Werdegang eines Konzepts

Das Konzept „Körper-Territorium“ stammt aus Lateinamerika. Nicht akademische Zirkel, sondern indigene Frauen haben es entwickelt. Rocío Silva Santisteban, Menschenrechtsaktivistin, Dichterin, Kolumnistin und Politikerin aus Peru, stellt für die ila Geschichte und gegenwärtige Anwendung des Begriffs vor.

Gemeinsam mit Sprecher*innen anderer indigener Nationen, etwa den Awajún und den Wampis, stand Olivia Bisa Tirko im August vor dem Tribunal für die Rechte der Natur im Rahmen des XII. Panamazonischen Sozialforums FOSPA in Puyo, Ecuador. Ihr Schmuck wies sie als Präsidentin der Autonomen Territorialregierung von Chapra aus. Lautstark forderte sie die formelle Annullierung des Ölfelds 64 und anderer geplanter Ölfelder, die ihre angestammten Gebiete zu zerstören drohen. Im Jahr zuvor war die junge Frau mit dem Globalen Umwelt- und Klimagerechtigkeitspreis ausgezeichnet worden. Doch trotz internationaler Anerkennung für ihren Kampf gegen die Ölverschmutzung sind heute sieben Gerichtsverfahren der peruanischen Staatsanwaltschaft gegen sie anhängig. Zudem hat sie sechs Mordanschläge überlebt.

Was tun angesichts all der Drohungen, Kriminalisierungen und Gewalt, die Staat und Unternehmen anwenden, um ihre Souveränität in den Territorien durchzusetzen, in denen sie Rohstoffe ausbeuten wollen? Die einzige Möglichkeit ist organisierter, kollektiver, fürsorgender Widerstand mit dem ganzen Körper. Indigene Frauen haben Strategien für ihr psychisches Überleben entwickelt. Sie haben Kriege und bewaffnete Konflikte erlitten, die ihre Körper durch Massenvergewaltigungen oder sexuelle Gewalt wie Zwangssterilisationen schwer geschädigt haben. Ihre Strategien basieren auf der Reflexion über solche Erfahrungen. Sie entstanden in ihren Gemeinschaften, bei Treffen nur für Frauen, in denen es darum geht, ein Leben ohne Gewalt zu entwerfen. Eines der dort entwickelten Konzepte ist das Konzept vom Körper-Territorium.

Das Konzept, das in der lateinamerikanischen feministischen Debatte über den Schutz der Natur vor verheerender Ausbeutung entwickelt wurde, scheint zunächst wirkmächtig, aber auch vage. Es basiert auf der Erkenntnis, dass Körper und Territorium ontologisch verwandt sind. Daher wirkt sich das, was mit dem einen geschieht, auf das andere aus. Allerdings geht es nicht darum, eine essenzialistische, stereotype Verbindung zwischen dem Körper der Frau und dem der Erde herzustellen. Vielmehr gilt es zu verstehen, dass beides historisch und kulturell im Schatten patriarchaler Unterdrückung entstanden ist.

Akademische Ignoranz

In Lateinamerika im Allgemeinen, in Peru im Besonderen, kursiert das Konzept seit vielen Jahren in der populären Bildung: in feministischen Schulen, Workshops zu Männlichkeiten oder auch Gesundheitskursen, die zivilgesellschaftliche Organisationen, Frauenverbände, bäuerliche Netzwerke und Frauen aus indigenen Bewegungen anbieten. Das Konzept stammt also nicht aus der akademischen Welt, sondern aus der Praxis des sogenannten Fühlen-Denkens („sentipensar“) bei der Verteidigung des Territoriums. Bisweilen denken jüngere Frauen, insbesondere Studentinnen, das Konzept habe nichts mit der konkreten Realität indigener Frauen zu tun. Manche junge Feministinnen bezeichnen es gar als „akademisches“ Gedankengebäude, wenden es aber selbst nicht an bei ihren Aktionen, wie mir Frauen aus ländlichen Gebieten und indigene Frauen sagten.

Im rein akademischen Bereich der Universitäten, beispielsweise in Kursen zur territorialen Governance an geografischen Fakultäten, wird der Begriff Körper-Territorium jedoch nicht nur völlig ignoriert, sondern von einigen Professoren gar als „unwissenschaftlich“ abgetan. In einigen Gender-Studies-Kursen in Peru wird das Konzept zwar erwähnt, vermutlich aber nur an Universitäten wie der Simón-Bolívar-Universität in Quito oder dem El Colegio de México ein­gehender behandelt.

Obwohl das Konzept des Körper-Territoriums seine Wurzeln im indigenen und kommunitären Feminismus1 Lateinamerikas hat, insbesondere dort, wo der Kampf um Land- und Frauenrechte eng miteinander verknüpft ist, ist kaum nachzuweisen, wann der Begriff zum ersten Mal benutzt wurde. Einige der frühesten Erwähnungen stammen aus indigenen kommunitären feministischen Bewegungen in Guatemala und Bolivien.

Lorena Cabnal gehört zu denjenigen, die den epistemischen Bruch mit westlichen und patriarchalen Unter­drückungsnarrativen am deutlichsten formuliert haben. Sie betonte die dringende Notwendigkeit, Wissen aus der eigenen körperlichen Gewalterfahrung zu erzeugen: „Im eigenen Körper werden die täglichen Auswirkungen von Gewalt sichtbar, aber auch die von Emanzipation.“ Deshalb wurde der Begriff des Körper-Territoriums genutzt, um Gewalt unterschiedlicher Intensität zu kritisieren, wie auch neue Formen der Selbstfürsorge zu fördern und zu entwickeln. Körper-Territorium ermöglicht es, ein Gefühl der Zugehörigkeit und der Verfügungsgewalt jenseits der Konzepte von Eigentum und Erbe sowohl des eurozentrischen als auch des originären Patriarchats zu erkennen. Cabnal hat eine Reihe von Heilungsstrategien entwickelt, um dem Umfeld zu entkommen, in dem patriarchale Strukturen Besitzrechte auf die Körper indigener Frauen festlegen. Die Möglichkeit, über das Körper-Territorium zu reflektieren und es in einer heilungs-emanzipatorischen Logik anzuwenden, knüpft an die in diesem Zusammenhang am häufigsten verwendete Überlegung an: Die durch den Extraktivismus verursachten Wunden müssen geheilt werden.

Feminizid der Erde

Aus einer anderen, akademischeren Perspektive verwendet Verónica Gago den Begriff des Körper-Territoriums nicht nur für ökoterritoriale Auseinandersetzungen oder die der LGBTQI+-Community, sondern auch für die Verteidigung des Körpers bei der komplexen Frage des legalen, universellen und kostenlosen Schwangerschaftsabbruchs sowie für die Verteidigung des sozialen Körpers, der durch die vielfältigen „Abschöpfungen“ nicht nur natürlicher Ressourcen, sondern auch sozialen Potenzials, wie etwa bei der Verschuldung, gefährdet ist. Gago sagt überdies: „Körper-Territorium kann als Gegenbild zum abstrakten Charakter des besitzenden Individuums in der neoliberalen Moderne verstanden werden.“

Körper-Territorium ist also als Konzept eines pluralen, gemeinschaftlichen, integrierten, weiblich gelesenen Subjekts zu verstehen. Da der Begriff Körper-Territorium aus den Kämpfen von Frauen gegen patriarchale Unterdrückung im Extraktivismus hervorgegangen ist, ermöglicht uns das Konzept auch, den Zusammenhang zwischen geschlechtsspezifischer Gewalt und Landenteignung beziehungsweise räuberischem Kapitalismus zu begreifen.

Das Konzept beinhaltet zudem, Territorien als soziales Gebilde zu fassen, das gedemütigt, verletzt, zerstört und wie bei einem Feminizid zerstückelt werden kann. Cabnal sieht hier einen Zusammenhang: „Es gibt auch territorialen Feminizid: die Ermordung von Frauen, die ihren Körper und ihr Territorium verteidigen, weil sie eine Bedrohung für das neoliberale kapitalistische Patriarchat darstellen, wie im Fall von Berta Cáceres.“ Man könnte somit von „territorialem Feminismus“ sprechen, mit dem man Feminizide an Verteidigerinnen von Territorium und Körper klassifiziert, und „Feminizid der Erde“, um den Ökozid großer, durch Bergbauabfälle beeinträchtigter Gebiete zu beschreiben.

Die Ermordung der indigenen Lenca-Aktivistin Berta Cáceres 2016 in Honduras wurde für Umweltschützerinnen in Lateinamerika zu einem paradigmatischen Ereignis. Gewalt gegen Frauen im Kontext ökologischer und territorialer Konflikte wird jedoch auf dem gesamten Kontinent verübt, und zwar auf eine Weise, die sich von der Gewalt gegen Männer unterscheidet. Daher besteht eine der Widerstandsstrategien von Umweltschützerinnen darin, die Verbindung zwischen Körper und Territorium zu betonen. In diesem Sinne bezeichnen sie die einzigartige Beziehung zwischen Natur und ihrem Körper als Körper-Territorium. In Peru erklärte Ruth Buendía, Sprecherin der Asháninka und Goldman-Preisträgerin von 2014: „Indigenes Territorium ist wie der Körper der Mutter. Wir werden niemals zulassen, dass es beschädigt oder prostituiert wird.“

Für Yanet Medrano ist die Verbindung zum überlieferten Wissen, das durch die Erinnerungen von Großmüttern und Müttern weitergegeben wird, grundlegend für die Körper-Territorium-Achse. Dies ist ein Weg, das zivilisatorische Projekt der modernen, auf dem Kolonialismus aufgebauten Welt zu hinterfragen und zu unterstreichen, dass das Leben im Zentrum aller kollektiven Interessen steht. Dieser Ansatz passt zu dem der Gegenpädagogiken der Grausamkeit im Sinne Rita Segatos. Sie sind nämlich nicht nur antipatriarchalisch, indem sie das Mandat der Männlichkeit – den männlichen Korporatismus, geringe Empathie, Grausamkeit, Unsensibilität, Bürokratismus, Distanzierung und Entwurzelung – in Frage stellen. Vielmehr konzentrieren sie sich auf das, was Segato „weibliche Politizität“ nennt. Und die basiere auf dem Gemeinschaftlichen, da sie kollektives Denken und Handeln vorschlägt: „Die Politizität der Frauen ist in der Gemeinschaft verwurzelt, sie ist nicht utopisch, sondern aktuell und pragmatisch.“ Segato zufolge entwickelt sich das historische Projekt der Beziehungen – im Gegensatz zum historischen Projekt der Dinge – aus der Politizität von Frauen. Es entspringt der vorkapitalistischen Gemeinschaftlichkeit, stellt das Beziehungsgefüge in den Mittelpunkt und basiert auf Gegenseitigkeit. Somit bietet dieses historische Projekt, das Jahrtausende von Patriarchat und Beherrschung überdauert hat, auf der Basis von Erzählungen von Frauen und ihren Beziehungen zu ihren Vorfahren einen Hoffnungsschimmer angesichts einer monetarisierten, militarisierten und wirtschaftsorientierten Welt.

1) Feminismo comunitario steht im Gegensatz zum städtischen, weißen, mittelschichtgeprägten Feminismus.

Übersetzung: Gaby Küppers

Zitierte Texte

Cabnal, Lorena, Die Geschichte der Gewalt aus meinem Körper-Territorium. In: Leyva, Xochitl und Icaza, Rosalba. In Zeiten des Todes: Leichen, Rebellionen, Widerstände, Buenos Aires 2019, CLACSO-Retos-ISS.

Chumpitaz, Oscar, „Die Reaktivierung von Ölfeld 64 in indigenen Gebieten wurde gestoppt“. La República, Samstag, 22. August 2026, S. 9.

Gago, Verónica, Feministische Macht. Oder der Wunsch, alles zu verändern. Madrid 2019, Traficantes de Sueños.

Gargallo, Francesca, Feminismen von Abya Yala. Ideen und Vorschläge von Frauen aus 607 Völkern unseres Amerikas. Buenos Aires 2013, América Libre.

López Tarabochia, Milton, „Peru: Mehr als 50 Umweltschützer wurden im Kongress geehrt“. In: Mongabay, América del Sur, 8. Juni 2017,

Medrano Valdez, Yanet, Vortrag „Körper-Territorium-Beziehung aus der Perspektive des kommunitären Feminismus“. UPGPG, Mexiko, 2024.

Paredes, Julieta und Guzmán, Adriana, Im Geiste der Rebellion verwoben. Was sind kommunitäre Feminismen? La Paz 2014, Mujeres Creando.

Segato, Rita, Gegenpädagogik der Grausamkeit. Buenos Aires 2018, Prometeo.

Segato, Rita, Szenen eines unangenehmen Denkens. Buenos Aires 2018, Prometeo.

Dieser Beitrag ist eine Übernahme aus ila 498 Sept. 2026, hrsg. und mit freundlicher Genehmigung der Informationsstelle Lateinamerika in Bonn. Links wurden nachträglich eingefügt.

Über Rocío Silva Santisteban - Informationsstelle Lateinamerika:

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