsvertrag. Ich habe fünf Jahre lang erfolglos eine Wohnung gesucht. Als ich noch befristet war, habe ich mich auf über tausend Wohnungen beworben. Ich habe jeden Tag zwei bis drei Bewerbungen rausgeschickt. Eingeladen wurde ich nur zu vier Besichtigungsterminen. Alles ist unsicher im Alltag, weil man nie genau weiß, ob man in ein paar Monaten noch einen Job hat.

Dadurch steigt auch der Druck auf die Beschäftigten. Wer weiß, dass der Vertrag bald ausläuft, fühlt sich oft gezwungen, Überstunden zu machen oder schlechtere Bedingungen zu akzeptieren. Vor allem kurz vor Vertragsende wächst wieder die Sorge: Werde ich übernommen oder muss ich mir einen neuen Job suchen? Man traut sich kaum, seine Meinung zu sagen. Und viele haben auch Angst sich krank zu melden, wenn sie krank sind.

Die Reform der Befristungen ist nur gut für die Unternehmen, für die Beschäftigten ist sie ein klarer Rückschritt. Statt mehr Sicherheit gibt es noch mehr Unsicherheit und Stress. Meiner Meinung nach sind schon zwei Jahre sachgrundlose Befristung hart genug. Vier Jahre sind völlig übertrieben und nicht akzeptabel.”

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