Dann halt Hoffnung aus Indien

Am 25. Juli trat in Indien der Bildungsminister zurück, als Folge von Demonstrationen der indischen Jugend – seitdem ist es in den deutschen Medien wieder ruhig um das Thema geworden. Dabei lassen die jungen Menschen Indiens weiter Taten folgen. Nahezu im ganzen Land haben Mitglieder der „Kakerlaken“-Bewegung mit spontanen Schulinspektionen begonnen und nennen es das Fix deine Schule Programm. Davon ermutigt organisieren nun sogar jüngere Schüler lokale Demonstrationen in ihren Dörfern und Kleinstädten, um darauf aufmerksam zu machen, dass die versprochene Straße zur Schule immer noch nicht gebaut wurde, oder die Sanitäreinrichtungen in der Schule immer noch nicht vorhanden sind .

Dass die jungen Menschen damit den alt eingesessenen politischen Führern lokal ordentlich ans Bein pinkeln, zeigte dann ein trauriges Beispiel im Bundesstaat West Bengalen. Nachdem der 27-jährige Hafiz, Mitglied der Coa-Party (CJP) eine Schule im Dorf Bankura inspiziert hatte, besuchte der lokale Präsident von Modis Bharatiya Janata Party (BJP) mit mindestens 7 Parteischlägern das Haus von Hafiz. Sein Vater stellte sich den Angreifern in den Weg um seinen Sohn zu schützen und wurde darauf mit Stöcken und Eisenstangen zu Tode geprügelt .

Die indischen jungen Menschen, die einen Monat in Delhi auf die Straße gingen, wie auch der Gründer der Kakerlaken-Partei Abhijeet Dipke, waren bisher eher unpolitisch. Dazu sind sie „normale“ Inder und Inderinnen, was bedeutet, dass sie auch religiös geprägt sind. 

Vor drei Jahren stellte ich in einer Reportage die jungen Menschen Rakhi und „Jesus“ vor – stellvertretend für die neue progressive indische Jugend. Zusammen hatten sie im ländlichen Indien eine Art offenes Haus für jedermann auf die Beine gestellt. Doch Ihr Umdenken begann schon während der Corona-Zeit, in der sie aus ihren IT-Buden nach Rishikesh an den Ganges ins Homeoffice geflohen waren. Dort machten sie dann auch den Schritt vom Hinduismus in die Spiritualität. Hinduismus wie der Islam wurden so für sie zu Geschwistern. Trotzdem blieb für Rakhi und „Jesus“ eine der wichtigsten indischen Gottheiten wichtig und zwar: Ram, eine Reinkarnation vom „Übergott“ Vishnu.

Intoleranz und Hass auf Minderheiten

So wie noch ältere Generationen in Deutschland mit Märchen aufgewachsen sind, in denen versucht wurde, Werte zu vermitteln, sind selbst noch die indischen 30-Jährigen mit den „Legenderzählungen“ der Ramayana aufgewachsen. Dort spielt Ram die Rolle der Verkörperung aller guten menschlichen Werte, auch die von Toleranz. So hatten auch Rakhi und „Jesus“ bemerkt, was Modi, die BJP und die „Mutter“ der beiden, die Rashtriya Swayamsevak Sangh (RSS), aus Ram gemacht haben: Eine Rechtfertigung für Intoleranz und Hass (auf Minderheiten). Der Bau des Ram Temple in Ayodhya ist das beste Beispiel dafür, der auf dem Boden der ehemaligen Babri-Moschee gebaut wurde. Nach einer jahrzehntelangen Hass-Kampagne zerstörten am 6. Dezember 1992 100.000 Freiwillige des RSS, des VHP und der BJP die Moschee. Bei anschließenden Unruhen die das ganze Land erfassten starben 2000 Menschen, vorwiegend Muslime .

Ironie: Der Ram-Tempel wurde erst im Jahr 2024 eröffnet und schon jagt ein Skandal den nächsten. Die Verantwortlichen des Tempels haben Spendengelder im Wert von 739.000 US-Dollar gestohlen. Mitglieder von Modis BJP werden und wurden beschuldigt Land für den Tempel billig gekauft und dann teuer an die Tempel-verantwortlichen weiter verkauft zu haben . Ein Priester des Temples soll Urkundenfälschung begangen haben, um ebenfalls ein Stück Land vom „Tempel-Kuchen“ abzubekommen.

Bei Prüfungen wird durch Betrug Geld verdient

Natürlich hatten Modi und Co. auch versucht die Kakerlaken-Bewegung als anti-national und anti-Hindu zu brandmarken, so wie sie es mit allen progressiven Bewegungen in den letzten 12-Jahren in Indien erfolgreich gemacht haben. Aber die jungen Demonstranten taten ihnen nicht den Gefallen „Fuck Ram“ zu rufen. Sie machten auf ein Problem aufmerksam, dass 90 Prozent aller indischen Familien haben: Die Bildung ihrer Kinder, die immer teurer wird, da privatisiert. Selbst bei Prüfungen wird durch Betrug Geld verdient wird und das brachte für viele das Fass zum Überlaufen.

Der Einfluss der Proteste der „Kakerlaken“ Partei hat jetzt auch positiv die Politik infiziert – ein großer Teil der jungen Protestler waren junge Frauen. Im südlichen Pune stand Oppositionsführer Rahul Gandhi auf der Bühne und hinter ihm ein riesiges Plakat mit der Aufschrift: Smash the patriarchy. Offenbar kommt dieser Wissenssprung eines indischen Politikers selbst für junge Frauen in Indien ziemlich überraschend, denn in einer spontanen Umfrage unter jungen Frauen, was sie davon halten, war der O-Ton: „Wow. Is this real?“

Noch etwas haben die indischen „Kakerlaken“ erreicht: Auch im Nachbarland Pakistan sind jetzt in den Städten Hyderabad und Karachi junge Menschen auf die Straße gegangen um auf Missstände im Bildungssektor aufmerksam zu machen, denn neben vielen anderen Problemen werden auch in Pakistan die Testaufgaben für Aufnahmeprüfungen verkauft.  Es gab sogar einen offenen Dankesbrief eines jungen Pakistaners mit vollen Namen an die jungen Menschen in Indien. O-Ton: Wir haben die gleichen Probleme und fühlen wie ihr!

Pakistan – ein paar Meter tiefer im Dreck

In Pakistan steckt der Karren noch ein paar Meter tiefer im Dreck als in Indien, dazu haben Armee und Geheimdienste das Land im Griff, doch auch in Pakistan stehen die Uhren nicht still: Auch dort ist der Frust der jungen Menschen riesengroß, wie ich bei meinem letzten Besuch Anfang 2026 feststellen konnte. Auch in Pakistan hörte ich jungen Menschen stundenlang zu, deren Unmut sich meistens in purem Sarkasmus über ihre korrupten Politiker und Generäle äusserte. Auch in Pakistan ist die Mehrheit der Bevölkerung jung – 64 Prozent sogar jünger als 30 Jahre. Auch in Pakistan muss akzeptiert werden, dass die Religion noch in den jungen Menschen steckt.

Die „Revolution“ in Indien ist ein langsamer Prozess. Kopf ab und alles wird gut, ist unter gut informierten jungen Menschen keine Option mehr. Dazu sind die sozialen und ökologischen Probleme so groß, dass sofort angepackt werden muss, auch ohne eine richtige, politische „Ausbildung“: 

Wenn Narendra Modi morgen aufwacht

und sagen würde: „Vishnu hat zu mir gesprochen. Saubere Luft, sauberes Trinkwasser und Chancengleichheit für alle, anstatt Reichtum für wenige, sind das neue Ziel unserer Regierung“, dann würden die Jungen wohl sagen: „Dann zeigt mal und wenn du es durchziehst, wählen wir dich sogar bis zu deinem 110 Lebensjahr – wenn Vishnu das zulässt. Lol.“ Und das sage nicht ich, sondern meinte gestern einer der (ehemaligen) Teestand Philosophen von Rishikesh zu mir. 

Über Gilbert Kolonko:

Avatar-FotoGilbert Kolonko reist seit über 25 Jahren durch Indien, Pakistan, Nepal und Bangladesch. Er hat ein Buch über den Bürgerkrieg in Nepal geschrieben und eines über Pakistan. Dazu Artikel und Reportagen über den Subkontinent für deutsch- und englischsprachige Medien.